Wilhelm Genazino, Die Liebesblödigkeit
Wenn der Titel eines Romans zu einem geflügelten Wort wird, ist eigentlich in der Literatur alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Mittlerweile ist es im Smalltalk durchaus üblich, jemanden nach seiner Liebesblödigkeit zu fragen, also danach, wie vertrottelt er in seinem Liebesverhalten schon geworden ist.
Wilhelm Genazinos süffisanter Lebenskunde-Roman erzählt von Fünfzigjährigen, die in der Liebe alt werden und dabei ins Senil-Kindische ausreifen. Die Sicht der Dinge liefert ein mega-zeitgenössischer Icherzähler, der als Trainer gesellschaftliche Endzeitprognosen unterrichtet und dessen Liebespsyche von Sandra und Judith begleitet wird.
Es gibt Psychologen, die reden eine Stunde lang nichts, und beim Hinausgehen ist der Patient dennoch erleichtert, und dann gibt es welche, die reden in einer Stunde eine Stunde lang, und der Patient ist von dieser Fülle wunderbar entleert.
Minimales Leben, Leben auf Sparflamme – aus der Welt der Murmeltiere kennen wir diesen zurückgefahrenen Zustand. Aber nicht nur manche Tiere fahren über den Winter das Leben zurück, auch mitten in der pulsierenden Zivilisation gibt es immer wieder Menschen, die ihr Dasein auf ein Minimum einschränken.
Dramatisch schön ist aber auch das Vokabular, das Tourengehern zur Verfügung steht, wenn auf einen gelungenen Aufstieg ein geglückter Abschwung erfolgt ist.
Das ist die Eigenschaft guter Erzählungen: Man liest sie zuerst scheinbar nebenbei, und plötzlich hat man alles rund herum vergessen und es sind nur noch die Erzählungen da. Christoph Pichler hat sechzehn solche Erzählungen mit Zeitverzögerung zusammengestellt unter dem edel heruntergespielten Aufreger „Onkel Norberts denkwürdiger Nachmittag“.
Wie immer bei „ide“-Heften ist auch dieses Themenheft zum 200sten Geburtstag Adalbert Stifters in der Lage, den Deutschunterricht der aktuellen Saison zu verschönern und von der Interessenslage des Stoffes her upzudaten.
Offensichtlich ist Tirol wirklich so verrückt einmalig, dass es immer wieder verrückt gute literarische Möglichkeiten gibt, dieses Unding aus Mythos und Gebirge darzustellen.
Damit man sich nicht verzettelt und verschaut, ist dieser Rituale-Sammlung Gotthard Bonells eine kleine Einführung von Peter Weiermeier vorangestellt.
Löffel auf dem Wasserglas, Gesicht nach unten! – So kann nur eine Regieanweisung für gutes Benehmen in einem Wiener Kaffeehaus lauten, tatsächlich muss der Löffel mit dem Gesicht nach unten schauen, wenn er ordentlich serviert sein will.
Vielleicht sollte man diesen Text wie Jazz lesen. In einem beiläufigen Hinweis gibt Anita Pichler eine Anregung, wie man sich als Leser dieser beinahe handlungslosen Erzählung nähern könnte.