Kévin Bordi / Samy Robin, Genial Schach spielen
„Natürlich sind nicht alle Partien schriftlich festgehalten, dennoch stellte die Auswahl von nur 25 Partien der weltbesten Spieler eine große Herausforderung dar: Es gab viele Kriterien – spektakulär, lehrreich, faszinierend, kämpferisch, voller Überraschungen –, die für oder gegen eine Partie sprachen und die sich oft miteinander vermischten. Wir haben die Auswahl immer weiter verfeinert und dann beschlossen, eine Reise in die Vergangenheit anzutreten, um Ihnen die Entwicklung des Spiels im Laufe der Epochen sowie die Meister, die sie geprägt haben, zu zeigen.“ (S. 5)
Die Schachexperten Kévin Bordi und Samy Robin präsentieren und kommentieren 25 Schachpartien zwischen 1857 und 2021. Jede Partie wird mit einer Geschichte rund um die jeweiligen Schachspieler verbunden und in ihrer Bedeutung gewürdigt. Ziel der Darstellung ist es, das Spiel und Verständnis der interessierten schachspielenden Leserinnen und Leser Anregungen für das eigene Spiel zu bieten und es zu verbessern.
„Die treu ergebenen Bürger des Königreichs Daxaria beschrieben ihre Heimat gern als ein liebenswertes Chaos. Die Bewohner des feindlichen Königreichs Troivack, hinter dem Alkidischen Meer gelegen, bezeichneten die Leute des benachbarten Kontinents hingegen lieber als »chaotische Vollidioten«. Das hing vor allem mit dem Durcheinander der Straßen und Dörfer zusammen, die ebenso logisch in der Landschaft verstreut worden waren wie etwa ein Schaf, das über die Weide springt.“ (S. 9)
„Am Neujahrsmorgen liegt Beth nicht in ihrem Bett. Ich werfe im Vorübergehen vom Flur aus einen Blick ins Zimmer und mir bleibt kurz das Herz stehen. Sonnenlicht fällt auf ihr Kissen, Staub tanzt in der Luft. Normalerweise sollte Beth um diese Zeit in ihre Steppdecke gekuschelt friedlich schlummern, aber da ist nur eine Delle in der Matratze. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und atme auf, als ich sehe, dass Amy auch nicht da ist. Oben im Stockbett liegt bloß ihre zerwühlte Decke.“ (S. 7)
„Eine mittelmäßige Hexe. Sie wäre beleidigt gewesen, hätte es nicht gestimmt. Sie konnte mit einem Fingerschnipsen ihren Kaffee aufwärmen und ihren Schatten bitten, den Mantel zu holen. An einem guten Tag brachte sie auch ein Feuerwerk zustande oder zwei. Wohnzimmertricks. Würde sie gewinnen, würde sie eine richtige Hexe werden wie die aus den alten Märchen.“ (S. 10)
„Der Morgennebel hatte sich noch nicht gelichtet, als er das rote Segel sah. Anfangs war es nur ein vager Umriss im blassgrauen Dunst, ein dunkler Fleck, der nach ein paarmal Blinzeln eine blutrote Färbung annahm. Während Ruhlin das Segel noch neugierig betrachtete, bemerkte er, dass sich darauf ein Symbol befand. Das Segeltuch flatterte in der steifen Brise, die über den selten ruhigen Wassern des Styrnspeldter Meeres wehte, und nach einem weiteren Blinzeln erkannte er das Zeichen von Ulthnir, dem Ersten der Götter, mit gekreuztem Hammer und Schwert.“ (S. 11)
„In einem Darkly ist nichts zufällig, unabsichtlich oder schludrig. Ein Darkly ist eine schwarze Feuerlilie, ebenso magisch wie gefährlich. Es ist der Geheimclub am Ende einer dunklen Gasse, den man nur erreicht, indem man vorgestern schwachen Fußspuren auf einem verschlossenen Friedhof folgt. Eine furchterregende, wechselhafte Welt voll Fremder und Verbündeter, Geister und Dämonen, voll sanfter Hügel umhüllt von Nebel, aus dem sich alles schälen kann.“ (S. 13 f)
„Sie hatte sich keine richtige Vorstellung davon gemacht, wie es sich anfühlen würde, tatsächlich hier zu sein, ganz allein zwischen diesen unfassbar vielen Bäumen, weit weg von allen, die sie kannte, und allem, was vertraut war. Sie war zu sehr darauf konzentriert gewesen, nicht dort zu sein. Vor ein paar Wochen noch wäre sie nie auf den Gedanken gekommen, zwei ganze Monate nach Vermont zu fahren, aber nachdem ihre Welt zusammengebrochen war, hatte sie die Einladung mit Freuden angenommen.“ (S. 7)
„Doch hier war sie nun: Sie steckte fest, drohendes Unheil ballte sich über ihr zusammen, und sie war ganz allein. Kein neuer Anfang und auch keine schlecht gefärbten Haare würden daran etwas ändern. Wie dumm sie gewesen war, das zu glauben. Der Zug nahm wieder Fahrt auf. Ein schrilles, kreischendes Geräusch, war zu hören, wie Metall auf Metall, und sie wusste, dass der Zug schwer gegen die Dunkelheit ankämpfte.“ (S. 19)
„Sie erwachte lange vor Sonnenaufgang. Die Kinder schliefen noch, alles war still. Und doch vernahm sie, dass dort draußen etwas lauerte. Schließlich gab sie es auf, wieder einzuschlafen, schlang sich eine Decke um die Schultern und setzte sich wartend ans Fenster. Als der Morgen graute, schälten sich die vertrauten Formen aus der Dunkelheit. Die zackigen Spitzen der Nadelbäume, das schiefe Dach der Scheune, die Axt, die immer noch im Hackklotz steckte. Und etwas, das nicht dort hingehörte. Sie blinzelte, doch die Gestalt verschwand nicht.“ (S. 9)
„Die Dashwoods waren eine alteingesessene Familie in Sussex. Sie hatten ein großes Besitztum und wohnten auf Norland Park inmitten ihrer Ländereien, wo sie seit vielen Generationen ein so achtbares Leben geführt hatten, dass sie im ganzen Bekanntenkreis in hohem Ansehen standen“ (Verstand und Gefühl, S. 9)