Salah Naoura, Der Junge, der auf ein Haus stieg
Von hier oben ist die Welt viel übersichtlicher. Alles wirkt geordneter, weniger chaotisch. Erst jetzt, mit dreizehn, kapiere ich, was Papa damals gemeint hat, als er zum ersten Mal vom Gleitschirmfliegen schwärmte. Dass man die Dinge aus der Vogelperspektive klarer sieht. Durch den Abstand. Ich sitze auf dem Hochhaus und wundere mich, dass dieses schreckliche Ziehen in meinen Beinen nicht beginnt. Komisch. Auch kein Herzrasen. Als würde ich träumen und dabei wissen, dass es nur ein Traum ist und die Schwerkraft mir nichts anhaben kann. (S. 5)
Auf dem Dach eines Hochhauses sitzend lässt der dreizehnjährige Viktor sein bisheriges Leben vorbeiziehen, in dem die grenzenlose Abenteuerlust seines Vaters, das Leben der Familie bestimmt hat. Süchtig nach dem großen Kick und nach der Gefahr liebt er es mit dem Fallschirm oder Wingsuit in die Tiefe zu stürzen. Auch Viktor will er für Gleitschirmfliegen, Klettern u.a. Extremsportarten begeistern, was zu ständigem Streit mit Viktors Mama führt.
„Alles beginnt mit einer unverhofften Idee. Ein Knistern. Einer Laune der Gedanken. Fabelwesen! Jeder hat schon mal von ihnen gehört, sei es in Geschichten, Büchern oder einem der zahlreichen Filme, in denen sie mitspielen. Doch was wäre, so frage ich mich, wenn sie mehr als das Resultat menschlicher Vorstellungskraft sind? Mehr als Feuer speiende Ungetüme oder schattenhaften Traumgestalten aus Mythen und Legenden? Wäre diese Möglichkeit es dann nicht wert, ihr nachzugehen?“ (S. 9)
„In Nordeland war Harald ein Retter. Ein Befreier und Kämpfer für die Schwachen. Ich hatte seine guten Taten mit eigenen Augen gesehen. Ich verdankte ihm mein Leben, wie so viele andere, die ihm dienten. Doch er war weder Held noch Schurke. Nur ein Mensch, und die Entscheidungen eines Menschen sind nie völlig selbstlos, schon gar nicht die eines Menschen, der mit einem kleinen Jarlstum angefangen und sich den Weg zur Spitze als König erkämpft hatte.“ (S. 17)
„Aus diesem Grund habe ich meine Erinnerungen an das Schrecklich niedergeschrieben. Nur wer wirklich dabei war, kann wahrhaftig über das Grauen berichten. Und ich war dabei. Für euch, die dritte und vierte Generation, ist der Holocaust bereits Geschichte oder nur mehr Legende. […] Doch ich bin mir sicher: Beim Lesen meiner Erinnerungen werdet ihr spüren – und wissen –, dass es sich beim Holocaust weder um eine Legende, noch um ein Hollywood-Drama handelt, sondern um eine Lektion, die zu verstehen von großer Bedeutung für die Zukunft ist.“ (S. 13)
„»Mädels, mein Name ist Marsyas Blackgate. Ich würde euch beide gern anheuern, damit ihr euch als meine Enkelinnen ausgebt, und zwar bei einer Abendgesellschaft auf Hegemony Manor ... Kennt ihr das? Es liegt gleich außerhalb von Wood Rose.« Wren fallen fast die Augen aus dem Kopf. »Das Hegemony Manor? Natürlich kennen wir das! Gotische Perfektion auf einem Hügel, mit Türmchen, Erkern und der ganzen morbiden Wednesday Addams-Stimmung. Unsere Mutter war ganz verrückt danach.«“ (S. 11)
„Emma Woodhouse, hübsch, klug und reich, mit einem angenehmen Zuhause und von heiterem Gemüt, schien beinahe alles in sich zu vereinen, was das Leben einem Menschen an Gutem nur bieten kann; Fast einundzwanzig Jahre war sie nun schon auf dieser Welt und hatte in all der Zeit kaum je einmal Kummer oder Sorgen gekannt.“ (S. 7)
„Warum hast du mich in diese Welt zurückgerufen?, fragte er, als er wieder aus dem Dunkel ins Wachsein gezogen wurde. Obwohl er keinen Körper aus Fleisch und Blut hatte, peinigte ihn immer noch Schmerz, den er mit dem Leben selbst hinter sich gelassen zu haben glaubte, und quälten ihn Gedanken, die nicht von ihm weichen wollten. Warum hast du mich aus dem seligen Vergessen gezerrt? Und wie übst du solche Macht, aus, die Bande des Todes selbst zu zerreißen? Stell keine Fragen, Hakatri vom Haus der Tanzenden Jahre, beschied ihn die Stimme von Dreien. Du bist gerufen worden, weil nur du tun kannst, was getan werden muss.“ (S. 37)
„Von einer Sekunde auf die andere war es dunkel. Die sechs Probanden hörten, wie sich der Schlüssel im Schloss hinter ihnen drehte. Dann war es totenstill. Marc versuchte die Tür wieder aufzudrücken. »Die hat uns echt eingesperrt. Kackdreist.« Wieder Stille. Sarah hörte Emma neben sich schwer atmen. Josh sagte: »Stunde Null. Das bezeichnet die Stunde nach dem Zweiten Weltkrieg. Sechzig Millionen Menschen waren gestorben, danach mussten sich die Deutschen die Zivilisation erst wieder aus der Dunkelheit zurückholen.«“ (S. 13)
„Flo wäre beinahe mein elftes Leben gewesen. Es war an einem Sommerabend mitten im Schuljahr, auf einer Brücke. Ich habe sie nie gefragt, warum sie springen wollte. Ich hätte sie zum Büro der Zählstelle schleifen können, sie verpfeifen, meinen letzten Punkt einsammeln und, wie vorgesehen, vor der Volljährigkeit ein Tugendhafter werden können. Aber ich hab’s bleiben lassen. In einer ganz auf den Wert des menschlichen Lebens aufgebauten Gesellschaft ist man mit dem Vermerk «selbstmordgefährdet» in seiner Akte das Allerletzte.“ (S. 32)
„Die Physik hat zum Ziel, einige der grundlegendsten Phänomene in der Welt um uns herum zu verstehen. Sie beschäftigt sich mit Materie und Energie, hier auf der Erde und im gesamten Universum. Die Erklärungskonzepte, die Physikerinnen und Physiker im Lauf der Jahrhunderte entwickelt haben, basieren auf dem, was man in der natürlichen Welt sieht. Manchmal beobachten sie einfach natürliche Phänomene; manchmal führen sie gezielte Experimente durch, um Fragen zu klären, die sich aus der Naturbeobachtung ergeben.“ (S. 7)