Lyrik

Helwig Brunner, abdruck in weicher masse

h.schoenauer - 20.03.2026

Helwig Brunner, abdruck in weicher masseNoch vor dem Aufschlagen des Gedichtbandes löst der Titel schon erste Bilder und assoziative Aufregungen aus. ‒ Handelt es sich bei der weichen Masse um einen Hundekot, wie er in modernen Gesellschaften massenhaft in Städten ausgelegt ist? Ist die weiche Masse vielleicht das Hirn, von dem sich ein Gegenüber einen virtuellen Abdruck verschafft hat? Oder ist gar ein Verbrechen geschehen, und ein Forensiker gießt einen Fußabdruck mit einer weichen Masse aus?

Helwig Brunner erlöst diese Erwartungen mit seinen „Blockgedichten“, indem er alle erdenklich-lyrische Konstellationen ausruft und gleichzeitig neue Spuren losschickt, die vorerst nicht weiter verfolgt werden.

Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für Geräusche

h.schoenauer - 17.03.2026

Elisabeth Wandeler-Deck, Anlandebahnen für GeräuscheVom aufgekratzten Titel „Anlandebahnen für Geräusche“ inspiriert denkt man spontan an einen Laubbläser, der mit seinem kontinuierlichen Luftstrom alles Laub in die Ecke kehrt, von wo aus es dann leicht kompostiert werden kann.

Und tatsächlich erzählt Elisabeth Wandeler-Deck mit voller Düse, wenn sie ihre Prosa über die Seiten bläst. Der Text beginnt mit der Fügung „erschien sie mir“ und einem englischsprachigen Zitat über unerwartete Protagonisten, und endet nach gut hundert Seiten absatzlos mit den Worten „draw 2 parallel lines and“ (102). Die Absicht für dieses Buch ist dabei gut versteckt in einem Flow von Assoziationen, Bildern und Sehgewohnheiten:

Christian Steinbacher, Hoch die Ärmel

h.schoenauer - 06.03.2026

Christian Steinbacher, Hoch die ÄrmelEin ermunternder Zuruf an Beamte – was für ein frecher Titel! Christian Steinbachers Quellgebiet sind die Archive, Geheimdepots für Geschichten, Nachlässe von Eremiten und Tiefbohrungen in Wortschutzgebieten. Seine Gedichtbände gleichen Inventarverzeichnissen verschollener Texturen und poetischen Erkundungsstollen, weshalb der Band „Hoch die Ärmel“ auch mit der Genrebezeichnung „Gedichte“ und der Forschungsmethode „Schritte“ bezeichnet ist.

Die Gedichte Christian Steinbachers zeigen sich als Einzeller, bei denen der Kern im Kopf, also in der Überschrift sitzt. Der Untertitel ist mit dem Schwänzchen von Pantoffeltierchen vergleichbar, womit sich diese geschwind im liquiden Medium fortbewegen. Und die eigentliche Masse des Gedichts ist gallertig, amorph und gegenüber dem Umfeld osmotisch, weshalb sie mit allerlei Vers-Tricks und Vers-Maßen in Zaum und Struktur gehalten werden müssen.

Ulrike Titelbach, augen im hoiz

h.schoenauer - 18.02.2026

Ulrike Titelbach, augen im hoizEin Gedicht versammelt tausend Weisen und auf tausend Weisen gelangt man zum Gedicht. Nach dieser großzügig formulierten Definition ist es ein nützlicher Vorgang, den Titel auf sich wirken zu lassen, damit man durch ihn in das Innere des Buches gezogen wird.

Ulrike Titelbach gibt ihren Kurzgedichten in zwei Klangfarben den Titel „augen im hoiz“. Diese drei Wörter sind bereits in mehrfacher Hinsicht Programm. Die Gedichte sind nämlich zu einem Dreiklang aufgebaut: Titel, Haiku in leicht abgeschrägtem Dialekt, Haiku in verschriftlichter Gebrauchssprache. Alles ist in Kleinbuchstaben gesetzt, der Mundart-teil in der Mitte tritt in einem helleren Grauton auf, Titel und Schlusszeile erstrahlen in voller Druckkraft aus dem Layout.

Joachim Gunter Hammer, Kometenlieder

h.schoenauer - 21.01.2026

Joachim Gunter Hammer, KometenliederGroße Ereignisse schicken in der Mythologie oft Kometen als Vorboten, damit die Menschen nach oben schauen und wach werden für das Neue, das nun über sie herfällt.

Joachim Gunter Hammer nennt seine poetischen Botschaften „Kometenlieder“, im Untertitel bezeichnet er sie als „schweifende Gedichte“, was auf das Erscheinungsbild von Kometen hinweist, aber auch auf die Wirkung von Lyrik, wenn ein einziger Vers ein ganzes Firmament mit Leuchtkraft in Szene zu setzen vermag. Etwas über sechzig Kometenlieder sind letztlich über das Buch verstreut, wobei es kleine Milchstraßen von Minimalgedichten gibt und satte Leuchtteppiche über dutzende Seiten als 17- und 19-Silbler.

Regina Hilber, Mein Amerika? America Me!

h.schoenauer - 12.12.2025

Regina Hilber, Mein Amerika? America Me!Zumindest in der Literatur, sagt man, kann es Austria mit Amerika aufnehmen. Und dann werden gleich wuchtige Beispiele von Kürnberger, Kafka, Roth und Handke genannt, worin von Europa aus ein kontinentales Weltbild von Amerika entwickelt worden ist.

Das sogenannte Amerikabild wird in der heimischen Literatur immer wieder hinterfragt, schließlich sind die Einflüsse über Beat, Musik, Shortstory und Filmepik immer noch virulent, mittlerweile ergänzt durch die Eruptionen von Sozialmedia, KI und Fake-Kultur.

Patricia Brooks, Lunapark

h.schoenauer - 08.12.2025

Patricia Brooks, LunaparkIm Idealfall beschreibt ein einziges Wort einen Kosmos voller Gefühle, Erinnerungen und Träume. In der Lyrik sind diese Zauberbegriffe oft in rätselhaften Gedichten versteckt, manchmal werden sie auf das Cover gespült und schalten dabei das Licht an für eine wundersame Imagination – Lunapark.

Patricia Brooks setzt mit Lunapark eine faszinierende Welt in Szene, in der es drunter und drüber geht mit Glücksversprechungen, Spielen und hellen Farben aus der Kindheit. Etwas Paradiesisches schwingt über den Gerätschaften, die als Ansichtskarten verpixelt auf einem eigenen Karussell tanzen in der Hoffnung, zu einem Selfie mit glücklichem Ausgang zu werden.

Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abends

h.schoenauer - 28.11.2025

Rudolf Kraus, wenn ich am morgen schon abendsLyrik ist immer auch eine Zeitmaschine, in den Gedichten geschieht geradezu selbstverständlich, dass etwas in die Zukunft gehoben wird, das noch gar nicht die Gegenwart erreicht hat. Rudolf Kraus überschreibt seine Gedichte mit dem schönen Zeitschieber-Satz: „wenn ich am morgen schon abends“. Das lyrische Ich scheint die Gedanken nachhaltig zu fassen, zumindest für einen ganzen Tag sollten sie Gültigkeit haben.

Mit dieser Tagesklammer zwischen „am Morgen und abends“ ist auch die Thematik abgesteckt, das lyrische Ich wirft den Tag an und lässt den Gedanken freien Lauf. In dieser lyrischen Zentrifugalkraft schleudert sich das Poetische erst in den Abend hinein, wodurch das Gedicht zu einem harmonisierenden Abschluss kommt.

Udo Kawasser, tarquinia – gespräche mit schatten

h.schoenauer - 21.11.2025

Udo Kawasser, tarquinia – gespräche mit schattenLyrik sucht zwischendurch sogenannte lost places auf, worin sie mit den Augen einer überreizten Gegenwart in den Bildern abgeschlossenen Verfalls wühlt. Udo Kawasser siedelt sein Poem rund um die etruskische Stadt Tarquinia an, die neben den Gebilden der Gegenwart vor allem aus Ausgrabungen, Mythos, historischen Befunden und Artefakten des Totenkultes besteht. Wo immer eine lyrische Messstation im Gelände aufgestellt wird, versammelt sich sofort poetische Materie drum herum.

Das Projekt ist mit dem Untertitel versehen: „Gespräche mit Schatten“. Sobald die Sendequelle ihren fragenden Schall in die Vergangenheit richtet, reagieren diverse Echos, Zeitbrüche, Rotverschiebungen und mineralische Verwerfungen auf die anfragende Stelle.

Andreas Pargger, Wie wir leben wollen

h.schoenauer - 14.11.2025

Andreas Pargger, Wie wir leben wollenDer sogenannte Lebensstil lässt sich oft kunstvoll zu einem Stillleben zusammenfassen, das sich als Bild oder Gedicht präsentiert. Andreas Pargger unternimmt im Lyrikband „Wie wir leben wollen“ gut fünfzig Anläufe, um sogenannte Lebensentwürfe auszuprobieren. Dabei poppen die Gedichte als Momentaufnahmen auf, in denen sich ein dramatischer Prozess ablesen lässt wie bei einem Poster, das einen besonderen Gestus einer Rolle in den Vordergrund stellt.

An einen Dreiakter erinnert auch die schlichte Gliederung in Abschnitt I (7), II (31) und III (87). Für die optische Wahrnehmung sind die Gedichte zugleich weit und konzentriert aufbereitet. Generell stehen die Gedichte auf der ungeraden „Aufmerksamkeit heischenden“ Seite rechts, währen die linke Seite fast durchgehend leer bleibt. Es herrscht also Rechtsverkehr, während links die Signale stehen in Gestalt einer binären Seitennummerierung, die leere Seite wird genauso gezählt wie die volle.