Das Unerfüllbare / fülle ich / mit Unerfüllbarem. (16) ‒ Selten ist die Absicht der Lyrik so klar formuliert wie in der „Stunde der Wintervögel“. Dieser magische Titel kreist scheinbar um das gängige Hauptmotiv der Gegenwartslyrik, den Vögeln, in Wirklichkeit aber ist ein poetischer Teppich über das Land gelegt, aus dem wie in alten Zeiten des Teppich-Klopfens Gebrauchspartikel der unmittelbaren Gegenwart geschüttelt werden.
Ewald Baringer spannt zu Beginn mit seinem Text über die kunstsinnige Stadt Soltau seinen lyrischen Kosmos aus, worin die einzelnen Bilder als individuelle Puzzleteile ineinander gesteckt sind und am Ende ein beiläufig episch breites Bild ergeben.
„soltau // bleiben werden bilder / von tagen aus licht / in sattgrüner landschaft / himmlischem immerblau / bleiben wird der klang / blökender idyllen / rauschenden wassers / knirschender fahrräder / bleiben wird eine sandspur im traum / ein zuversichtlicher findling / am wegrand mit jenem / eingravierten wort / dem ich zeitlebens / nachhänge“. (17)
Soltau wird zu einer poetischen Imagination, die weit über touristische Komponenten der Werbung hinausgehen, sondern vielmehr an die literarische Landkarte anknüpfen, die gespickt ist mit Orten von literarischen Stipendien, Denkmälern und beschützten Erinnerungen an das vagabundierende Schreibervolk. Ein Ort wird durch die Anwesenheit des Dichters veredelt und durch seine Verse durch die Zeiten hindurch konserviert.
Später wird nach dieser Methode eines emotionalen Schnappschusses das Titel gebende Gedicht ausgerollt.
„stunde der wintervögel // da wir alles voneinander wussten / und aufflogen ohne schwere / schimmerte rotwein / aus glänzenden kelchen / dämmerten glockentöne / die klangen leise / nach abendhimmel / und unausgesprochenen / immerworten“ (53)
Der poetische Stil des Ewald Baringer entsteht durch sorgfältiges Scannen der Gegenwartslyrik und die Überprüfung der Modelle auf die Tauglichkeit für das individuelle Vorhaben. So lassen sich die Gedichte als Hommage für Zeitgenossen lesen, als Überprüfung ihrer literarischen Standfestigkeit, und wohl auch ironisch, als Analyse von möglichen Marotten im Literaturbetrieb.
Als Zitate zum aktuellen literarischen Geschehen sind Fallbeispiele aufbereitet, etwa:
- „helden und innen“ (29); das Gedicht erteilt der Genderei eine ziemliche Absage, weil durch diese Modeerscheinung die Poesie ihren zurückgenommenen Charakter verliert, indem sie indirekt zur Kampfschrift wird.
- „mit verena nach england“ (48); in einem lautmalerischen Geplänkel wird einerseits dem Poetryslam gehuldigt, andererseits dem Lattenzaun von Morgenstern, die Namen von Frauen werden mit Gefühlsfarben vermischt und an diversen Reisezielen zur akustischen Degustation ausgelegt.
- Volksweisheiten im Kleid von Trinkliedern; „lebensweisheiten 1 // edelmut tut selten gut / kriegt oft eine auf den hut / drum sei ein falscher hund / dann bleibst du gesund“. (30)
- Hommage an das literarische Weltgeschehen; auf einer großen Wiese im Wienerwald steht ein österreichischer Autor und bemüht sich vergeblich um Literatur. (40)
- Entgleiste Lektüre; mitten in der Nacht taucht statt des üblichen Käfers von Franz Kafka plötzlich ein Hase im Alptraum auf. (62)
- Fade out; Das markanteste Kennzeichen der Gegenwart ist dieses permanente Fade out, in dem alles versinkt. Selbst die Tiergattungen sterben leise aus. Im Gedichtband ist es daher logisch, dass sich die Gedichte leise „hinausschleichen“ in lockerem Layout.
- „trost oder drohung / alles wird anders / eher drohung“ (94)
- „mit mir / allein / nach hause“ (95)
- „unbedingt zu sagen / wäre noch folgendes“ (96)
Ewald Baringers literarisches Zuhause ist das Durcheinander, heißt es sinngemäß in der Typenbeschreibung des Gedichtbandes. „Die Welt ist schon ein ziemliches Durcheinander zwischen Hetzen, sich Verzetteln und Trödeln, zwischen falschen Versprechen, Größenwahn und Resignation.“
Diesem wohltemperierten Chaos stellt sich Ewald Baringer mit seinen Gedichten in den Weg. Ununterbrochen nimmt er poetische Versatzstücke in die Hand, klopft sie ab und wirft sie wie im Märchen dann in zwei Gedichtkörbe mit „solchem oder solchem“ Klang.
Ewald Baringer, Stunde der Wintervögel. Gedichte
Innsbruck: Limbus Verlag 2025, 96 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-99039-273-7
Weiterführende Links:
Limbus Verlag: Ewald Baringer, Stunde der Wintervögel
Wikipedia: Ewald Baringer
Helmuth Schönauer, 10-11-2025