Dürfen Widerstandskämpfer ihren Kampf als Abenteuer erleben, darin eine schöne Skitour einbauen und am Schluss gar heiraten?
Michael Melville lässt drei historisch belegte Helden am Ende des Weltkriegs auf die gute Seite der Geschichte fallen und mithelfen, die Stadt Innsbruck „unblutig“ an die Amerikaner zu übergeben. Die Fallschirmseide, mit der die Protagonisten über den Alpen abgesprungen sind, wird dabei zu einer Metapher für das Glück, wenn man daraus ein Hochzeitskleid macht. Der Roman ist daher in einen märchenhaft berührenden Rahmen eingehängt: Zeitgenossen besuchen in der Nähe von Innsbruck eine Zeitzeugin, die ihnen als Höhepunkt der Authentizität des Erzählten ihr Brautkleid zeigt, das aus Fallschirmseide genäht ist.
Im Mittelpunkt der subversiven Aktion gegen die Nazis steht Franz Weber, der an der Südfront desertiert und bei Neapel in ein spezielles Gefangenenlager kommt. Dort erklärt sich der Tiroler bereit, seine geographischen Kenntnisse um Innsbruck herum zur Verfügung zu stellen und zusammen mit den zwei Agenten Mayer und Wijnberg über den Alpen abzuspringen, um Kontakt zu Tiroler Widerstandsgruppen herzustellen.
Es folgt eine atemberaubende Agentengeschichte im Tiroler Milieu, die von der Schönheit der Alm und der Undurchschaubarkeit der Gesichter lebt.
Nachdem der Absprung geglückt ist und das Trio zuerst über verschneite Almen, später über die Dörfer des Ötztals und Inntals nach Innsbruck gelangt, gilt es, die jeweiligen Bewohner richtig einzuschätzen. Dazu gibt es ein freches Bonmont: In Innsbruck kannst du dich nur politisch verlaufen, geographisch ist alles klar.
Franz Weber bringt seine Co-Agenten bei Verwandten in der Nähe der Stadt unter und stellt in der Stadt Kontakte zur Untergrundgruppe her. Freilich gerät er in die Fänge der Gestapo und stößt auf beide Typen: jene, die foltern, und jene, die im entscheidenden Augenblick die Gefängnistür offen lassen.
Derweil nähert sich die Front der Amis der Stadt, trotz großer Durchhalteparolen wechseln immer öfter die Nazis die Seite, um ihre Lage nach der Kapitulation zu verbessern. Der Gauleiter Hofer wird dabei als ziemlich freundlicher Kerl dargestellt, der die Übergabe der Stadt beinahe ritterlich inszeniert und durchaus das Glas mit den Widerstandskämpfern erhebt. Innsbruck bleibt größtenteils unbeschädigt, denn auch der Geist der Bewohner scheint sich leicht in die neue Zeit drehen zu lassen.
Für Franz Weber springt wie im Märchen ein Happyend heraus, er heiratet seine Braut in Fallschirmseide.
Der Roman ist ausdrücklich als Fiktion gekennzeichnet, was dem Schwarz-weiß-Design des Erzählens zugute kommt. Und auch die Leser können endlich für eine sinnvolle Sache mitfiebern, die noch dazu gut ausgeht.
Politische Statements fallen daher auch im Stil kantigen Holzschnittes aus. So bringt der Ami sein Agentenethos auf den Punkt: „Wer einen Krieg vom Zaun bricht, siehe Polen [sic], muss mit der Feindschaft Amerikas rechnen. Hätte Russland den Krieg begonnen, wären wir auf der anderen Seite gestanden.“ (213)
Dieser lebensgefährliche Dunst zwischen Mitläufern, Denunzianten und Untergetauchten lässt jede Begegnung zu einem Showdown der Gefühle werden. Letztlich ist auf niemanden Verlass, weil sich unter dem Druck einer gleichgeschalteten Öffentlichkeit alle Individuen unberechenbar entwickeln. Als konkretes Beispiel wird die Uni Innsbruck genannt, wo ein Alpenvereinsvorsitzender ins Rektorat übersiedelt und somit die Alpen geographisch und ideologisch auf Linie bringt.
Die Abenteuer des Franz Weber sind zwischendurch mit Ausschnitten der Innsbrucker Nachrichten unterlegt, erzähltechnisch hat der Held nämlich das Glück, dass überall, wo er hinschaut, eine politische Botschaft für ihn ausgelegt ist.
Dieser hellwache Untergrund-Modus des Beobachtens lässt sich auch auf das heutige Tirol übertragen. Man muss nur probehalber den öffentlichen Diskurs von damals auf heute legen, indem man den Tourismus als die alles beherrschende Ideologie nimmt. – Und schon entsteht die beste Agentenstimmung.
Im Roman sind naturgemäß kleine fiktionale Unebenheiten enthalten, wenn etwa die Gestapo regelmäßig mit einem VW-Bus vorfährt, der aber als Fahrzeugtype erst nach dem Krieg erfunden worden ist.
Hier sollte man sich an das großzügige Angebot des Erzählens von Kriegsnachrichten halten: Der Krieg kennt nur schwarz-weiß, die Charaktere müssen sich entscheiden, ob sie 1 oder 0 sind. Und selbst die Zahlen ändern stündlich ihren Wert.
Eine spannende Widerstandsgeschichte, die den Tirolern ziemlich schmeichelt.
Michael Melville, Fallschirmseide. Roman
Klagenfurt: Drava Verlag 2025, 234 Seiten, 24,00 €, ISBN 978-3-99138-119-8
Weiterführender Link:
Drava Verlag: Michael Melville, Fallschirmseide
Helmuth Schönauer, 10-05-2026