Selina Holešinsky, Schaltiere am Waldboden
Ein Dorf ist in der Fiktion ein gern gesehener Ort, um darin Idylle, Schrecken, Wokeness oder Klimaschutz in Szene zu setzen. Mit Wimmelbildern der Kindheit wird dieser Ort gerne als analoge Wunderwelt dargestellt, worin sich die erwachsen gewordenen Kinder später einmal zurückziehen werden. Die Wirklichkeit ist freilich auch in Romanen alles andere als eine heile Welt.
Selina Holešinsky zeigt im Roman „Schaltiere am Waldboden“ die heranwachsende Antonie, im elterlichen Kosenamen Marillchen genannt, wie sie zwischen Mutti und Vati im Aussteigerdorf „Autofrei“ groß werden muss. Das Gesellschaftsleben oszilliert zwischen intellektueller Idylle, Sektenideologie und haptisch erfahrbarem Bilderbuchgefühl. Die Ich-Erzählerin nimmt die Welt wörtlich und einmalig, wie es alle Heranwachsenden tun müssen, die zu sich selbst keine alternativen Erfahrungen sammeln können.
„Was kleine Luchse alles lernen müssen: Schleichen in der Dämmerung, / jederzeit bereit zum Sprung, / klettern und auf Rotwild lauern, / mag es noch so lange dauern. // Mäuse meilenweit entdecken, / sich im Unterholz verstecken, / heimlich vor den Menschen fliehen / und aus Vorsicht weiterziehen …“ (S. 5)
Kunst kann zur Erbkrankheit werden, wenn man als Kind im Licht großer Künstlereltern aufwachsen muss. Minu Ghedina spielt im Künstlerroman „Am Rande das Licht“ mit dem Wechselspiel von eigener Entwicklung und allgemeinem Anspruch in der Gesellschaft. Wie lässt sich der Rand eines Bildes ausleuchten, ohne dass das Auge vom Bannstrahl der mediokren Mitte verbrannt wird?
„Ein neuer Tag ist angebrochen / Die Sonne scheint, ein leiser Wind geht / und die Wiese duftet. / Das Nori hat reife Beeren entdeckt. // Das Nori liebt Beeren, besonders, / wenn sie rot leuchten. / Denn Beeren machen glücklich.“
Das Jahr ist um, die Trauer bleibt. – Zwischen der lakonischen Brisanz eines Oswald von Wolkenstein, wenn dieser seinem abgeernteten Leben als verlöschender Ritter zuschaut, und der hartnäckigen Melancholie, wie sie der Blues den Jahreszeiten der Natur abringt, bewegen sich die Gedichte des Trauerbüchleins.
„Die meisten Hexengeschichten beginnen mit einem Blick in eine magische Kugel, mit dem Ritt auf einem Zauberbesen oder mit einem bösen Fluch. Manche dieser Geschichten nehmen auch durch das Quaken eines verwunschenen Prinzen, das schrille Kichern einer buckligen Althexe oder das Schnurren einer nachtfarbenen Katze ihren Lauf. Diese Geschichte jedoch beginnt mit einem mächtig müden Paketboten – auch wenn ein schwarzer Kater in ihre durchaus eine Rolle spielen wird. (S. 7)
Krimi ist als Genre und Gesellschaftstreiben die am häufigsten verwendete Kategorie, um sich purem Vergnügen oder Verbrechen hinzugeben. – Die literarische Sorte Krimi spendet unter Garantie einen Roman mit Handlung, der wegen seiner klugen Gliederung ein ständiges Absetzen und Wiederaufnehmen von Lektüre ermöglicht.
„Hast du schon entdeckt, wer sich hier im Schnee versteckt? Hirsche laufen hin und her, die Futtersuche fällt jetzt schwer. Schneehasen hoppeln blitzeschnell. Schau sie haben weißes Fell!“
Jeder Auftritt kann das Ende oder den Anfang bedeuten. – Jenseits aller Geschichtsschreibung sind es die Hebammen, die in einem Tal das Leben auf die Welt bringen oder den Tod dokumentieren.
„Mimi Medusa lässt sich vom Klettergerüst baumeln. Kopfüber, mit geschlossenen Augen. Die Schlangen auf ihrem Kopf schaukeln entspannt vor und zurück. So verbringt Mimi am liebsten die große Pause auf Burg Wundersam, der Schule für magische Geschöpfe.“ (S. 4)