Kira Gembri, Nelly Emberwing - Die verbotenen Wesen von Rustgate
„Wie jeden Morgen erwachte ich mit dem Gefühl, als hätte mich ein Fuhrwerk überrollt. Stöhnend reckte ich mich auf der verbeulten Strohmatratze, dann schwang ich die Füße aus dem Bett. Auf Zehenspitzen huschte ich zum Fenster der Dachkammer und blickte hinaus. Trotz meiner schmerzenden Glieder liebte ich die Morgendämmerung. Rustgate wirkte im ersten Sonnenlicht beinahe friedlich.“ (S. 7)
Die vierzehnjährige Nelly Emberwing hat ihre gesamte Kindheit in einem heruntergekommenen Waisenhaus verbracht und arbeitet seit drei Monaten im Haushalt der reichen Familie Cunningham, wo sie von der unfreundlichen Haushälterin Mrs Briggs mit Arbeiten im Haushalt eingedeckt wird und Lavinia, der verwöhnten Tochter des Hausherrn, rund um die Uhr zu Diensten sein muss.
„In der Nacht, in der die Uhren zurückgestellt wurden, stieg Isaac Turner zu Big Ben hinauf, um seinem Vater dabei zuzuschauen, wie er die Zeit anhielt. Es gab dreihundertvierunddreißig Stufen im Inneren des Elizabeth Tower und als Isaac über das Geländer schaute, schien sich die Wendeltreppe unter ihm wie ein Teleskop in die Tiefe zu ziehen. Sofort wurde ihm schwindlig.“ (S. 9)
„Greta saß abseits, auf einem Stuhl neben dem Fenster. Niemand hatte sie auch nur eines Blickes gewürdigt. Vermutlich hatten die beiden Besucher ihre Anwesenheit nicht einmal bemerkt. So wie immer. Doktor Grimaldi nahm einen Schluck Cognac. »Also, meine Herren, wo wollen wir anfangen?« Der Bürgermeister lockerte den Knoten seiner dicken Seidenkrawatte. »Ich würde mit dem Dringlichsten beginnen: der Tatsache, dass ein Leben in Gefahr ist.«“ (S. 15)
„Aristide griff nach dem Buch mit den goldenen Lettern auf dem Rücken. Es stand unauffällig in einer Reihe von ähnlich aussehenden Wälzern, die alle von russischen Schriftstellern geschrieben worden waren. So ganz nach seinem Geschmack waren die oft traurigen Geschichten nicht, aber Aristide konnte damit seine Kenntnisse der russischen Sprache verbessern. Bevor er das Buch ein kleines Stück weit herauszog, um damit die geheime Tür in der Bibliothek zu entriegeln, horchte er in die Dunkelheit.“ (S. 9)
„Mein Drachen war etwas Besonderes. Wendiger als ein Falke, stärker als ein Adler und schillernder als ein Eisvogel. Er beherrschte den Himmel. Er war mehr als nur ein Drachen: Er war ein Himmelskrieger. Ein Patang. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, und über der Wüste flirrte die Hitze. Ich saß so bequem wie irgend möglich im Schatten der raschelnden Blätter unseres großen alten Feigenbaums neben dem aus Steinen aufgetürmten Schrein meiner Eltern.“ (S. 13)
„Mein Blick fällt auf einen schmalen Jungen in Hosenträgern, der unten am Geländer lehnt. Die Hände tief in die Taschen seiner Kniebundhose geschoben, schaut er mich direkt an. Als sich unsere Blicke treffen, legt er den Kopf kaum merklich schief. Eine blonde Strähne rutscht unter seiner Schiebermütze hervor und fällt in sein Gesicht. Und dann lächelt er.“ (S. 12)
„Josh wohnte im Bahnhof, wie die anderen Zeitungsjungen. Sie nannten sich die Waterloo Boys, nach dem großen Gebäude, das erst vor wenigen Jahren eröffnet wurde. Der Bahnhof war ihre Heimat. Hier verkauften sie den Reisenden Zeitungen für zwei Pence und hatten niemanden, außer sich selbst. Die meisten schliefen, wo immer sie gerade Platz fanden. Die Mutigen legten sich auf den breiten Eisenträgern der weiten Dachkonstruktion zur Ruhe. Bis sie vom schrillen Pfeifen des ersten Zuges geweckt wurden und sie in der Druckerei flussaufwärts die neuesten Ausgaben der »London Times« abholten.“ (S. 7)
„In der Kälte dampft der kleine, nackte Körper wie ein frisch gebackener Laib Brot. Rasch schlägt Mika das Tuch wieder um den Säugling. »Wie heißt du?«, bringt sie schließlich hervor. Der Junge erschaudert und sieht die Straße hinunter. Als er Mikas Blick erwidert, verzieht er den Mund zu einem ängstlichen Lächeln. »Der Dunkle Engel weiß, dass ich sie genommen habe.« Ehe Mika etwas erwidern kann, dreht sich der Junge um und eilt davon.“ (S. 8)
„Meine Eltern treiben Geschäfte mit dem Tod. Genauer gesagt besitzen sie ein bescheidenes Bestattungsunternehmen in Alderley, dort, wo wir wohnen. Mit der Kutsche liegt es eine halbe Tagesreise von Bristol entfernt. Pa ist Möbeltischler von Beruf und hat begonnen schlichte Särge zu fertigen. Mama kümmert sich um die Aufbahrung der Leichen. »Die Toten können keinem mehr schaden«, bemerkt sie gern.“ (S. 11)
„Durch die Eisblume am Fenster fiel schwach das Mondlicht auf Eliot, der warm eingemummelt unter seinem Federbett lag und tief schlief. Hilarius Winterbird strich ihm vorsichtig eine widerspenstige Haarsträhne aus dem schmalen Gesicht. Noch deutete nichts darauf hin, dass dieser Tag ihr Leben für immer verändern würde – seines und das von Eliot Holtby.“ (S. 11)