„Es gab einmal Zeiten, manche erinnern sich noch, da wurden die Konflikte durch Erklärungen, Entschuldigungen oder klitzekleine Racheaktionen beigelegt – oder es wurde der Rechtsweg beschritten. In den vergangenen Jahrzehnten jedoch hat sich eine Konfliktkultur mit völlig neuen Strukturen und Dynamiken herausgebildet.“
Maria-Sibylla Lotter geht der Veränderung im gesellschaftlich-psychologischen Diskurs nach, die zunehmend von einem Antagonismus zwischen Gruppen, mit einem sensibilisierten Verständnis von Leid und Opfer, und einer Gegenbewegung aus, die sich gegen einen überhöhten moralischen Anspruch und eine Einengung der Rede- und Meinungsfreiheit ausspricht.
Als Grundlage zahlreicher gesellschaftliche Spannungen im Bereich der öffentlichen Debatte, der Wokeness-Bewegung oder der Pathologisierung normaler Gefühle wird der Eingang psychotherapeutischer Sprache und Deutungen in die verschiedenen emanzipatorischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte betrachtet. Begriffe wie Trauma, Opfer, Gewalt, Mikroaggression oder Diskriminierung wurden aus dem therapeutischen in den gesellschaftspolitischen Raum transferiert. Dabei wurde auch das therapeutische Prinzip übernommen, die Aussagen des Patienten oder des Opfers als wahr anzunehmen. Eine Annahme, die jedoch der gesellschaftlichen Forderung widerspricht, bei Anklagen allen Parteien gegenüber unvoreingenommen und objektiv zu sein.
In weiterer Folge wird der Entstehung einer Opferkultur nachgegangen, die dem Opfer eine religiöse Aura und Autorität verleiht und der Opferstatus Macht und Ansehen vermittelt, vor Kritik schützt und die gesellschaftliche Anerkennung erhöht. Ein wichtiger Schritt in der Aufwertung des Opferstatus in der gesellschaftlichen Diskussion spielt die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, dem sich bald auch andere Gruppen anschlossen, die für sich selbst die Anerkennung als Opfer verlangten.
Im Bereich der Kulturwissenschaften kam den Thesen von Michel Foucault und Pierre Bourdieu eine zentrale Rolle zu, in denen Macht und Ohnmacht in der Sprache und Gesellschaft eine neue Perspektive erhielten. In den 1980er und 1990er Jahren wurden diese Theorien auf soziale Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe oder soziale Klasse ausgedehnt. Die Trennung zwischen „bloßen Worten“ und „Handlungen“ geht dabei zunehmend verloren. Damit hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Glaube an die Macht der Sprache entwickelt, der an frühere Zeiten mit magischen Vorstellungen erinnert.
Durch die intensive Auseinandersetzung mit Rassismus, Kolonialgeschichte und Diskriminierung auf den amerikanischen Universitäten entwickelt sich ein neues Verständnis von Sprache als Gewalt, dass dazu führt, dass Sprache reguliert werden soll, um vulnerable Gruppen vor Kränkung zu schützen. Dabei werden die als vulnerabel verstandenen Gruppen ebenso ausgedehnt, wie Arten der Kränkung. Damit wird ein Wettlauf in der Opferhierarchie um die begrenzte öffentliche Aufmerksamkeit eingeleitet.
Weitere Aspekte des Opferkultes sind „Hatespeech“, die als herabsetzende Äußerungen über ganze Gruppen verstanden werden. Kritische Positionen wie z.B. zur Migration, zum Islam u.a. werden dabei im Namen einer Moral, die sich schutzbedürftiger Gruppen annimmt, zurückgewiesen. Verwundbarkeit allein reicht für ein Recht auf Schutz vor potenziell verletzlichen Reden aus.
In weiterer Folge setzt sich Lotter gezielt mit den gesellschaftlichen Gefahren und Risiken von Meinungs- und Diskussionskontrollen für die Debattenkultur und die demokratische Entwicklung auseinander, aber auch wie sich diese Diskussion unmittelbar auf die Gesellschaft in der Gegenwart z.B. in der Gesetzgebung oder Exekutive auswirkt.
Zum Abschluss wird ein möglicher Ausweg aus einer gefährlichen Entwicklung aufgezeigt, welche die Diskussionskultur zunehmend auf Gut-Böse-Urteile reduziert. Anspielend auf Hegels These-Antithese-Synthese-Ansatz schlägt sie vor, die Argumente beider Seiten kritisch zu untersuchen und die negativen Auswüchse zu korrigieren ohne den sinnvollen Kern zu verlieren.
„Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“ bietet einen ebenso informativen wie erklärenden Einblick in gegenwärtige gesellschaftliche Phänomene wie Opferkult, Wokeness, Antirassismus, Hatespeech u.a. Dabei gelingt es verständlich die enge Verbindung zwischen den Begrifflichkeiten der Psychotherapie und deren missglückte Übernahmen in die Gesellschaftswissenschaften, bis hin in den Alltag aufzuzeigen.
Ein überaus lesenswertes Sachbuch, das neue und hilfreiche Aspekte in eine gesellschaftlich aufgeheizte Diskussionskultur zu bringen vermag und am Ende eine möglichen Lösungsansatz bietet.
Maria-Sibylla Lotter, Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild
München: Hanser Verlag 2026, 288 Seiten, 25,70 €, ISBN 978-3-446-28227-8
Weiterführende Links:
Hanser Verlag: Maria-Sibylla Lotter, Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild
Wikipedia: Maria-Sibylla Lotter
Andreas Markt-Huter, 24-06-2026