Wirtschaft | Soziales

Ulf Poschardt, Shitbürgertum

Andreas Markt-Huter - 25.07.2025

Ulf Poschardt, Shitbürgertum„Warum dieses Buch mit diesem Titel? Das kann man polemisch verstehen. Oder aber als eine notwendige Diskursverschiebung, um mit unverstellter Respektlosigkeit zu signalisieren, dass ein Teil des Bürgertums den Respekt, der ihm entgegengebracht wird, zur Unterminierung freiheitlicher Grundlagen des Westens genutzt hat.“ (S. 7)

Poschardts polemische Bezeichnung „Shitbürger“ verbindet die Assoziationen der Begriffe „Schildbürger“ und „Spießbürger“ und bezeichnet Teile des Bürgertums, denen es gelungen sei, die Diskursmacht in den westlichen Gesellschaften der Gegenwart zu erringen. Ziel des Buches ist es, diese Vorherrschaft zu zerschlagen.

Waltraud Mittich, Hierorts.Bleiben

h.schoenauer - 16.07.2025

Waltraud Mittich, Hierorts.BleibenSelbst der rastlose Überflug durch Zeit und Raum hat im Augenblick seiner Gegenwart fixe Koordinaten, die eine „Heimat“ beschreiben. Geprägt ist dieser Augenblick durch dieses magisch zusammengeschmolzene Schlüsselwort „Hierorts.Bleiben.“

Waltraud Mittich benützt „Hierorts.Bleiben“ als Daumenabdruck auf einer Landkarte der Erinnerung. Als Erzählerin fungiert ein im Jetzt schreibendes Kind, das vielleicht in den 1950er Jahren in einer Wiese bei Toblach liegt und die Familiengeschichte als bunte Schmetterlinge über den Handrücken flattern lässt.

Bernd Marin, LebensZeiten

h.schoenauer - 04.07.2025

Bernd Marin, LebensZeitenEin „fettes“ Buch über die Lebenszeiten verlangt gerade von Lesern im Dritten Lebensalter, schroff Rente genannt, vor allem Optimismus, dass sie das Buch noch in dieser Welt fertigkriegen. Andererseits gibt es über die Angehörigen dieser Kohorte einfach viel zu berichten, weil auch im einem schmalen Leben mit der Zeit viel passiert.

Bernd Marin gilt als Österreichs Parade-Soziologe für das Thema Pension. Ihm sind nicht nur die aktuellen Ruheständischen zu Dank verpflichtet, weil er dieses Thema als zentrales Lagerfeuer politischen Agierens angezündet hat, ihm werden auch noch kommende Generationen dankbar sein, wenn sie beim Auslöffeln des finanziellen Desasters wenigstens ein Lesebuch zur Verfügung haben, worin die Kerndiskussionen für eine alternde Gesellschaft abgebildet sind.

Peter Hofinger, Heute werden sie mich holen!

h.schoenauer - 23.06.2025

Peter Hofinger, Heute werden sie mich holen!Die Befürchtung, geholt zu werden, überfällt in Romanen oft jene Helden, die am Ende sind. Bei Norbert Gstrein etwa wird im „Einer“ der sprachgestörte Jakob abgeholt, als er mit dem Dorfleben nicht zurecht kommt, in Texten nach der Machtübernahme der Nazis müssen Andersdenkende oft befürchten, geholt zu werden.

Bei Peter Hofinger sitzt der Ich-Erzähler vor einem Glas, das er über eine Wespe gestülpt hat, und beobachtet deren Ausweglosigkeit. Er blickt dabei, vom Leben ernüchtert, seinen Körper hinunter und wartet, dass er geholt wird. Am Schluss wird dieser offene Erzählrahmen abgeschlossen durch eine Sequenz, worin der Erzähler in einer Einrichtung sitzt, die Seniorenheim und Klinik in einem ist. Er jedenfalls empfindet es als Segelboot, das aufgerüstet ist, um mit ihm die letzte Reise anzutreten.

Michael Sommer, Schwarze Tage - Roms Kriege gegen Karthago

Andreas Markt-Huter - 18.06.2025

Michael Sommer, Schwarze Tage - Roms Kriege gegen Karthago„Das gute Jahrhundert zwischen 264 und 146 v. Chr. ist nicht nur die Epoche, in der Rom den Grundstein für sein Imperium legte, sondern eine Zeit enormer Umbrüche für die gesamte antike Mittelmeerwelt. Während Rom immer mächtiger wurde, versanken große Reiche in Trümmern, vor allem, aber längst nicht nur, Karthago. Die Frage, die schon der Zeitgenosse Polybios stellte und deren Beantwortung er zu unserem Glück ein kolossales Geschichtswerk gewidmet hat, beschäftigt uns bis heute: Warum Rom? Was war der Grund dafür, dass die Tiberrepublik ihre Konkurrenten um die Hegemonie einen nach dem anderen vom Spielfeld nahm?“ (S. 9)

Die punischen Kriege zählen zu den markantesten Ereignissen in der Geschichte der römischen Republik und Hannibals Alpenüberquerung mit seinen zigtausenden Fußsoldaten, Reitern und Kriegselefanten gehören heute noch zum Allgemeinwissen über die antike Welt. Michael Sommer geht der spannenden Frage nach, wie es zum Krieg zwischen Rom und Karthago gekommen ist, der den Niedergang Karthagos besiegelt und den unaufhaltsamen Aufstieg Roms zur Weltmacht eingeleitet hat.

Markus Köhle, Land der Zäune

h.schoenauer - 16.06.2025

Markus Köhle, Land der ZäuneHans schlägt einen Pfosten ins Erdreich und setzt einen kulturellen Claim in die Landschaft. Er ist jetzt eingemieteter Häuslbauer im Speckgürtel und hat sich erfolgreich einen Flecken Sprache, Gesinnung und Lebenssinn durch Umzäunung gesichert.

Markus Köhle schickt seinen Helden Hans in ein bodenständiges Abenteuer im Siedlungshotspot Unterbrombachkirchen irgendwo bei Wien. Als Bewohner einer eingezäunten Einfamilienburg durchlebt der selbst eingesperrte Zaunkönig einen intimen Zugang zur österreichischen Kultur, Politik und Denkweise. Alles ist geprägt von einem reinrassigen Flair an Mittelmäßigkeit.

Karl-Joachim Hölkeskamp, Theater der Macht

andreas.markt-huter - 10.06.2025

karl-joachim hölkeskamp, theater der macht„Die ganze Welt ist eine Bühne – das ist nicht nur eine vielzitierte, ebenso universell wie beliebig verwendbare Sentenz aus William Shakespeares Wie es euch gefällt, sondern muss heute auf ganz neue Weise durchaus ernst genommen werden. Längst geht es um mehr und anderes als einen wohlfeilen programmatischen Anspruch irgendwelcher Propheten des sogenannten ‹performative turn› in den Kulturwissenschaften.“ (S. 15)

Karl-Joachim Hölkeskamp bietet in seiner umfangreichen Monographie einen tiefen Einblick in die politischen und sozialen Strukturen der Römischen Republik. Dabei stehen die symbolischen und rituellen Gesichtspunkte der politischen Kultur in Rom ganz speziell im Mittelpunkt. Gezeigt wird, wie durch öffentliche Inszenierungen und Rituale die Machtverhältnisse gefestigt und aufrechterhalten worden sind.

Valerie Fritsch, Zitronen

h.schoenauer - 27.05.2025

Valerie Fritsch, ZitronenDas Dorf war so klein, dass man den Kindern auftrug, auf der Straße alle Männer zu grüßen, weil man nie wissen konnte, wer der Vater war.

Valerie Fritsch rollt mit einem einzigen Satz die Soziokultur eines Dorfes auf, halb ist der Kommentar im Stil grotesk, halb fotografisch nüchtern wie eine Dokumentation. Diese zwiefältige Beschreibungsmethode ist auch notwendig, denn es geht um ein weitverbreitetes Phänomen: das Münchhausen-Syndrom. Dieses umfasst landläufig die Lust zur Übertreibung, im psychologischen Sinn werden beim Münchhausen Stellvertreter-Syndrom Symptome einer körperlichen oder psychischen Erkrankung bei einer anderen Person vorgetäuscht oder verursacht.

Jörg Zemmler, leihworte

h.schoenauer - 26.05.2025

Jörg Zemmler, leihworteDie fundamentalste Art, die Literaturbühne zu betreten, besteht im Auftauchen als Manifest. Vor knapp einem Vierteljahrhundert ist Jörg Zemmler mit einem Manifest an die Öffentlichkeit getreten, das auf den Leihcharakter der Literatur hinweist. „Leihworte“ zeigen unter anderem, was wir uns von unseren Vorgängern abschauen und ausleihen können. Ein verlässlicher Zugang ist dabei oft die Paradoxie. „Multimedialität entsteht aus electronic meets lyric, Prosa meets Bild und Sprache meets Text. Fragen Sie Schwitters K. und Cage J., weshalb.“ (Jörg Zemmler)

Die Neuauflage dieser Leihworte ist aktuell und zeitlos, weshalb auch Teile Originalrezension aus 2004 geeignet sind, dieses Werk abermals zu beschreiben und zu würdigen.

Paolo Rumiz, Eine Stimme aus der Tiefe

h.schoenauer - 19.05.2025

Paolo Rumiz, Eine Stimme aus der TiefeItalien besteht aus mindestens zwei Ebenen. Einmal aus einer Erdoberfläche, die an manchen Tagen wegen des Overtourismus als solche nicht mehr zu erkennen ist. Und zweitens aus einem unterirdischen Kosmos aus Geräuschen, Magma, Vibration und Explosion.

Paolo Rumiz ist vielleicht einer der letzten Grenzreisenden unserer Zeit, das heißt, er reist nicht nur an eine Grenze der Wahrnehmung, sondern überschreitet sie auch.