Julie Pike, Flammenstürmer
„Die Flammenvögel zogen davon. Pa zog davon. Das Verlangen, mit ihnen zu fliegen, brannte wie ein Feuer in Embers Innerem. Sie wusste nicht, wie, aber irgendwie würde sie ihm folgen. Als könnte er ihre Gedanken hören, drehte sich Pa um und sah traurig in ihre Richtung. Er legte die Hand aufs Herz, küsste seine Fingerspitzen und pustete ihr sanft einen Kuss zu.“ (S. 19)
Jedes Jahr suchen die Flammenvögel auf ihrer Reise den Rastplatz in Leuchtfeuerstedt auf, bevor sie sich auf den Weg in ihre Heimat machen. Jedes Jahr versuchen die Seeleute von Leuchtfeuerstedt den rätselhaften Vögeln zu folgen, in der Hoffnung magische Schwanzfedern zu finden und ihre geheimsten Wünsche zu erfüllen.
Schon vom Titel an steht eine schicksalshafte Verwechslung im Vordergrund. Die Ähnlichkeit von Zwillingen erzwingt nicht direkt einen Gleichklang der Lebensläufe. – Das ist die Stunde der Pädagogen und Gutwilligen, sie können sich nämlich die erfolgreiche Intervention auf die Fahnen schreiben, wenn die Erziehung des einen Zwillings gelingt, während der andere ohne Pädagogik vor die Hunde geht.
„Als ich zum schnellsten Sprint meines Lebens ansetzen wollte, packte mich jemand am Fußknöchel. Ich strauchelte. Die Schalfrau rammte mir ihr Knie in den Rücken. Bevor ich mich umdrehen konnte, stach eine Nadel in meinen Hals. Ich spürte, wie sich die Frau auf mir entspannte. Was immer sie mir injiziert hatte, bedeutete, dass der Kampf vorüber war.“ (S. 30)
„Isa ließ das Blatt sinken. Adèle. Ihr war ein wenig schwindelig zumute. Der Brief war von ihrer Mutter! Sie nahm ihn wieder auf, starrte auf die Worte, die vor ihren Augen verschwammen, und horchte in sich hinein, wo sich tief in ihrem Magen ein kleiner, schmerzhafter Knoten gebildet hatte. Adèle hatte die Familie schon vor Jahren verlassen. Isa war damals gerade mal vier Jahre alt gewesen und sie hatte so gut wie keine Erinnerung mehr an ihre Mutter.“ (S. 15)
„Aus einem Tunnel wabernder Dunkelheit treten eine Assassine und ein Dokkaebi auf die nächtliche Straße. Schatten tanzen um das Paar auf dem unebenen Kopfsteinpflaster, während sie auf das heruntergekommene Königreich zu ihren Füßen schauen. Die sommerliche Luft ist drückend heiß und riecht nach Schweiß, Schmutz und den elenden, verdorbenen Dingen, die die Amsalja nur zu gut kennt.“ (S. 9)
„Meine Mutter ist gestorben, und alle sagen, dass ich nicht gut damit umgehe. Ich finde, müsste sich Sorgen machen, wenn es anders wäre. Also wenn ich feiern gehen oder Freunde einladen oder mich einfach ganz normal benehmen würde, denn niemand sollte sich normal benehmen, wenn einfach nichts normal ist.“ (S. 7)
„Die Aufregung flimmert in meiner Brust, als ich die Haustür hinter uns zuziehe. Unsere Expedition hat begonnen. Genauer gesagt, die fünfunddreißigste. Wir sind auf dem Weg ins Jägerhaus – ein verlassenes Gebäude in einem nahe gelegenen Wald. Vergangene Pracht in optimaler Form, das hat mein Bruder mit versprochen.“ (S. 6)
„Doch das Menschenmädchen schüttelte nur stumm den Kopf. Ihre langen schwarzen Haare flogen im Nachtwind und ein merkwürdiger Geruch stieg der alten Wölfin in die Nase. Ihre Nackenhaare sträubten sich. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem weiblichen Jungmenschen. Sie roch falsch. Und dieses Falsche breitete sich aus wie Blut im Schnee nach einem Riss. Knurrend erhob sich die alte Wölfin und wich zurück in die Dunkelheit des Geheges.“ (S. 9)
„Die Ereignisse jener Nacht haben die Haare meiner Mutter schneeweiß werden lassen. Und ich habe damals meine Stimme verloren. Seither ist die Innenseite meiner Kehle voller Narben. Bis heute bin ich nicht sicher, ob ich ihretwegen nicht sprechen kann oder wegen des Traumas unserer Flucht, wegen dem, was die Föderation unserem Volk angetan hat. Vielleicht liegt es an beidem. Eines aber ist gewiss: Wenn ich den Mund aufmache, kommt nur Schweigen heraus. Inzwischen weiß ich diese Stille zu nutzen. Bei dem, was ich tue,
„Viele Jahre lang verlief das Leben im Haus vollkommen ereignislos. Dann kamen die Barbaren. Ausgerechnet Pietro erfuhr es als Erster, was eigentlich seltsam war, weil er zwar für das Haus arbeitete, jedoch nicht dort wohnte. Denn das Haus stand in der Stadt und gehörte dem Senator, der es mit seiner Familie und seinen engsten Vertrauten bewohnte. Pietro dagegen war nur der Schweinehirte.“ (S. 6)