„Josh wohnte im Bahnhof, wie die anderen Zeitungsjungen. Sie nannten sich die Waterloo Boys, nach dem großen Gebäude, das erst vor wenigen Jahren eröffnet wurde. Der Bahnhof war ihre Heimat. Hier verkauften sie den Reisenden Zeitungen für zwei Pence und hatten niemanden, außer sich selbst. Die meisten schliefen, wo immer sie gerade Platz fanden. Die Mutigen legten sich auf den breiten Eisenträgern der weiten Dachkonstruktion zur Ruhe. Bis sie vom schrillen Pfeifen des ersten Zuges geweckt wurden und sie in der Druckerei flussaufwärts die neuesten Ausgaben der »London Times« abholten.“ (S. 7)
Die Geschichte beginnt im März 1851, wo in London Königin Victoria gerade die Weltausstellung im Crystal Palace eröffnet und der Zeitungsjunge Joshua Jackelby, die aktuellen Nachrichten über dieses Ereignis verbreitet. Wie die anderen Zeitungsjungen gehört er zu den sogenannten Waterloo Boys, deren Arbeitsplatz und Heimat der Bahnhof der Waterloo Station ist. Bald wird er in gewisser Weise selbst in die Ereignisse rund um die Weltausstellung gezogen werden wird.
Der Waisenjunge Joshua Jackelby hofft, mit dem Verkauf von Zeitungen genug Geld für ein eigenes Pferd sparen zu können. Er liebt Pferde und träumt davon, einmal als berittener Bote der Königin zu arbeiten. Mit seinen Freunden schläft Joshua in einer kleinen Nische beim Kohlelanger. Eines Tages beobachtet er beim nachhause gehen, wie ein Mann einen Sack in die Themse wirft, aus dem ein Heulen zu hören ist. Unter Einsatz seines Lebens gelingt es Joshua den Sack aus dem Fluss zu ziehen. Er findet einen Hundewelpen vor, den er Hazel nennt und die seine treue Begleiterin wird.
Zu Joshuas besten Freunden gehören auch Leroy, der sich durch kleine Diebstähle geschickt durch das Leben auf den Straßen Londons schlägt und Charlotte, die meist nur Charly genannt wird. Mit ihrem Karren fährt sie Holzkohle für die Familien in den feinen Gegenden aus. Als sie, begleitet von Joshua, Leroy und Hazel eine letzte Kohleladung nach Kesington bringen muss, können sie nur knapp einem Überfall der Kings, einer von Luke dem „Duke“ angeführten Jugendbande, entkommen. Auf ihrem Heimweg, entdecken die drei zwischen dem Müll den schwer verletzten, blutenden Erfinder Professor Belows.
Joshua holt Dr. John Snow zu Hilfe, für den er immer wieder kleine Dienste ausführt. In dieser Zwischenzeit haben Leroy und Charly den Professor in sein Haus und zu dessen Tochter Penelope gebracht. Außer Lebensgefahr berichtet der Professor, dass er überfallen wurde und seine Pläne für ein Luftschiff gestohlen worden seien. Dieses habe er speziell für die Weltausstellung entwickelt und dafür sein gesamtes Vermögen verpfändet. Wenn die Diebe das von ihm erfunden Luftschiff vor ihm bauen sollte, wäre er ruiniert. Joshua und seine Freunde beschließen, dem Professor zu helfen und nach den Dieben Ausschau zu halten. Sie ahnen nicht, dass sie einer finsteren Bande von Kriminellen auf der Spur sind und selbst in Lebensgefahr geraten.
„Joshua Jackelby“ ist ein spannender Roman für Kinder und Jugendliche, der in der düsteren Atmosphäre der Londoner Armut und Unterwelt spielt, wo das Leben eines Waisenkindes nur wenig zählt. Dabei überzeugt die Geschichte durch ihre liebenswerten und starken Charaktere, die durch Mut und Freundschaft, den Bedrohungen einer feindlichen Umwelt entgegentreten.
Ein überaus lesenswertes Kinderbuch, das auch Jugendliche zu fesseln vermag und die Leserinnen und Leser von Beginn an immer tiefer in eine vergangene Welt zieht, in der Gesellschaft des viktorianischen Londons, mit seinem harten Leben für die Armen wieder zum Leben erwacht.
Benedict Mirow, Joshua Jackelby. Ill. v. Timo Kümmel, ab 10 Jahren
Stuttgart: Thienemann Verlag 2025, 400 Seiten, 17,95 €, ISBN 978-3-522-18860-9
Weiterführende Links:
Thienemann Verlag: Benedict Mirow, Joshua Jackelby
Wikipedia: Benedict Mirow
Wikipedia: Timo Kümmel
Andreas Markt-Huter, 19-12-2025