Manfred Theisen, Escape – Der Schlüssel sind wir
„Von einer Sekunde auf die andere war es dunkel. Die sechs Probanden hörten, wie sich der Schlüssel im Schloss hinter ihnen drehte. Dann war es totenstill. Marc versuchte die Tür wieder aufzudrücken. »Die hat uns echt eingesperrt. Kackdreist.« Wieder Stille. Sarah hörte Emma neben sich schwer atmen. Josh sagte: »Stunde Null. Das bezeichnet die Stunde nach dem Zweiten Weltkrieg. Sechzig Millionen Menschen waren gestorben, danach mussten sich die Deutschen die Zivilisation erst wieder aus der Dunkelheit zurückholen.«“ (S. 13)
Sechs Schüler wurden ausgewählt, um an einem politisch-soziologischen Experiment teilzunehmen. Das portable Escape-Game zum Thema Demokratie, das schon seit einem Jahr von Schule zu Schule tingelt, findet in einer riesigen weißen Kiste statt, die beinahe den gesamten Turnsaal ausfüllt. Nachdem die Kandidaten den Raum betreten haben, wird es dunkel und die Tür versperrt.
„»Weihnachten ohne Geschenke ist einfach kein Weihnachten«, maulte Jo, die auf dem Teppich lag. »Arm zu sein, ist schrecklich!«, jammerte Meg, die seufzend ihr altes Kleid betrachtete. »Ich finde es ungerecht, dass manche Mädchen jede Menge hübsche Sachen haben und andere gar keine«, fügte die kleine Amy mit einem gekränkten Schniefen hinzu. »Immerhin haben wir Mutter und Vater und uns«, sagte Beth zufrieden in ihrer Ecke.“ (S. 7)
„Max ist ein Gespenst, Er wohnt auf Burg Flackerstein. Tagsüber schläft er. Nachts ist er hellwach. Vor allem, wenn die Turmuhr zwölf Mal schlägt. Dann ist Geisterstunde! Im letzten Jahr hat Max viel gelernt: Wie man durch Wände fliegt. Wie man schaurig „Buhuu!“ ruft. Und wie man im Dunkeln leuchtet.“ (S. 8 f)
„Flo wäre beinahe mein elftes Leben gewesen. Es war an einem Sommerabend mitten im Schuljahr, auf einer Brücke. Ich habe sie nie gefragt, warum sie springen wollte. Ich hätte sie zum Büro der Zählstelle schleifen können, sie verpfeifen, meinen letzten Punkt einsammeln und, wie vorgesehen, vor der Volljährigkeit ein Tugendhafter werden können. Aber ich hab’s bleiben lassen. In einer ganz auf den Wert des menschlichen Lebens aufgebauten Gesellschaft ist man mit dem Vermerk «selbstmordgefährdet» in seiner Akte das Allerletzte.“ (S. 32)
„Lappland 1897 – Der Letze Pinselstrich ist gesetzt und die Farbe auf dem metallenen Schild beginnt zu trocknen. Schon sehr bald wird das dampfgetriebene Riesenrad zum ersten Mal seine Runden drehen. Die Menschen werden lachen, die Aussicht genießen und für einen Moment alles vergessen, was ihnen Sorgen macht.“ (S. 7)
„Jetzt will ich dir von Karlchen und der Sache mit dem Weihnachtsmann erzählen. Falls du Karlchen noch nicht kennst: Sie ist ein Mädchen und kein Junge, und eigentlich heißt sie Karla. Sie wohnt mit Mama, Papa, Opa und ihrem kleinen Bruder Johann auf einem Bauernhof in einem winzigen Tal. Und obwohl sie erst sechseinhalb Jahre alt ist, glaubt Karlchen schon seit letztem Weihnachten nicht mehr an den Weihnachtsmann.“ (S. 10)
„Finja sitzt auf einer Schaukel. Sie hat ihre Augen geschlossen, die Beine weit von sich gestreckt und spürt, wie die Luft über ihr Gesicht streicht. Streichelluft. »Höher, noch höher, bis meine Zehenspitzen die Decke berühren!«, ruft sie. »Sachte, sachte mein Kind«, mahnt ihr Vater, der König. Wie jeden Abend vor dem Schlafengehen ist er auch diesmal in ihre Zimmer gekommen für eine Gutenachtumarmung mit Kuss auf die Stirn.“ (S. 7)
„Ecki Eichhörnchen streckte die Nase aus seinem Kobel und blinzelte sechs Äste der alten, knorrigen Eiche hinauf. Dort saß Rudi Rotkehlchen auf dem Rand seines Nestes und trällerte in die Stille des Waldes hinein. »Guten Morgen Rudi«, rief Ecki dem Vogel zu, der ihm zuzwinkerte, aber sein Lied nicht unterbrach.“ (S. 7)
„Moment mal. Wieso lag er auf dem Gesicht voran auf einer Wiese? Gelbe, blaue und rote Blüten leuchteten im Sonnenlicht, Insekten summten, graue Felsen erhoben sich hier und da aus dem Gras. Wo war er? Was war geschehen? Eben war er doch noch ganz wo anders gewesen! Da war sich Finn ganz sicher, obgleich er sich nicht erinnern konnte, wo genau … ein Keller …?“ (S. 5)
„Ich heiße Milo Monster. Ich bin ein berühmter Detektiv. Manchmal muss ich besonders rätselhafte Fälle lösen. Einmal hatte ich gerade eine verschwundene Schnecke wiedergefunden. Zur Belohnung machte ich ein paar Tage Urlaub. Ich legte mich im Garten in meine Hängematte und sonnte meine Stacheln. Der springende Schreck saß auch in der Hängematte. Er gehörte meinem besten Freund Junus und war sehr verfressen.“ (S. 11)