„Aus diesem Grund habe ich meine Erinnerungen an das Schrecklich niedergeschrieben. Nur wer wirklich dabei war, kann wahrhaftig über das Grauen berichten. Und ich war dabei. Für euch, die dritte und vierte Generation, ist der Holocaust bereits Geschichte oder nur mehr Legende. […] Doch ich bin mir sicher: Beim Lesen meiner Erinnerungen werdet ihr spüren – und wissen –, dass es sich beim Holocaust weder um eine Legende, noch um ein Hollywood-Drama handelt, sondern um eine Lektion, die zu verstehen von großer Bedeutung für die Zukunft ist.“ (S. 13)
Die dreizehnjährige Elvira Friedmann, Elli genannt, lebt mit ihrer Familie im Städtchen Somorja und träumt davon ihrem drei Jahre älteren Bruder Bubi, der das Jüdisches Lehrerseminar in Budapest besucht, im nächsten Jahr in die große Stadt folgen zu können. Doch ihre Wünsche und Träume zerfallen zu Staub, als Bubi im Frühjahr 1944 plötzlich zu Hause auftaucht und berichtet, dass Deutsche Soldaten in Budapest einmarschiert sind. Eine Zeit des Schreckens und Leidens nimmt für die Familie ihren Anfang.
Ellis Vater hält Bubis Bericht für ein Missverständnis und schickt seinen Sohn mit dem ersten Zug zurück, damit dieser den Unterricht nicht versäumt. Als am nächsten Tag auch Radio und Zeitungen vom Einmarsch der Deutschen berichten, ändert sich das Leben der Familie schlagartig. Ellis Schule wird geschlossen und alle Kinder erhalten ihre Zeugnisse. Bald darauf müssen sich alle Juden im Rathaus registrieren lassen und einen gelben Stern auf ihrer Kleidung tragen.
Weitere Anordnungen verbieten den Juden öffentliche Plätze zu betreten und mit Christen zu sprechen. Schließlich müssen alle Juden Somorja verlassen und in das Ghetto der Stadt Nagymagyar übersiedeln. Trotz aller Schikanen fühlt sich Elli in der jüdischen Gemeinschaft des Ghettos für kurze Zeit sogar wohl. Eine Schulfreundin und ihre Mutter finden Elli im Ghetto und schenken ihr Lebensmittel und eine Gans. Alle sind gerührt von der Mitmenschlichkeit der beiden, die in krassem Kontrast zur Unmenschlichkeit der folgenden Tage steht.
Mitte Mai werden in der Nacht Ellis Vater und die Männer des Lagers abgeführt und Tage später müssen die Zurückgebliebenen alle Wertsachen und persönlichen Dinge abgeben, bevor sie selbst mit Lastwagen zu einem Bahnhof gebracht werden, wo hunderte von Viehwaggons bereitgestellt sind. Gemeinsam mit mehr als achtzig Menschen wird Elli mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einen Waggon gepfercht und nach Auschwitz transportiert. Eine Zeit des Schreckens und Leidens nimmt ihren Anfang.
In ihrer bewegenden Autobiographie erzählt Livia Bitton-Jackson über ihr Leben während der Naziherrschaft, ihrer Erfahrungen und Erlebnisse in den Konzentrationslagern und ihren Kampf ums Überleben. Schonungslos werden die Grausamkeiten des Naziregimes geschildert, aber auch die berührenden zwischenmenschlichen Erfahrungen inmitten einer Welt des Grauens.
Das überaus empfehlenswerte Jugendbuch zeichnet sich durch seine unmittelbare und ergreifende Darstellung aus der Sicht einer jungen Heranwachsenden aus, die jugendliche Leserinnen und Leser ganz besonders anzusprechen vermag. Ein wichtiges und lesenswertes Buch, das sich auch als Schullektüre für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus besonders anbietet.
Livia Bitton-Jackson, 1000 Jahre habe ich gelebt. Eine Jugend im Holocaust, übers. v. Dieter Fuchs [Orig. Titel: I Have Lived A Thousand Years], ab 14 Jahren
Weinheim: Gulliver Verlag 2025, 256 Seiten, 10,70 €, ISBN 978-3-407-81398-5
Weiterführende Links:
Gulliver Verlag: Livia Bitton-Jackson, 1000 Jahre habe ich gelebt
Wikipedia: Livia Bitton-Jackson
KZ-Gedenkstätte Dachau: Livia Bitton-Jackson
Andreas Markt-Huter, 12-12-2025