Roman

Lydia Mischkulnig, Vom Gebrauch der Wünsche

h.schoenauer - 17.11.2014

Biographien entwickeln sich selten geradlinig, meist kreisen sie um ein paar Ur-Ereignisse und wer Glück hat erfährt auch noch zu Lebzeiten, worum er kreist.

Lydia Mischkulnig stellt in ihrem Roman „Vom Gebrauch der Wünsche“ ein Männerherz vor, das vor allem von Frauen betreut wird, nachdem es von einem Lebenskünstler enttäuscht worden ist.

Friedrich Hahn, Wie es im Buche steht

h.schoenauer - 10.11.2014

Ein Buch geht üblicherweise nach hinten oder nach vorne los. Nach hinten schauen die Romane wie Tagebücher und erzählen dabei von bereits geschehenen Ereignissen, nach vorne blicken die prognostischen Romane und liefern eine Art Drehbuch, wie die Zukunft ablaufen könnte.

Friedrich Hahn vereint in seinem Roman „Wie es im Buche steht“ beide Erzählrichtungen, zum einen kriegen die Helden ein Schicksal, als ob sie alles realiter erlebt hätten, zum anderen aber steht alles, was noch passieren wird, in einem Buch, das quasi mit Leben abgearbeitet werden muss.

Andrea Drumbl, Narziss und Narzisse

h.schoenauer - 07.11.2014

Das Kind schaut so lange in den Blumentopf, bis darin Narziss und Narzisse lebendig werden. Was als reine Verzierung des Balkonsimses gedacht ist, entwickelt sich zu einer Tragödie von selbstverliebten bodenständigen Figuren, die ihr Leben lang in sich angewurzelt bleiben.

Andrea Drumbl lässt ihren Roman in einem vegetativen Bogen zwischen Sommer und nächstem Frühjahr ablaufen. Von vorne herein ist klar, dass es gewisse Jahreszeiten gibt, denen man nicht entkommt. Das Schicksal der Menschen läuft ab wie die Zwiebelkomposition von Narzissen, nur dass sich mythologisch zwischendrin Selbstreflexionen bis hin zur Selbstbespiegelung draufsetzen lassen.

Stanislav Struhar, Das Gewicht des Lichts

h.schoenauer - 03.11.2014

Vielleicht erleben wir immer neue Abschnitte bloß deshalb, um die alten zu vergessen.

Stanislav Struhar macht sich mit dem Roman „Das Gewicht des Lichts“ an eine ungewöhnliche Aufgabe heran. Durch die pure Kraft des sommerlichen Lichts versucht ein etwas lebenswackelig gewordener Held wieder Gelassenheit zu finden im Zentrum der eigenen Protuberanzen.

Jürg Schubiger, Nicht schwindelfrei

h.schoenauer - 30.10.2014

Wir haben jede Menge Lehrbücher für Kinder und Jugendliche darüber, wie man Wissen und Erkenntnis erlangt und eine Persönlichkeit aufbaut, wir haben aber kaum Lehrbücher, die zeigen, wie man das Wissen wieder zur Ruhe bettet und seine Persönlichkeit auflöst.

Jürg Schubiger zeigt mit seiner poetischen Figur eines etwas derangierten älteren Herrn, wie sich vielleicht das Umfeld verändert, wenn eine Persönlichkeit sich in Gedächtnis-Fransen verliert.

Michael Poore, Der raffinierte Mr. Scratch

h.schoenauer - 16.10.2014

Am ehesten kriegt man das Unvorstellbare in den Griff, wenn man es zur Hauptfigur macht, die die Episoden authentisch vorantreibt. So lässt sich die Geschichte manchmal nur von der schwarzen Seite aus beschreiben, wenn die offizielle zu grell überblendet ist.

Michael Poore schickt seinen Satan in Gestalt des Mr. Scratch durch die amerikanische Weltgeschichte, denn die Welt ist amerikanisch, zumindest die teuflische. Mr. Scratch ist fieser Fernsehmoderator und wird ununterbrochen niedergeschossen, was ihm aber nichts  ausmacht, weil er ja der Teufel ist.

Siegfried Nitz, Fieber 68

h.schoenauer - 12.10.2014

Die heutigen Kids sind vom Revolutionsjahr 1968 etwa so weit entfernt, wie es die die damaligen 68er Revolutionäre vom Spartakusaufstand 1919 in Berlin waren. So eine Zeitachse muss man sich durch den Kopf legen, wenn man einen Roman über das Jahr 1968 halbwegs einordnen will.

Siegfried Nitz mildert das Fieber 68 in zweifacher Hinsicht, erstens sind die Protagonisten des Romans noch während ihrer hitzigen Zeit gealtert und zweitens ist die 68er Bewegung nur als verklemmtes Hüsteln nach Südtirol gekommen.

Tim Krohn, Aus dem Leben einer Matratze bester Machart

h.schoenauer - 05.10.2014

Wenn man bedenkt, dass ein wesentlicher Teil der Geschäftsabschlüsse und Staatsverträge auf den Matratzen entschieden wird, ist es nur allzu logisch, diesem Utensil unter den Lenden eine gewisse staatstragende Kraft zuzusprechen.

Tim Krohn erzählt die Geschichte Europas auf den zwei Quadratmetern einer Matratze, die sich durch die Zeitgeschichte bewegt. In sieben Episoden zwischen 1935 und 1992 wird die europäische Geschichte aufgerollt.

Chris Adrian, Ein besserer Engel

h.schoenauer - 30.09.2014

Zum Unterschied vom Roman lassen sich bei Erzählungen oft besonders markant die typischen Erzähl-Fräsungen eines Autors feststellen, weil ja jede Erzählung wieder von null beginnt und jedes Mal der ganze Handwerkskoffer ausgepackt werden muss.

Chris Adrian stellt neun solcher Erzähleinsätze vor, die meist mit einem Vorspann eines Kindes beginnen. Also jemand ist gerade sechs oder neun, dann wird das Markante dieser Figur erzählt, ehe Jahre später dann die Kern-Erzählung einsetzt.

Erika Wimmer, Nellys Version der Geschichte

h.schoenauer - 21.09.2014

Es gibt keine absoluten Wahrheiten, alles, was wir für wahr halten sind letztlich mehr oder weniger geschickte Arrangements.

Erika Wimmer stellt in ihrem Roman über die „Ansicht eines Dichterinnenlebens“ bewusst Mehrdeutiges, Vages und Relatives in den Mittelpunkt des Erzählens. So genau und bohrend auch recherchiert wird, das Ergebnis ist immer nur eine gewisse Version einer Geschichte zu einer bestimmten Zeit.