Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften

Andreas Markt-Huter - 14.09.2026

Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften„Unter all den Vorwürfen, die gegen das seltsame politische Gebilde namens Europa und seine Bewohner in jüngeren Tagen laut geworden sind, […] dürfte der mildeste jener sein, wonach es durch seine telefonische Unerreichbarkeit auffalle. Man hat dem altgedienten, im November 2023 verstorbenen Politologen Henry Kissinger, einem vormaligen Außenminister der USA, das Scherzwort zugeschrieben, er wisse nicht, welche Nummer er wählen könnte, falls er Europa an die Leitung bekommen wollte.“ (S. 9)

Peter Sloterdijk geht der tiefgründigen Frage nach, was „Europa“ in seinem Fundament, in seiner Identität eigentlich ausmacht. Ausgehend von der historischen Entwicklung Europas, werden die grundlegenden religiösen, moralischen und sozialen Werte Europas analysiert und die historischen und gegenwärtigen Herausforderungen aufgezeigt und in einer Zeit, in der sich Europa seiner eignen Grundlagen und Eigenschaften unsicher geworden ist, kritisch diagnostiziert.

In seiner „Ersten Eröffnungsrede“ werden Europa, die EU und der Europäer näher betrachtet, deren Interesse an sich selbst, nach dem Fall Europas, zunehmend abgenommen hat. Dabei kommen auch der zunehmende Selbstzweifel und Selbsthass zur Sprache, wie sie Susan Sonntag zum Ausdruck bringt: „Die weiße Rasse ist der Krebs der Menschheit“ (S. 16). Für Sloterdijk selbst zeigt sich Europa als kompliziertes, zusammengesetztes Gebilde mit beträchtlicher zeitlicher Tiefe. Die EU selbst stellt einen komplexen Körper aus 27 Einzelstaaten dar, für den des kein Vorbild gibt, der von oben geleitet wird, aber keine Energie aus der Masse der Bevölkerung bezieht, die keine Heimatgefühle mit Europa verbinden.

In der zweiten Eröffnungsrede vergleicht Sloterdijk Europa mit einem Buch und das Umblättern mit der Weitergabe der Kultur über die Generationen. Grundlage für die späteren Nationalstaaten Europas bildet das Imperium Romanum und die spätere Spaltung von politischer und geistlicher Macht. Die Europäer erhielten damit das Privileg zwei Herren dienen zu dürfen, Kaiser und Gott bzw. der Macht und der Wahrheit.

Mit der Aufklärung, der Säkularisierung und den politischen Revolutionen entwickelt sich Europa zu einem Kontinent der Vielfalt aber auch der permanenten Selbstkritik und Selbsthinterfragung, die die Grundlage für die gegenwärtige Verunsicherung bilden. Damit hat sich Europa von einem Zentrum der Welt zu einem „Museum der Ideen“ entwickelt, dem die zukunftsweisenden Projekte fehlen.

Als Herausforderungen der Gegenwart werden die Globalisierung, die Migration, der demographische Wandel und die Krise der politischen Institutionen ausgemacht. Vor allem die fehlende Handlungsfähigkeit der Europäischen Union lassen Europa in einer Art „postheroischen Gesellschaft“ verharren, das sich auf Krisenmanagement beschränkt.

Um dem entgegenzutreten gilt es ein neues Selbstbewusstsein zu erarbeiten und neue gemeinsame Ziele zu entwickeln, wobei nicht nur der Bezug auf die Vergangenheit, sondern auch der Blick auf eine gemeinsam zu gestaltende Zukunft im Mittelpunkt steht.

Sloterdijk gelingt an zahlreichen Autoren und Beispielen der europäischen Ideengeschichte, wie Augustinus, Petrarca oder dem Werk des Kulturphilosophen Eugen Rosenstock-Huessey „Out of Revolution – Autobiography of Western Man“ bzw. Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ exemplarisch aufzuzeigen, in welchem Spannungsfeld sich die europäische Identität seit dem 20. Jahrhundert entwickelt hat.

„Der Kontinent ohne Eigenschaften“ erweist sich als überaus lesenswerte und tiefgründige Analyse der europäischen Gegenwart, in dem die Stärke Europas, die Fähigkeit zur Selbstkritik, zum Dialog und seine Vielfalt als Grundlage für eine neue, gemeinsame Identität postuliert werden. Dabei wird zum Mut zur Veränderung und zur Entwicklung neuer Eigenschaften und Ideen aufgerufen.

Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften. Lesezeichen im Buch Europa
Berlin: Suhrkamp Verlag 2024, 296 Seiten, 16,50 €, ISBN 978-3-518-47537-9

 

Weiterführende Links:
Suhrkamp Verlag: Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften
Wikipedia: Peter Sloterdijk

 

Andreas Markt-Huter, 16-07-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Peter Sloterdijk
Buchtitel:
Der Kontinent ohne Eigenschaften. Lesezeichen im Buch Europa
Erscheinungsort:
Berlin
Erscheinungsjahr:
2024
Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seitenzahl:
296
Preis in EUR:
16,50
ISBN:
978-3-518-47537-9
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Peter Sloterdijk wurde in Karlsruhe geboren und studierte in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. Sloterdijk ist emeritierter Professor für Philosophie und Ästhetik der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und war in Nachfolge von Heinrich Klotz von 2001 bis 2015 deren Rektor. Seit den 1980er Jahren arbeitet er als freier Schriftsteller.