Ludwig Roman Fleischer, Atlantis
In der vollkommen geglückten Geschichtsschreibung fallen individuelle Schicksale gestochen scharf aus der Teigmasse der allgemeinen Geschichte, der Vorgang des Erzählens gleicht dabei dem Keksausstechen eines neugierigen Kindes aus dem ausgewalzten Teig.
Ludwig Roman Fleischer beschreibt schon seit Jahrzehnten nichts anderes als die jeweilige Gegenwart, dabei sind seine Romane oft blumiger und ermunternder als die dargestellte Gesellschaftsmasse. Im aktuellen Roman „Atlantis“ nähern sich angehende Pensionisten auf einem Kreuzfahrtschiff einem Felsen, an dem sie glücklicherweise zerschellen dürfen.
„Was verstehen wir unter Vielfalt in einer Gesellschaft? Und warum sollten wir Vielfalt wertschätzen oder eben fürchten? Dies sind die Fragen, um die es in diesem Buch geht.“ (S. 19)
Ähnlich dem politischen Adel, dessen Hauptaufgabe darin besteht, untereinander zu heiraten und geheimnisvolle Feste auszurichten, die von einer Kronen-Presse begleitet werden, gibt es auch einen literarischen Adel. Seine Aufgabe besteht in der internationalen Vernetzung, dem Abklappern diverser Lehrstühle und der Weitergabe von Insider-Namen an Verlage quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Ein gigantisches Romanwerk im Ausmaß von über fünftausend Seiten fordert vor allem den Autor, der alles unternehmen muss, um nicht während des Romans zu versterben. Und Unsterblichkeit ist auch vom Übersetzer verlangt, dass er nicht aufgibt. Ein Gigawerk fordert Verlagswesen und Buchhändler heraus und schließlich die Leserschaft. Ein Wahnsinnswerk bringt überhaupt alle an ihre Grenzen.
Im Idealfall findet ein Mensch für den Verlauf seines Lebens ein Bild, mit dem er sich durch fremdes Gelände fragen kann, und welches ihn gleichzeitig unverwechselbar macht.
„Vor lauter Problemorientierung hat der Geschichtsunterricht die Erzählfähigkeit von Geschichte eingebüßt und die Förderung der narrativen Kompetenz der Schülerinnen und Schüler vernachlässigt.“ (S. 9)
„Dass Luther als Mensch des Mittelalters aufwuchs, daran zu denken fällt nicht leicht, wenn er immer wieder als Begründer der Neuzeit beschworen wird, erst recht im Vorfeld des Reformationsjubiläums.“ (S. 9)
Reisen ist ein Teil des Konsums, weshalb sich in unserer Gesellschaft niemand daraus davonschleichen kann. Wer nicht selbst reist, zu dem kommen andere, um zu sehen, wie jemand Sesshafter ausschaut.
„Es gibt diverse Problemlagen, die ihrerseits damit zu tun haben dürften, dass die schreibdidaktische Ausbildung von Lehrpersonen allenfalls punktuell zu gelingen scheint, weil es anscheinend kein universitäres Schreibcurriculum gibt. Und dies weist wiederum auf eine Paradoxie hin: Ausgerechnet an jenem Ort, an dem so viel Wissen über evidenzbasierte Schreibfördermaßnahmen und den Schreibunterricht produziert wird, gelingt es nicht, dieses Wissen erfolgreich so aufzubereiten, dass Lehrpersonen handlungsfähig(er) werden.“ (S. 14)
„Etliche Besucher der weltbekannten Galerien und Museen ahnen nicht, dass viele der großen Gemälde berühmter Meister neben dem Kunstgenuss auch Geheimnisse bergen, die mindestens ebenso interessant sind, wie das künstlerische Meisterwerk selbst.“ (S. 8)