Isabella Breier, Kosmo

h.schoenauer - 22.05.2026

Isabella Breier, KosmoEine Selbstkündigung lässt niemanden kalt. Zumindest die kündigende Person empfindet sich für ein paar Augenblicke als Individuum, das eine Entscheidung vorgenommen hat.

Isabella Breier stellt in Ihrem Roman „Kosmo“ schon im Titel einen vagen Kosmos vor, der thematisch, psychologisch und philosophisch so gut wie alles aufbricht, was wir im klassischen Wissenschaftsbetrieb mühsam in Schubladen und Fächer gepackt haben. Für die erste Beschreibung des Romans wird am Klappentext der Begriff „enzyklopädisches Erinnerungsuniversum“ verwendet.

Das Andocken der Leser an dieses Universum geschieht mit einem erzählerischen Trick. In einem groben Plot wird von der Wissenschaftlerin Chave berichtet, die seit Jahrzehnten auf Investigationsexpedition unterwegs ist und sich dabei so heftig in die Zukunft vorarbeitet, dass sie Mühe hat, daraus auszusteigen. Als Anknüpfungspunkt an die Gegenwart und die gegenwärtigen Leser dient als letzter Ausweg das Kündigungsschreiben, das aus dem Jahr 2048 auf die Gegenwart zurückgerichtet werden muss, womit die Gegenwart automatisch zu einer erzählten Vergangenheit wird.

Im Vorspann reicht also die Ich-Erzählerin ihre Kündigung ein und liefert als Rechtfertigung den Roman ab. Dieser ist aufgebaut wie eine wissenschaftliche Arbeit, gliedert sich in Geschichten, Themen, Kapitel und Essayansätze, wobei es letztlich darum geht, dass sich die Erzählerin vor Jahrzehnten für ein Stipendium beworben hat, dass sie dann hat aussitzen müssen.

Ort ist die Stadt Kosmo im Süden Griechenlands, wo die Heldin ihren Forschungen nachgeht und alles in ihr Programm aufnimmt, was ihr unter die Finger kommt. So handeln dann auch die einzelnen Geschichten von Aussteigern, die sich ihre Träume erfüllen, von Hotels, die mal da sind und dann wieder bankrott als Lost Places in der Landschaft verschwinden.

Als Kern der Forschertätigkeit lassen sich schließlich die Gespensterprotokolle heranziehen, die eine fiktive Kollegin hinterlassen hat. Alles läuft darauf hinaus, dass Denken und Forschen Vorgänge sind, die sich nur vage umschreiben lassen. Es ist alles in Bewegung und flutscht durch die Finger, wenn man es in ein Protokoll packen will.

Aus diesem wabernden Bemühen ragen zwischendrin Erkenntnisse über das eigene Leben heraus, die Erzählerin merkt, dass sie sich wohl verändert hat im Laufe der Zeit, aber da alles als Projekt angelegt ist, sind diese Ergebnisse wegen der Zeitverschiebung in die Zukunft nicht fassbar.

Das Abenteuer Lesen besteht nun darin, scheinbar Fixes mit dem Möglichen zu verbinden. Zu diesem Zweck hält sich der Roman an das Layout einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Erzählung ist fein säuberlich in Thesen und Kapitel gegliedert, unter dem Fließtext sind ordentlich fiktionale Fußnoten angeordnet, und im Text schweben ständig kursiv gesetzte Sinnpartikel, die eine Art Zitat oder direkte Rede suggerieren.

Manchmal wird auch die Schrifttype gewechselt, wenn etwa die Gespensterprotokolle als fiktionales Original vorgestellt werden. Die beiden Erzähl-Strömungen Abschweifung und Zusammenfassung erzeugen zudem einen Lesesound, der durchaus etwas Peristaltisches wie bei einer Verdauung an sich hat. Das Thema wird quasi im Denkdarm durch den Erzählkörper geschoben.

Die Ernsthaftigkeit der Erzählform ist mit viel Ironie gegen Kurzschluss gesichert. So beginnt die Arbeit mit einem Lebenslauf der Erzählerin, wie er sowohl in die Romantheorie eines weiblichen Tristram Shandy oder einer Biographie zu einer Dissertation passt.

Die Erzählerin berichtet in einem Atemzug vom Tod ihrer Eltern, wobei in einer Fußnote eine Art Quelle für die Todesnachricht versteckt ist. Gleichzeitig wird das Sexualleben als fiktionaler Text ohne Quellenangabe dargestellt.

Die einzelnen Wahrscheinlichkeitsformen lassen an das fiktionale Baukastensystem eines Jorge Luis Borges denken, worin die Welt oft als Universalbibliothek dargestellt ist. Eine ähnliche Denkweise evoziert der Roman Kosmo in seiner Gesamtheit.

Eng gedacht ist er eine süffisante Abrechnung mit dem Wissenschaftsbetrieb voller fehlgeleiteter Institute, Verwaltung, Subventionen und gegenseitigen Zitierens, als Kosmos gedacht ist er ein Stück Zeitlosigkeit voller Leerstellen, in die sich jeder seine persönlichen Glückserwartungen hineinprojizieren kann.

So gesehen ist der Roman auch ein Stück Tourismuskritik, Wissenschaftsabrechnung und antiromantische Beschreibung des Griechischen Mythos. Logischerweise sind die Schlüsselbegriffe in griechischer Schrift als kleines Glossar zusammengestellt. Dieses Glossar lässt sich bestens für die eigenen Assoziationen verwenden, die bei der Lektüre dieses offen gehaltenen Romans in Schwärmen wie von selbst auftauchen.

Impulse für dieses assoziative Leseabenteuer bieten unter anderem die Namen der angesprochenen Institute und Hotels, die wie Prospekte im Vorspann ausgelegt sind. Und das Inhaltsverzeichnis steuert ohnehin den Charme des Erzählstroms, wenn es etwa um spontan einsetzende Gerüche aus der Kindheit geht, die nahe an einen Apfelstrudel herankommen.

Der Bericht zum Kündigungsschreiben ist stetig mit Reflexionen hinterlegt, die das Lesen und Schreiben betreffen.

„Seit dem bisschen Schlaf in Xenias Schaukelstuhl hatte eine Absurdität die andere gejagt und der Irrsinn meine Investigativexpeditionswirklichkeit erbeutet. Alle Gegebenheiten wurden untergraben, Welt für Welt schien ausgehöhlt und jede Gewissheit erschüttert.“ (142)

In der Bibliotheks-Katalogisierung des vorigen Jahrhunderts hätte man bei „Kosmo“ von einem lupenreinen Bildungsroman gesprochen. Aber das Aufbrechen dieser Schubladen ist ja der Inhalt des Kosmo-Kosmos, sodass Rezensionen darüber ohne Kategorisierung auskommen müssen.

Isabella Breier, Kosmo. Roman
Wien: Septime Verlag 2026, 327 Seiten, 25,70 €, ISBN 978-3-99120-077-2

 

Weiterführende Links:
Septime Verlag: Isabella Breier, Kosmo
Wikipedia: Isabella Breier

 

Helmuth Schönauer, 28-04-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Isabella Breier
Buchtitel:
Kosmo
Erscheinungsort:
Wien
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
Septime Verlag
Seitenzahl:
327
Preis in EUR:
25,70
ISBN:
978-3-99120-077-2
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Isabella Breier, geb. 1976 in Gmünd, lebt in Wien.