Alfred Paul Schmidt, Fernweh
Fernweh irritiert in der Literatur die Helden doppelt. Zum einen können sie keinen klaren Gedanken mehr fassen, weil sie mit ihrer Sehnsucht schon weit weg sind, zum anderen wird die Realität bedrückend, weil sie als unmittelbare Umgebung das Gegenteil von Fernweh ist.
Alfred Paul Schmidt installiert rund um den magischen Titel „Fernweh“ seinen Flanierroman, worin die Helden während einer Pandemie aus den diversen Verhaltensvorschriften ausbrechen und sich eine eigene Welt schaffen.
„Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist das Sinnieren über einen Gegenstand, während im Fernsehen irgendwas läuft.“ (57) Und an anderer Stelle kommt die Erkenntnis zum Vorschein: „Dieses Pendeln zwischen einer gedachten und einer wirklichen Wirklichkeit ist offenbar ein zentrales Vergnügen unseres Bewusstseins.“ (132)
„Sagt mal, Leute, wisst ihr noch, wie ihr auf die Welt gekommen seid? Wahrscheinlich nicht, ist ja auch schon eine ganze Weile her. Aber ich – oink, oink – weiß es noch ganz genau! Das erste woran ich mich erinnere, ist der Karton, in dem ich war. Es war ziemlich dunkel da drin und es roch auch nicht besonders gut. Und ich erinnere mich an Stimmen.“ (S. 7)
Von Forschenden kennen wir meist nur ihre Ergebnisse, Reisen und Laborberichte. Nur selten gelingt es uns Lesenden, in ihre Köpfe zu schauen um zu erfahren, wie sie ticken. Und stimmt es wirklich, dass sie für sich alle eine Geheimsprache verwenden?
„Juva zog am Hebel und hörte, wie die Armbrust mit beruhigendem Klicken aufklappte. Sie drückte den Kolben an die Brust, bereit zu reagieren. Lauschte. Das Totenhorn ließ seine düstere Warnung über Náklav erschallen, und direkt hinter ihr kamen Männer wieder zu Atem, aber ansonsten war es beunruhigend still auf der Straße. Kein Weinen, keine entsetzten Schaulustigen, keine Rufe aus den Fenstern.“ (S. 7)
„Generation Angst ist ein Buch, in dem es darum geht, wie wir das menschliche Leben für Menschen aller Generationen zurückerobern können.“
„»Jetzt ist die schönste Zeit des Jahres da«, sang Tilda Apfelkern vergnügt vor sich hin. Denn Tatsächlich kann man in der Weihnachtszeit viele wirklich wunderbare Dinge tun! Plätzchen backen zum Beispiel. Gerade heut hatte die holunderblütenweiße Kirchenmaus ihre Freunde zum Backen eingeladen und deswegen alle Hände voll zu tun, die unzähligen Zutaten aus ihrer Vorratskammer zu suchen.“
„Ihre Bücher sind Skulpturen und Depots zugleich.“ (238) SCHRIFTSTELLEN ist ein komprimierter Nachruf, bestehend aus verdichtetem Werküberblick, Biographie sowie Beschreibung der wichtigsten Thesen.
„»Manchmal höre ich Mama in der Nacht weinen«, sagt er so leise, dass nur Delia ihn hören kann. »Mama klingt dann wie ein verlorener Geist. Ich glaube, das vergeht nicht so schnell. Wenn man so weint und wenn man so traurig ist, vergeht das vielleicht nie.« »Mama ist nicht traurig, Frankie, sie ist wütend und sie ist enttäuscht.« »Weil Papa weggegangen ist?« »Und weil er sich nie entschuldigt hat.« »Kein einziges Mal?« »Kein einziges Mal.« »Oje.«“ (S. 10)
In einem wahnwitzigen Bildungsroman des Genres „Pop pumpkin“ reflektiert ein Punk-Rock-Professor darüber, wie man zum Sinn des Lebens kommt, und ob es sich lohnt, diese Einstellung an Jugendliche weiterzugeben.
„Was sind Gefühle? Gefühle helfen uns einzuordnen was wir erleben. So können wir entscheiden, was wir als Nächstes tun oder wie wir uns anderen gegenüber verhalten. Ist ein Gefühl stark, reagiert auch unser Körper heftig. Unsere Augen strahlen oder füllen sich mit Tränen. So können andere Menschen erkennen, wie es uns geht.“ (S. 8)