Augusta Laar, Planet 9
Gedichte im Ausmaß von Planeten, das terrestrische Planetensystem, das mit der Zahl neun überschritten wird, dazu noch Fragmente und Instruktionen prägen Band zwanzig der „Neuen Lyrik aus Österreich“.
Augusta Laar hat mit „Planet 9“ Großes im Auge und bereits mit dem Motto wird jeglicher irdische Ballast abgeworfen. David Bowie: „Look up here, I am in heaven.“ In sechzig Text-Konstellationen geht es in der Folge um fertige Gedichte, die wie Planeten durch den poetischen Kosmos kreisen, um Fragmente, deren endgültige Gestalt sich nur erahnen lässt, und um Instruktionen, wie man diesem galaktischen Treiben begegnen könnte.
„Als so viel Zeit vergangen war, dass wir gelassen auf die Ereignisse zurückblicken konnten, sprachen wir bisweilen über die Umstände, die zu dem Unfall geführt hatten. Ich behauptete die Ewells seien an allem schuld gewesen; aber Jem, vier Jahre älter als ich, meinte, es habe schon früher begonnen … nämlich in jenem Sommer, als Dill zu uns kam …“ (S. 2)
Der Tourismus benötigt jeweils hundert Prozent der Fläche eines Landes. Es gibt keine Ritze und keine Kluse, worin nicht im Verlaufe eines Jahres ein Tourist stecken würde. Tirol ist mittlerweile so erschlossen und touristisch bombardiert, dass man selbst die Literatur nur mehr dann an das Publikum bringt, wenn sie nach touristischen Grundsätzen produziert und aufbereitet ist.
„Zwanzig Zwerge machen Handstand, / zehn am Wandschrank, zehn am Sandstrand.“
„Die historisch stets enge Beziehung von Angst und Macht soll dabei unter dem Aspekt behandelt werden, wie sich gesellschaftliche Machtverhältnisse in kapitalistischen Demokratien stabilisieren und sichern lassen. Die dazu erforderlichen Herrschaftstechniken müssen insbesondere dazu geeignet sein, das unauflösliche Spannungsverhältnis von Kapitalismus und Demokratie zu verschleiern.“ (S. 12)
„Zu dem Zeitpunkt, da diese Geschichte beginnt, war allerdings schon reichlich lange nichts Denkwürdiges mehr in Ham vorgefallen. Das behagte dem Bauern Giles von Grund auf: Er war einer von den Langsamen, ein Mensch mit ziemlich wohlgeregelten Gewohnheiten und vollauf mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt.“ (S. 39)
Ein nicht zu unterschätzendes Motiv für Migrationsströme ist der sogenannte „Gegenbesuch“. Viele Völker, deren Vorfahren einst von Europäern aufgesucht und heimgesucht worden sind, treten jetzt höflich den Gegenbesuch nach Europa an.
„Die Zauberin sah, wie ein silberner Schatten von der Leiche des Alchimisten aufstieg und davonhuschte, zu flink, als dass sie ihm hätte folgen können. Innerhalb des silbernen Schimmers glühte und pulsierte etwas Dunkelrotes. Zu spät begriff die Zauberin, dass der Alchimist sie überlistet hatte, denn er hatte ihr das Herz gestohlen.“ (S. 7)
Seit es keinen Kaiser mehr in Österreich gibt, muss der Kanzler für alles Ferne und Entrückte herhalten.
„Die Kopflaus wurde geboren zwischen zwei Ohren. Sie ist an einer Wurzel geschlüpft und sofort danach auf Köpfe gehüpft. So kann die Kopflaus am besten ein neues Zuhause testen.“