Sarwat Chadda, Storm Singer
„Mein Drachen war etwas Besonderes. Wendiger als ein Falke, stärker als ein Adler und schillernder als ein Eisvogel. Er beherrschte den Himmel. Er war mehr als nur ein Drachen: Er war ein Himmelskrieger. Ein Patang. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, und über der Wüste flirrte die Hitze. Ich saß so bequem wie irgend möglich im Schatten der raschelnden Blätter unseres großen alten Feigenbaums neben dem aus Steinen aufgetürmten Schrein meiner Eltern.“ (S. 13)
Vor sechs Jahren hat sich die zwölfjährige Nargis so schwer am Bein verletzt, dass sie für immer Krücken brauchen wird. Nach dem Tod ihrer Eltern lebt sie bei ihrem Großvater auf einer kleinen Farm in einer alten Hütte aus Lehmziegeln. Nargis ist sich sicher, dass ihre Eltern von den Garudas, dem herrschenden Volk mit Flügel und Fußkrallen, ermordet worden ist. Nargis ist eine Storm-Singerin und besitzt die Fähigkeit durch ihr Geistersingen die Elemente zu beeinflussen. Nur kann sie die konkreten Auswirkungen nicht immer kontrollieren, weil sich die Geister nichts befehlen lassen.
„Mein Blick fällt auf einen schmalen Jungen in Hosenträgern, der unten am Geländer lehnt. Die Hände tief in die Taschen seiner Kniebundhose geschoben, schaut er mich direkt an. Als sich unsere Blicke treffen, legt er den Kopf kaum merklich schief. Eine blonde Strähne rutscht unter seiner Schiebermütze hervor und fällt in sein Gesicht. Und dann lächelt er.“ (S. 12)
„Josh wohnte im Bahnhof, wie die anderen Zeitungsjungen. Sie nannten sich die Waterloo Boys, nach dem großen Gebäude, das erst vor wenigen Jahren eröffnet wurde. Der Bahnhof war ihre Heimat. Hier verkauften sie den Reisenden Zeitungen für zwei Pence und hatten niemanden, außer sich selbst. Die meisten schliefen, wo immer sie gerade Platz fanden. Die Mutigen legten sich auf den breiten Eisenträgern der weiten Dachkonstruktion zur Ruhe. Bis sie vom schrillen Pfeifen des ersten Zuges geweckt wurden und sie in der Druckerei flussaufwärts die neuesten Ausgaben der »London Times« abholten.“ (S. 7)
„In der Kälte dampft der kleine, nackte Körper wie ein frisch gebackener Laib Brot. Rasch schlägt Mika das Tuch wieder um den Säugling. »Wie heißt du?«, bringt sie schließlich hervor. Der Junge erschaudert und sieht die Straße hinunter. Als er Mikas Blick erwidert, verzieht er den Mund zu einem ängstlichen Lächeln. »Der Dunkle Engel weiß, dass ich sie genommen habe.« Ehe Mika etwas erwidern kann, dreht sich der Junge um und eilt davon.“ (S. 8)
„Meine Eltern treiben Geschäfte mit dem Tod. Genauer gesagt besitzen sie ein bescheidenes Bestattungsunternehmen in Alderley, dort, wo wir wohnen. Mit der Kutsche liegt es eine halbe Tagesreise von Bristol entfernt. Pa ist Möbeltischler von Beruf und hat begonnen schlichte Särge zu fertigen. Mama kümmert sich um die Aufbahrung der Leichen. »Die Toten können keinem mehr schaden«, bemerkt sie gern.“ (S. 11)
„Durch die Eisblume am Fenster fiel schwach das Mondlicht auf Eliot, der warm eingemummelt unter seinem Federbett lag und tief schlief. Hilarius Winterbird strich ihm vorsichtig eine widerspenstige Haarsträhne aus dem schmalen Gesicht. Noch deutete nichts darauf hin, dass dieser Tag ihr Leben für immer verändern würde – seines und das von Eliot Holtby.“ (S. 11)
„Bei dem Spiel mit den zwei Wahrheiten und einer Lüge muss man ganz schön raffiniert sein. Der Trick ist, bizarre, unglaubwürdige Wahrheiten zu sammeln. Hier, ich nenne dir ein Beispiel. Eins: Ich werde an meinem nächsten Geburtstag zwölf, im September. Zwei: Mein zweiter Vorname ist Henry, obwohl ich ein Mädchen bin. Drei: Meine beste Freundin ist siebenundsiebzig Jahre älter als ich. Nummer eins ist die Lüge.“ (S. 7)
„Wir Menschen sehen uns oft als einzigartig an, doch unsere Knochen sind alles andere als einzigartig. Schaut man sich die Skelette von Tieren an, dann sieht man, dass die Knochen zahlreicher Arten unseren sehr ähnlich sind, wenn auch mal dünner oder dicker, kürzer oder länger. Das ist das Faszinierende an Tierskeletten: Es sind immer die gleichen Knochen, auch wenn sie immer ein bisschen anders aussehen.“ (S. 10)
„In den drei Jahren, die seither vergangen sind, hat sich in der bescheidenen Familie vieles verändert. Der Krieg ist vorüber und Mr. March wieder wohlbehalten zu Hause, wo er sich mit seinen Büchern beschäftigt und mit der kleinen Pfarrgemeinde, die in ihm einen geborenen Pastor gefunden hat: einen ruhigen, wissbegierigen Mann voller Weisheit, die weit über erlerntes hinausgeht …“ (S. 7)
„»Weihnachten ohne Geschenke ist einfach kein Weihnachten«, maulte Jo, die auf dem Teppich lag. »Arm zu sein, ist schrecklich!«, jammerte Meg, die seufzend ihr altes Kleid betrachtete. »Ich finde es ungerecht, dass manche Mädchen jede Menge hübsche Sachen haben und andere gar keine«, fügte die kleine Amy mit einem gekränkten Schniefen hinzu. »Immerhin haben wir Mutter und Vater und uns«, sagte Beth zufrieden in ihrer Ecke.“ (S. 7)