Michael Stavarič, Die Suche nach dem Ende der Dunkelheit
„Wir verhielten uns wie Grasbüschel, die überall dort auftauchten, wo es ihnen gefiel. In den Fugen zwischen den Betonplatten.“ (27)
Michael Stavarič gilt als Meister fragiler Texte über das vergebliche Heimisch-Werden zwischen Orten und Kulturen. Nach seiner Theorie kann ein Individuum noch innerhalb des Ortsschildes zu einem ausgestoßenen Wesen werden, während es andererseits an einem Ort, an dem es noch nie gewesen ist, bodenständig werden kann. Diese migrantische Bewegung gilt auch für literarische Genres. Der Autor ist überall zu Hause und doch nirgends sesshaft abgelegt.
Die Gedichte sind selbst Fabelwesen der Literatur, wenn sie von einem „Wir“ berichten, das in erster Linie einen getragenen, suchenden Ton vor sich herschiebt. Diesen Kommentar-Ton kennen wir aus Reisedokumentationen im Fernsehen, wenn Redakteure sich auf fremden Hochzeiten in entlegenen Ländern mit Einheimischen verbünden, um im kollektiven Wir zu berichten, dass auf Reisen alle optimistisch gelaunt sind.
„Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau …“ (S. 4)
Die größte Glaubwürdigkeit über die Verfasstheit einer Botschaft, Nachricht oder Erzählung erweckt die Zauberformel 1: 1. Nicht nur vor Gericht erweckt eine Aussage große Authentizität, wenn sie angeblich im Maßstab 1:1 wiedergegeben wird, auch in der Weltliteratur erreicht die Glaubwürdigkeit beim Erzählen ihren Peak, als Jorges Luis Borges von einer Landkarte 1:1 spricht, die durch ihre Maßzahl an Genauigkeit nicht übertroffen werden kann. Von dieser Überlegung leitet sich auch die These ab, dass die ideale Bibliothek eins zu eins der Welt entsprechen müsse, um sie abzubilden.
„Es war einmal ein kleines Land, das hieß Schlaraffien und wurde seit Jahrhunderten von einer langen Reihe von Königen mit blondem Haar regiert. Zu der Zeit, von der ich hier schreibe, herrschte König Fred der Furchtlose.“ (S. 11)
„Ein Bär, der müde ist, ist ein schlecht gelaunter Bär. Die Maus fürchtet sich vor dem Bären, das Eichhörnchen versteckt sich. Der Specht flattert aufgeregt, wenn der Bär brüllt. Und der brüllt jetzt oft durch den sonst so friedlichen Wald. Sanft fällt der Schnee.“
Die beiden wichtigsten literarischen Genres in Österreich sind Amnesie und Anamnese. Im einen Fall wird alles ausgeblendet, was das Wohlbefinden stört, im andern Fall alles geadelt, was zu einer Krankheit führt. So sind im öffentlichen Bereich die Krankengeschichten stärker verbreitet als andernorts die Kriminalgeschichten.
„»Morgen ist Weihnachten und wir bekommen keine Geschenke. Wie schrecklich!«, rief Jo. Sie lag ausgestreckt vor dem Kamin. »Das passiert, wenn man arm ist«, sagte Meg. Sie war die älteste der vier Schwestern. Mürrisch betrachtete sie den Saum ihres alten Kleides. »Wenn Papa nur nicht all sein Geld verloren hätte …« Amy, die jüngste, seufzte ebenfalls. »Es ist ungerecht. Manche Mädchen aus meiner Klasse haben so viel schöne Sachen. Andere haben gar nichts. So wie wir!«“ (S. 9)
Ein Laut, ein Seufzer, ein Schnauben der Verachtung – in der Lyrik erwächst aus einem kleinen Zeichen ein großer Vorgang.
„Hätten wir auch nur ansatzweise geahnt, was wir mit dem Brief auslösen würden, wir hätten ihn in tausend Stücke zerrissen, uns geschüttelt und wären Bratäpfel essen gegangen. Jetzt erst fällt mir auf, dass Zelda auf dem Foto den Umschlag falsch herum gehalten hat. Nicht Name und Anschrift des Adressaten sind zu erkennen, sondern der des Ortes, an dem wir bald mörderische Weihnachten erleben sollten: Montfort Lakebay House Hotel.“ (S. 8)
Soll man sich über ein Buch darüber trauen, wenn es sich laut Gebrauchsanleitung dabei um Elemente aus der Quantenphysik und der Kabbalah handelt?