Das Groteske erscheint einem oft als eine verzerrte Welt, gesehen vielleicht durch eine verkehrt aufgesetzte Lesebrille. Selbst wenn man den irritierten Blick korrigiert, ist es nicht mehr möglich, das Schräg-Gesehene ungeschehen zu machen.
Jan David Zimmermann wirft unter dem Titel „Das Himmelsnetz“ zwölf Geschichten aus, die vorbeikommende Leser rasch umgarnen. Auf Anhieb umarmen uns die Erzählungen mit Themen aus Kindertagen, als wir atemlos Bücher über fragile Schiffe, untergegangene Berufe und Fallstricke des Alltags gelesen haben.
Und in der Tat beeindrucken rare Berufe umso mehr, als sie beinahe kultisches Verhalten von ihren Ausübenden verlangen, die meist zu Einzelgängern geworden sind. „Der Zapfensteiger“ (15) etwa besteigt die höchsten Bäume, um ihnen aus dem Wipfel jene Zapfen zu entreißen, die man mittlerweile zur künstlichen Aufforstung sterbender Wälder braucht. Er beklagt den Untergang der Zunft mit Stolz, denn der Beruf des Zapfensteigers lässt sich nicht lehren oder weitervererben. Wenn ihn jemand für sich entdeckt, so wird er sich darin mit eigener Kraft bewähren müssen. Generell ist das Pflücken von Zapfen ein aussterbender Beruf und „der Wald ist der ideale Ort, um verschollen zu gehen“. (18)
Eine absurde Flucht aus der normalen Welt ermöglicht der sogenannte „Knöchelritt“. Dabei handelt es ich um eine biologische Rückentwicklung, wenn die Hände allmählich zu Hufen werden, sodass der Körper gezwungen ist, auf Knöcheln zu galoppieren. Diese schaurige Begebenheit lässt sich als umgekehrte Evolutionsgeschichte lesen, der Held entwickelt sich zurück und wird zum Tier. Die Motive aus Wolfsgeschichten, Horrorfilmen und genetischen Dystopien begleiten den Rückwärtsgang der Menschheit bis hin zur artifiziellen Entstellung, wonach sich Hände ins Leere verkrallen und ein schlaffer Körper daran herunterhängt.
In der Titelerzählung „Das Himmelsnetz“ werden wir auf ein Gespensterschiff geleitet, das fern aller Schifffahrtsrouten ohne Koordinaten dahingleitet. Der namenlose Seemann geht einem Wimmern nach, das mehrere Besatzungsmitglieder gemeldet haben. Aber wie bei einer ordentlichen Hörstörung üblich, lässt sich das Wimmern zwar abgeschattet vernehmen, aber nicht einer Quelle zuordnen. Als wahrscheinlichster Lärmspender wird der Schiffskater vermutet, der auf Rattenjagd unterwegs ist.
Der Seemann betritt bei seiner Suche Areale des Schiffes, von denen er noch nie gehört hat. Über ein ganzes Unterdeck hinweg sind die sogenannten „Stillgelegten“ eingesperrt. Sie haben offiziell keine Arbeit, müssen aber dennoch Tag und Nacht ohne Lohn schuften. Einer dieser Niemands tritt mit dem Seemann ins Gespräch und erzählt ihm den Sinn des Lebens als Traum. Es soll ein Himmelsnetz geben, das direkt über das Firmament hinaus gespannt ist und auf dem die Demokratie herrscht. Die Wesen im Himmel betreiben eine Demokratie, ohne dass sie es merken. Freilich sind die Maschen des Himmelsnetzes so weit geknüpft, dass alle durchfallen. Demokratie ist also ein Netz ohne Substanz, weshalb sich die darin Eingefangenen frei fühlen.
Die meist sehr kurzen Parabeln halten sich an jenen eingedampften Schreibton, mit dem etwa Kafka seine Texte zwischen Tag und Nacht, Tagebuch und Erzählung gestaltet hat. Wie bei Lehrtexten üblich, lasst sich eine starke „Moral von der Geschichte“ erkennen, die sich freilich zwischendurch ironisch selbst aushebelt.
Der Zugang zu den einzelnen Begebenheiten geschieht mit einem Ruck, ein kurzer Eröffnungssatz genügt, und schon sind wir in einem beinahe surrealen Ambiente, das amorph an der gewohnten Umgebung angedockt ist.
So kann das Leben auf dem Schiff ein Sinnbild für alles Mögliche sein, was mit Befehl, Hierarchie und Steuerung zu tun hat. Auf der anderen Seite verliert sich mitten im Wald eine Geschichte vor unseren Augen. ‒ Die Protagonisten arbeiten zudem an unsichtbaren Grenzen, ob es der Schiffsmann ist, der sich wie bei Joseph Conrad an seine eigene Schattenlinie hält, oder der „Thanatoprakt“ in der gleichnamigen Erzählung, der kaputte Körper restauriert, ohne sie aus Versehen wieder zum Leben zu erwecken.
Alle diese seltsamen Philosophen und Grübler haben getarnt durch ihre Berufe ein Programm:
„Es sei das Höchste, eine Arbeit zu machen, deren Resultat niemals fertig ist und die niemals ans Ziel kommt. – Eine Arbeit, die an das Fertige und Abgeschlossene nicht glaubt, aber gleichzeitig mit diesen Begriffen spielt und sich im Laufe eines Berufslebens auch ein wenig darin verliert.“ (114)
Jan David Zimmermann, Das Himmelsnetz. Erzählungen
Wien: edition fabrik transit 2025, 122 Seiten, 20,00 €, ISBN 978-3-903267-81-7
Weiterführende Links:
edition fabrik transit: Jan David Zimmermann, Das Himmelsnetz
Homepage: Jan David Zimmermann
Helmuth Schönauer, 22-01-2026