Genoveva Dimova, Tage einer Hexe
„Eine mittelmäßige Hexe. Sie wäre beleidigt gewesen, hätte es nicht gestimmt. Sie konnte mit einem Fingerschnipsen ihren Kaffee aufwärmen und ihren Schatten bitten, den Mantel zu holen. An einem guten Tag brachte sie auch ein Feuerwerk zustande oder zwei. Wohnzimmertricks. Würde sie gewinnen, würde sie eine richtige Hexe werden wie die aus den alten Märchen.“ (S. 10)
Die junge Hexe Kosara, deren magische Kräfte eher schwach ausgebildet sind, lebt im dunklen grauen Teil einer geteilten Stadt, die von Monstern, Hexen und Ungeheuern bewohnt wird. Chernograd scheint in der Zeit stehen geblieben zu sein, während der durch eine Mauer getrennte Stadtteil Belograd sich farbenfroh und modern zeigt. Als um Neujahr die Monster durch die Gassen von Chernograd streifen muss Kosara die Flucht über die Mauer ergreifen.
„Mina drückt den Turboantrieb fest, wischt die Klebereste an ihrer Jeans ab und nickt. »Fertig!« Die Flugmaschine ist perfekt: Raketenform, Goldglitzerstreifen und Spezialfunktionen. Vorne der Gegenwindschirm, hinten die Nachtbeleuchtung und innen die Knöpfe und Hebel für die Steuertechnik.“ (S. 7)
„»Hallo Leute, willkommen zurück in der Baker Street in Crazy London! Hier wohnen Detektiv-Genie Sherlock Holmes und ich, John Watson. Und schon wieder passiert etwas Seltsames …« Matsch »Jemand hat alte Schuhe vor unsere Tür gestellt, Sherlock Holmes!« »Korrekt Watson.« »Wem die wohl gehören?« »Einer Gärtnerin aus dem Dorf Little Rain im Dark Moor. Sie ist Linkshänderin. Und sie kommt gleich wieder.« »Häh!?«“
„Zwei Kinder werden im selben Krankenhaus geboren. Zwei Stimmchen schreien laut, dann schweigen sie. Ihre Herzen stocken. Ihre Lungen bleiben leer. Menschen rennen, Maschinen piepen. Eltern schreien. Nach einer Ewigkeit strömt neue Luft in ihre Lungen. Zwei Herzchen schlagen. Vor Freude schluchzen die Eltern. Alles ist gut gegangen. Wäre da nicht … Wäre da nicht ein Riss im Universum, der nun von einer Welt zur anderen führt.“ (S. 7)
„Es war früher Nachmittag, als Herr Fuchs mit einem ganzen Mülleimer voller verstaubter Ideen aus dem Keller kletterte, die Haustür öffnete und alles in die Tonne kippte. Bevor er mit dem Schreiben eines neuen Buches begann, konnte es nicht schaden, ein bisschen aufzuräumen.“ (S. 8)
„Kennst du das riesige goldene Feld neben dem kleinen Wald, ganz in der Nähe deiner Straße? In genau diesem Feld wohnt, versteckt zwischen Halmen und Ähren, eine ganze Kolonie winziger, plüschiger Mäuse. Allen von ihnen sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Ihr goldbraunes Fell glänzt, ihrer Mäusebacken sind prall gefüllt, und sie trippeln elegant wie kleine Tänzerinnen durchs Feld. Ja, so sind sie wirklich alle – alle außer Atti und Georgia.“
„Schon mal was von Wellen mit Sturmfrisur gehört? Oder von Kröten, die auf Flöten tröten? Nein? Dann wird’s Zeit für diesen fröhlichen Gedichtband! Inspiriert vom fantasiereichen Reimkünstler James Krüss tummeln sich in jeder Menge Wortspielen, Quatschgedichten und Sprachspielereien allerlei tuschelnde Muscheln, Seesternschnuppen und bellende Rollmöpse.“
„Der Morgennebel hatte sich noch nicht gelichtet, als er das rote Segel sah. Anfangs war es nur ein vager Umriss im blassgrauen Dunst, ein dunkler Fleck, der nach ein paarmal Blinzeln eine blutrote Färbung annahm. Während Ruhlin das Segel noch neugierig betrachtete, bemerkte er, dass sich darauf ein Symbol befand. Das Segeltuch flatterte in der steifen Brise, die über den selten ruhigen Wassern des Styrnspeldter Meeres wehte, und nach einem weiteren Blinzeln erkannte er das Zeichen von Ulthnir, dem Ersten der Götter, mit gekreuztem Hammer und Schwert.“ (S. 11)
„Mit einem erstickten Schrei ließ die Bäuerin den eisernen Schlüssel fallen, griff nach ihrer Laterne und rannte davon. Immerzu die unheimliche, dunkle Schlucht entlang, zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Hinter ihr rückte der unwettergebeutelte Berg allmählich in die Ferne, während sich das wilde Geheul der schwarzen Bestie, das selbst die krachenden Donnerschläge übertönte, tief in ihr Mark grub.“ (S. 8)
„Bo Delafort war gerade zwölf geworden, als sie den Mond aus dem Schlamm der Themse zog. Sie hatte nicht nach ihm gesucht, und das war der entscheidende Punkt. Schätze findet man nicht, man wird von ihnen gefunden, wie die Flussleute gern sagten. Man braucht dafür nur ein offenes Herz.“ (S. 9)