Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleiben

h.schoenauer - 14.10.2026

Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleibenNoch Generationen nach der sogenannten Option bricht in Südtirol an patriotischen Tagen die große Wunde auf: Wem gelingt die Heimat besser, den Dableibern oder den Weggehern?

Gottlieb Pomella gibt seinen elf Erzählungen die Überschrift „Aufbrechen und bleiben“, um die scheinbar unlösbare Frage aufzulösen, die Jahrzehntelang allzu dichotomisch diskutiert worden ist. Dem Buch hat er ein aufwühlendes Motto der türkisch-deutschen Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar vorangestellt: „Wenn man von seinem eigenen Land einmal weggegangen ist, dann kommt man in keinem neuen Land mehr an. Dann werden nur manche besondere Menschen dein Land.“

Das „Erzählwerk“ des Gottlieb Pomella ist geduldig aufgebaut wie ein Gebilde mit Spielkarten, mit dem ein historisch versierter Autor probehalber spielt, und dem es auch nichts ausmacht, wenn die eine oder andere Überlegung in eine Sackgasse führt. Seine Quellen sind oft jene Gerüchte, die in Familien übereinander verbreitet werden und aus denen sich Jahrzehnte später kein Stammbaum mehr rekonstruieren lässt, weil die Protagonisten des Bleibens und Aufbrechens in einem riesigen Patchwork der Heimatgefühle verendet sind.

Die elf Texte sind wie ein Flügelaltar angeordnet, fünf kleinere vorne und hinten umrahmen die Hauptgeschichte „Die Leichenfrau“ (39), worin anhand eines Unfalls Cluster von Ritualen und Verhaltensmuster aufeinander prallen. Ein Lehrmädchen verschwindet eines Tages aus dem Südtiroler Dorf, es bleibt auch vom Lehrplatz in der Stadt fern, ehe sein Handy neben einer unbekannten Leiche gefunden wird. Der Fall entwickelt sich zu einer „Fremden-Geschichte“, denn die Mutter des Mädchens, eine Bestatterin im Ort, will Aufklärung. Dem steht aber ein Beamter aus der Steuerbehörde entgegen, der nicht nur Spuren aufspüren, sondern auch vertuschen kann.

Die Geschichte nimmt einen Kompromiss in Augenschein. Vielleicht ist es wirklich ein Unfall gewesen, als der Mann bei seiner Sextour auf die Leichenfrau gestoßen ist. Bezeichnenderweise erhält das Mädchen erst als Tote eine Identität, in ihrem vorherigen Leben nämlich gilt sie als die Tochter der Bestatterin, die vor Jahren mit dem Kleinkind im Kofferraum aus Rumänien ausgewandert ist. Jetzt wird sie mit der Urne in der Tasche im Zug in die alte Heimat zurückfahren, wo vielleicht noch ihr Mann auf sie wartet.

Beeindruckend ist dieser protokollarische Stil, mit dem der Fall einem Amt nicht unähnlich abgearbeitet wird in der Hoffnung, dass dabei etwas wie gegenseitiger Respekt entsteht.

Die zehn kleineren Geschichten kümmern sich mit pointierten Szenarien um Menschen, die vor Jahren zugezogen oder ausgezogen sind. Meist meldet sich erst beim Sterben die geschundene Seele noch einmal zu Wort, indem sie das Leben ausseufzt.

  • So wie jener Internatslehrer in der Eingangsgeschichte, der sich laisieren hat lassen und in Mailand in einem fremden, glücklichen Leben untergetaucht ist. Auf seinem Totenbett grüßt er plötzlich seine ehemaligen Schüler in Südtirol und löst melancholische Erinnerungen aus. Überraschend hat er während einer Sonnenfinsternis den Schülern erlaubt, diese gegen alle Unterrichtsorder anzusehen, weil sie alle bei der nächsten schon längst gestorben sein würden.
     
  • Der neue Dorfarzt stellt bei seiner ersten Prozession im Dorf fest, dass die Fahnenträger geschunden werden wie die Tiere und er will amtlich einschreiten. Da belehrt man ihn, dass Prozessionen so etwas wie Schwarzarbeit sind, bei der eigene Gesetze gelten.

Diverse Verwandte lösten spätestens mit ihren Sterbebildchen Verwunderung aus, wenn plötzlich Familiäre Verbindungen auftauchen, die niemand geahnt hat.

Gerade die Kriegs- und Nachkriegswirren haben in jede Familie Ungereimtheiten hineingetragen, Fronten, Länder, Meinungen und Liebschaften sind in ständigem Umbruch.

Für sie alle gilt es, den finalen Frieden zu finden, indem man eine würdige Geschichte über sie im Umlauf hält, auch wenn diese biologisch oft nicht stimmen muss.

  • Manchmal sind es auch neumodische Trends, die zu Lebzeiten Unruhe schaffen und die scheinbar gültige Lebensform in Wallung bringen. Als ein „emanzipierter Mann“ sich etwa zu einer Vasektomie entscheidet, hat er das Pech, auf der Urologie mit einem Verwandten zusammenzustoßen, der einen echten Nierenstein hat. Schon im engsten Verwandtenkreis ist es oft unmöglich, etwas Neues durchzuführen, ohne nicht als Abweichler der Heimatrituale denunziert zu werden.
     
  • Die Wunde des geteilten Südtirols wird mit der Erzählung „Beppino, nit deitsch und nit walsch“ (63) elegant mit einem tröstlichen Pflaster verklebt. Der Wegemacher Beppino kriegt nach dem Weltkrieg einen neuen Namen und die Befehle ab jetzt auf Italienisch. Ihm macht es nichts aus, weil das Wegenetz ja noch immer das gleiche ist, das er betreuen soll. Schwieriger wird es mit seiner Gesinnung, die man ihm in italienischer Sprache abpressen will. Als er bei der nächsten Wahl statt der Partei deren Parole aufschreibt, nämlich „pane e lavoro“ (67), kann man ihm nichts anhaben, denn er hat sich über die Partei in Schwejk-Manier einwandfrei hinweggesetzt.
     
  • Später wird ein Nachfahre des Wegemachers dieses Problem mit Socken lösen, die in der Waschmaschine verlorengehen. Je nachdem, ob die Socke L oder R fehlt, wird bei der nächsten Wahl die Stimme ausfallen.

Es ist letztlich das Heitere, das über das schwere Thema „Aufbrechen und bleiben“ obsiegt. 

Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleiben. Erzählungen
Meran: alphabeta Verlag 2026, 100 Seiten, 16,00 €, ISBN 978-88-7223-459-4

 

Weiterführender Link:
Alphabeta Verlag: Gottlieb Pomella, Aufbrechen und bleiben

 

Helmuth Schönauer, 17-06-2026

Bibliographie
Autor/Autorin:
Gottlieb Pomella
Buchtitel:
Aufbrechen und bleiben
Erscheinungsort:
Meran
Erscheinungsjahr:
2026
Verlag:
alphabeta Verlag
Seitenzahl:
100
Preis in EUR:
16,00
ISBN:
978-88-7223-459-4
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Gottlieb Pomalla, geb. 1948 in Kurtatsch, lebt in Kurtatsch.