„Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder.“ – Ein Start wie die Pest! Elias Hirschl pusht den Roman „Schleifen“ hinein in das Langzeitgedächtnis der Leser, in diesem fulminanten Pest-Satz ist letztlich der ganze Roman angelegt wie eine DNA-Scheibe für das dazugehörende Individuum.
Franziska Denk, nomen est omen, ist die Datenträgerin für einen Denkprozess, der vorgeblich von der Philosophie des Wiener Kreises angeschoben ist, in der literarischen Wirklichkeit aber als grandios-groteskes Gedankenexperiment über die Sprache ankommt.
Franziska Denk hat nämlich die Fähigkeit, alle Krankheiten am eigenen Leib auszutragen, die üblicherweise als bloße Begriffe in Gesprächen und Texten anfallen. Fällt also in der Nähe der Heldin das Wort Pest, so bricht diese sofort bei Franziska aus.
Das Zusammenspiel von erzählter und ausgesessene Wirklichkeit spielt eine Hauptrolle im Roman, bei dem sich ja schon vor dem ersten Satz die Problemkiste auftut. Wie muss das Wort Pest vor dem Roman gefallen sein, damit die Heldin mit der Pest am Hals den Roman eröffnen kann?
An der Figur der Franziska Denk spiegelt sich in drei Schritten ein Pandämonium schroffer Gedanken, die dann entstehen, wenn man das Denken ungebremst aus sich herauslaufen lässt.
Der sogenannte Wiener Kreis rund um Moritz Schlick versammelt eine Truppe Intellektueller, die Philosophie, Sprache und Mathematik zueinander in Verbindung setzen. Ihre Ergebnisse können Grundlagen für Sozialwissenschaften, Staatstheorie oder Gesetzmäßigkeiten der Wissenschaft sein.
Im Roman hält sich dieser Wiener Kreis rudimentär an das gesichert Überlieferte, bald jedoch nimmt Franziska den Erzählfaden in die Hand und entwickelt eigene Überlegungen, die sie prompt publiziert. Sie verfasst ein Werk über die „dritte Mongolische Partei“ als Beitrag zur Staatstheorie. Der mathematische Prozess wird mit dem Buch „Schleifen“ vorangetrieben, worin die sogenannten Möbius-Schleifen sich verselbständigen und teils als Mahnmale, teils als Unterrichtsmaterial zu Kleinodien der Unendlichkeit zusammengeklebt über den Kontinent verschickt werden.
Für die Wissenschaft ist freilich die Partnerschaft mit dem Mathematiker Otto Mandl von Interesse, wobei es um die Frage geht, ob die beiden zusammen gefickt haben oder nicht.
Bald entwickelt sich aus diesem Forschungstreiben eine eigene Sexte, die sich Non-Verbalisten nennt. In einem Manifest werden etwa die Abschaffung konterrevolutionärer Konservierungsmittel wie Lexika, Wörterbücher und Wikipedia gefordert, es soll eine schrittweise Abschaffung der Schriftsprache folgen, und schließlich ein totalitäres politisches Regime etabliert werden, „bestehend ausschließlich aus bewusstlosen Komapatient:innen“. (117) (Das Gendern ist bei Elias Hirschl oft als ironische Überhöhung gemeint.)
Die Sektenmitglieder halten sich vorläufig an den Coelho-Weg, sie praktizieren Wellness nach Gemütsempfehlungen des brasilianischen Kultautors Paolo Coelho.
Im nächsten Schritt wird in der Nähe von Rom der Ministaat „Wodot“ ausgerufen, das sich als Kürzel für Warten auf Godot lesen lässt. Dieser Sektenstaat besteht wie eine Steuerinsel aus einem Flughafen und einem Account für Geldverkehr, beides ermöglicht einen permanenten Kongress, bei dem es nur darum geht, ob „sie“ noch einmal auftaucht. Franziska Denk nämlich spricht nur mehr in Erscheinungen mit dem Sektenvolk.
Im dritten Schritt übernimmt das Ruder die Germanistik in ihrer unnachahmlichen Art, Ficts und Facts zu vermischen. Aus einer Melange von gefälschten Primär- und Sekundärquellen wird eine neue Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts geschrieben. Selbst der Fels Franz Kafka bleibt nicht von in dieser Orgie der Dekonstruktion verschont, er hat Geschlechtsverkehr an falschen Stellen, weint beim Anblick der eigenen Werke und verwechselt Ursache und Wirkung, wenn es um das Schildern von juristischen Zusammenhängen geht.
Am Schluss beendet sich diese Art von Wissenschaft selbst, indem sie auf ein Diktum von Wittgenstein zurückfällt und schweigt, was angesichts der Nachrichtenlage kein Wunder ist. Die letzte Nachricht soll aus dem Bereich von Sciencefiction stammen, mit der die Germanistik mithilfe von Aliens schon längere Zeit kollaboriert hat.
Elias Hirschls Trilogie der grotesken Dekonstruktion von Sprachverwendung hat das Zeug, über die bloße Gegenwart hinaus die Epoche der frühen Zwanziger Jahre zu beschreiben.
- In „Salonfähig“ (2021) üben sich Jugendliche so lange im Politjargon, bis er ihnen auf den Leib geschneidert ist und sie so das Bundeskanzleramt übernehmen können.
- In „Content“ (2024) vermüllt ein Start-Up das Netz mit Listen und sinnlosem Inhalt, bis selbst die einzelnen Sätze nicht mehr als solche zu erkennen sind. Von einem wahren Satz ganz zu schweigen.
- In „Schleifen“ (2026) nehmen Philosophen und Germanisten die Sprache dermaßen wörtlich, dass diese ihnen entgleitet und unkontrolliert eine Sekte der Non-Verbalisten gründet.
Alle Protagonisten wie Jungpolitiker, Influencer und Genderer auf der Uni bekommen entsprechendes Fett ab.
Elias Hirschl, Schleifen. Roman
Wien: Zsolnay Verlag 2026, 408 Seiten, 26,80 €, ISBN 978-3-552-07588-7
Weiterführende Links:
Zsolnay Verlag: Elias Hirschl, Schleifen
Wikipedia: Elias Hirschl
Helmuth Schönauer, 24-01-2026