Kévin Bordi / Samy Robin, Genial Schach spielen
„Natürlich sind nicht alle Partien schriftlich festgehalten, dennoch stellte die Auswahl von nur 25 Partien der weltbesten Spieler eine große Herausforderung dar: Es gab viele Kriterien – spektakulär, lehrreich, faszinierend, kämpferisch, voller Überraschungen –, die für oder gegen eine Partie sprachen und die sich oft miteinander vermischten. Wir haben die Auswahl immer weiter verfeinert und dann beschlossen, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten, um Ihnen die Entwicklung des Spiels im Laufe der Epochen sowie die Meister, die sie geprägt haben, zu zeigen.“ (S. 5)
Die Schachexperten Kévin Bordi und Samy Robin präsentieren und kommentieren 25 Schachpartien zwischen 1857 und 2021. Jede Partie wird mit einer Geschichte rund um die jeweiligen Schachspieler verbunden und in ihrer Bedeutung gewürdigt. Ziel der Darstellung ist es, das Spiel und Verständnis der interessierten schachspielenden Leserinnen und Leser Anregungen für das eigene Spiel zu bieten und es zu verbessern.
„Am Neujahrsmorgen liegt Beth nicht in ihrem Bett. Ich werfe im Vorübergehen vom Flur aus einen Blick ins Zimmer und mir bleibt kurz das Herz stehen. Sonnenlicht fällt auf ihr Kissen, Staub tanzt in der Luft. Normalerweise sollte Beth um diese Zeit in ihre Steppdecke gekuschelt friedlich schlummern, aber da ist nur eine Delle in der Matratze. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und atme auf, als ich sehe, dass Amy auch nicht da ist. Oben im Stockbett liegt bloß ihre zerwühlte Decke.“ (S. 7)
„Sie hatte sich keine richtige Vorstellung davon gemacht, wie es sich anfühlen würde, tatsächlich hier zu sein, ganz allein zwischen diesen unfassbar vielen Bäumen, weit weg von allen, die sie kannte, und allem, was vertraut war. Sie war zu sehr darauf konzentriert gewesen, nicht dort zu sein. Vor ein paar Wochen noch wäre sie nie auf den Gedanken gekommen, zwei ganze Monate nach Vermont zu fahren, aber nachdem ihre Welt zusammengebrochen war, hatte sie die Einladung mit Freuden angenommen.“ (S. 7)
„Doch hier war sie nun: Sie steckte fest, drohendes Unheil ballte sich über ihr zusammen, und sie war ganz allein. Kein neuer Anfang und auch keine schlecht gefärbten Haare würden daran etwas ändern. Wie dumm sie gewesen war, das zu glauben. Der Zug nahm wieder Fahrt auf. Ein schrilles, kreischendes Geräusch, war zu hören, wie Metall auf Metall, und sie wusste, dass der Zug schwer gegen die Dunkelheit ankämpfte.“ (S. 19)
„Sie erwachte lange vor Sonnenaufgang. Die Kinder schliefen noch, alles war still. Und doch vernahm sie, dass dort draußen etwas lauerte. Schließlich gab sie es auf, wieder einzuschlafen, schlang sich eine Decke um die Schultern und setzte sich wartend ans Fenster. Als der Morgen graute, schälten sich die vertrauten Formen aus der Dunkelheit. Die zackigen Spitzen der Nadelbäume, das schiefe Dach der Scheune, die Axt, die immer noch im Hackklotz steckte. Und etwas, das nicht dort hingehörte. Sie blinzelte, doch die Gestalt verschwand nicht.“ (S. 9)
Ich sitze im Zug. Oder besser: Mein Körper sitzt im Zug. Der Rest von mir liegt noch im Bett. In meinem schönen, weichen Bett. In meinem schönen, dunklen Zimmer Ich schließe die Augen, versuche, mich zurück in mein Bett zu beamen. Was echt schwierig ist, weil: Es riecht nach Pommes-Bude. Direkt neben mir. Ein Mann mit gelber Warnweste und Fahrradhelm auf dem Schoß sitzt am Fenster. Nach Pommes sieht er nicht aus. Eher nach Spargel. (S. 9)
„An welcher Stelle hatte ich mich verkalkuliert, sodass es mich jetzt vielleicht mein Leben kostete? Es hatte wohl alles vor einem Monat begonnen mit diesem verheerenden Brief. Ich hätte einfach niemals die Aufforderung des Schreibers befolgen dürfen und doch war es mir so leichtgefallen, der Angst nachzugeben. Weil ich schwächer war, als ich es mir bis heute eingestehen konnte.
„Herzlichen Glückwunsch! Hiermit möchten wir dich davon in Kenntnis setzen, dass du für die Pilotrunde von HappyHead ausgewählt wurdest. HappyHead ist das erste Projekt seiner Art. Basierend auf der Forschung von Dr. Eileen Stone und geleitet von international führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, bietet es den Teilnehmenden mit seinem innovativen Ansatz eine echte Chance auf nachhaltiges Glück.“ (S. 5)
„Als Mika aus dem Zug stieg, ahnte er nicht, dass er heute sterben würde. Er fand auch so schon alles furchtbar genug. Die Hitze. Die viel zu schwere Reisetasche. Den runtergekommenen Bahnhof am Ende der Welt. Und dann auch noch Oma. Oma, die am Gleis stand, ihn durch meterdicke Brillengläser anstrahlte und ihm mit ihren Vogelärmchen aufgeregt entgegenwinkte. »Mika! Mika, mein Spätzchen!«“ (S. 7)
„Nick stand in der voll besetzten U-Bahn, als ihm zum ersten Mal dämmerte, dass etwas nicht stimmte. Sein Handy hatte mehrmals vibriert, als würde jemand anrufen. Die Nummer auf dem Display sah allerdings merkwürdig aus: 22032. Das konnte keine Telefonnummer sein. Er überlegte kurz ranzugehen, aus reiner Neugier. Doch noch bevor er eine Entscheidung treffen konnte, brach der Anruf ab. (S.