Lyrik

Toni Kleinlercher, Die Obdachlosen lesen Nietzsche

h.schoenauer - 20.02.2013

Wo immer man im öffentlichen Raum mit diesem Buch unterwegs ist, man wird als Leser gnadenlos angestarrt nach dem Motto, was haben die Obdachlosen mit Nietzsche zu tun.

Das Vermischen von scheinbar fixen Kultur-Vorgaben ist das Hauptanliegen von Toni Kleinlerchers „Takes aus japanischen Tagen“, die er als Vermächtnis seiner Japan-Jahre zusammengestellt hat.

Gerard Kanduth, vice versa. – Gedichte / pesmi / poesie.

h.schoenauer - 08.02.2013

Das Umdrehen der Gegebenheiten, das Vertauschen von Standpunkten und das Austauschen von Rollen sind wichtige Maßnahmen in der Literatur, um das sogenannte Selbstverständliche jeweils aus den Angeln zu heben.

Gerard Kanduth zerlegt in seinen Gedichten das scheinbar für die Ewigkeit Festgeschriebene, indem er Gedankengänge unerwartet im rechten Winkel abbiegen lässt und die erwartete Coda eines Ideenbündels als aufgedröselte Einzelteile darbietet.

Bosko Tomasevic – Podium Porträt

h.schoenauer - 19.12.2012

Die Literaturzeitschrift Podium stellt in verlässlicher Folge Poeten und Poetinnen vor, die nicht in den Bestsellerlisten des literarischen Alltagsgeschehens aufscheinen.

In der jüngsten Serie wird Bosko Tomasevic vorgestellt, der erste Stadtschreiber Innsbrucks. Sein umfangreiches Werk ist nur in Ansätzen ins Deutsche übersetzt, das Hauptwerk schlummert in der serbischen Sprache, wie wir Sprachunkundigen zu sagen pflegen.

Marko Dinic, namen : pfade

h.schoenauer - 07.10.2012

Das weite Feld der Lyrik wird oft mit einem Meer verglichen, auf dem die Wellen jeweils gleichmäßig und dennoch individuell auf und ab tanzen. Gute Seeleute erkennen einzelne Wellen oft nach Jahren wieder, weil sie ihnen einst einen persönlichen Namen gegeben haben.

Ähnlich verhält es sich mit den Gedichten, als Leser erkennt man sie oft nach langer Zeit wieder, auch wenn sie sich in der großen Menge versteckt gehalten haben.

Ruth Weiss, A parallel planet of people and places

h.schoenauer - 22.09.2012

Beat-Lyrik kümmert sich nicht nur um die Geschlagenen und Verdroschenen, sie schaut auch im Schriftbild oft zerknittert, mehrphasig und unvollkommen aus.

Im anspruchsvollen Würdigungsband für Ruth Weiss werden daher die Texte im Faksimile dargeboten, ehe es eine Übersetzung von Jürgen Schneider gibt.

Gerard Malanga, Die Arkaden-Projektion, unvollendet

h.schoenauer - 18.09.2012

Im Idealfall ist Lyrik eine Projektion ohne Leinwand und Beamer, das Bild zerfällt, während es entsteht in unendliche Lichtteile.

Gerard Malanga, in der Hauptsache Fotograf und Filmemacher, stellt die Projektion in den Titel seiner Gedichte-Auswahl. Mit den Begriffen unvollendet und Arkaden ist auch gleich das Konzept dieser Lyrik festgeschrieben. Alle Zeilen, Abbrüche, Einschübe und Leerstellen entsprechen dem Aufbau eines Bildes, das von einem unruhigen Auge abgetastet wird. Die Gedichte sind ausgebaut als Bauwerke der Erinnerung, ständig neu abgelichtet und nie fertig.

Elias Schneitter, What‘s nude?

h.schoenauer - 02.09.2012

Wenn Menschen der Gegenwart aktuelle Nachrichten empfangen, wischen sie gerne mit den Zwicke-Gliedmaßen Daumen und Finger über die glatte Fläche des Smartphones, um dann eine Portion Glück unter der Glätte des Displays zu empfangen.

Ähnliches Glück verspricht die sogenannte Handpresse. Darin werden in exquisiter Technik sorgsam ausgewählte Texte für ein erlauchtes Publikum aufbereitet.

Maketa Groves, Rot und heiß auf einer silbernen Note

h.schoenauer - 19.08.2012

In North Beach San Francisco lebt seit Jahrzehnten eine literarische Künstlerschar, die sich vor allem den Life-Auftritten, dem Poetry Slam oder dem Langgedicht Marke Beatniks verschrieben hat.

Äußeres Zentrum ist die Buchhandlung Ferlinghetti, innerer Versammlungspunkt ein Künstlerhaus, in dem die Literatinnen zusammen wohnen und fallweise die Bewältigung des Alltags diskutieren.

Roberta Dapunt, Nauz

h.schoenauer - 16.08.2012

Manchmal schwirrt ein seltsamer Begriff wie eine Zauberformel aus einem versteckten Reich durch die Literatur und lässt dem Leser keine Ruh, bis nicht die Lösung gefunden ist.

Roberta Dapunt überschreibt ihren Gedicht-Band mit Bildern mit der Zauberformel „Nauz“. Und was wie ein Märchenwort aus einer verspielten Kindheit klingt, ist nichts anderes als das ladinische Wort für Futtertrog.

Brita Steinwendtner, Mittagsvorsatz. Noon Resolution

h.schoenauer - 03.07.2012

Manchmal muss das Erinnern zu einer unerhörten Begegnung kommen, damit es sich gegen das allgemeine Vergessen durchsetzt.

Am 6. Mai 1945 sind freigelassene politische Häftlinge des Gefängnisses Stein an der Donau auf dem Weg nach Wien, als sie bei Hadersdorf am Kamp vom Ortsgruppenleiter der NSDAP als „Flüchtlinge“ gestellt, neuerlich verhaftet, der SS übergeben und am nächsten Tag ermordet werden.