Beziehung

Renato Baretic, Der achte Beauftragte

h.schoenauer - 27.01.2014

Die wahre Seele eines politischen Systems zeigt sich selten in der Hauptstadt sondern meist in vergessenen Randgebieten.

Renato Baretic fackelt in seinem Roman nicht lange mit dem Schicksal seines Protagonisten herum. Der Politiker Sinisa gilt zwar als politische Hoffnung, aber er ist für seinen Auftritt noch nicht schlitzohrig genug. Deshalb setzt man ihm Ko-Tropfen ins Glas und eine moldawische Olga ins Auto, was das vorläufige Karriere-Ende in der Hauptstadt bedeutet.

Susanne Preglau, Ani

h.schoenauer - 20.01.2014

Bei besonderen Schicksalsschlägen gleicht sich auch die Sprache der Struktur eines solchen Lebens an und wird dadurch über die Zeiten hinweg unverwechselbar.

Susanne Preglau hat im Sinne einer qualitativen Sozialforschung anhand der Biographie der aus Bosnien emigrierten Ani versucht, den üblichen Zahlen und Massenbewegungen ein Gesicht zu geben. Ani fährt 1971 mit sechzehn Jahren allein von einem entlegenen bosnischen Dorf nach Innsbruck und „Solbad Hall“, das Geld für den Aufbruch in ein neues Leben hat sie sich geliehen, Ani kann kein Wort Deutsch und kennt von weitschichtigen Verwandten nur die Wörter Fröschl und Swarovsky, dort soll es Arbeit geben.

Siroos Mirzaei, Irdische Träume vom Paradies

h.schoenauer - 17.01.2014

Der Sinn des Paradieses besteht darin, dass man es sich nicht vorstellen kann und darf. Sobald man ein Bild davon hat, ist es kein Paradies mehr. Dennoch muss das Paradies für diverse Religionen und politische Strömungen als ultimatives Ziel herhalten, man denke nur an diese fatale Märtyrer-Legende mit den tausend Jungfrauen.

Siroos Mirzaei, selbst mit allerhand radikalen Strömungen im Iran vertraut gemacht, nimmt in seinem Roman das Paradies in die Erzähl-Hand, um damit ein Stück iranische Gegenwartsgeschichte zu erzählen.

Elias Schneitter / Bertram Haid , Einfach durch den Tag

h.schoenauer - 08.01.2014

Die einzige Methode, das Leben zu meistern, besteht darin, den jeweils aktuellen Tag hinzukriegen. Dutzende Ratgeber stehen mit ihren Tipps Schlange beim ratlosen Leser, scheitern aber meist, weil sie die Sache zu ernst nehmen.

Bertram Haid und Elias Schneitter haben einen Easy-Begleiter „einfach durch den Tag“ entwickelt. Wie schon der Titel ausdrückt, geht es vor allem darum, überhaupt durch den Tag zu kommen.

Hans Augustin, Der Fälscher

h.schoenauer - 18.12.2013

Die Fälscherei ist genaugenommen das größte Betätigungsfeld, das sich ein Mensch aussuchen kann. Denn in jedem Beruf, bei jedem Kunstwerk, in jeder Aussage kann es zu einer Fälschung kommen. Voraussetzung für eine gelungene Fälschung ist, dass man vom sogenannten Richtigen eine Ahnung hat.

Hans Augustin legt seine Figuren immer an jene Kippe zwischen falsch und wahr, woran letztlich die Helden und die Leser gleichsam scheitern. Denn gerade die Wahrscheinlichkeit, dass das Wahre falsch ist und umgekehrt, macht eine eindeutige Erkenntnis schier unmöglich.

Birgit Schwaner, Polyphems Garten

h.schoenauer - 11.12.2013

Figuren aus der Mythologie tauchen gerne wie in der Spionageszene als Schläfer ab, ehe sie dann zu einem besonderen Anlass geweckt und zu einem frischen Einsatz gebracht werden.

Birgit Schwaner hat für ihre dystopische Erzählung von einem digital entgleisten Gemeinwesen den einäugigen Zyklopen Polyphem zum Leben erweckt. Wie in unserer Gesellschaft üblich, dient der griechische Heroe als Namensspender für ein raffiniertes Produkt, in diesem Falle sind es Überwachungsdrohnen, die offensichtlich einäugig über der Stadt schweben.

Fabian Oppolzer, Kein böses Kind

h.schoenauer - 09.12.2013

Kinder oder Hunde, die sich auffällig benehmen, werden gegenüber der Umwelt oft mit den Sätzen verteidigt, der tut nichts, der ist ein braver Hund, das ist kein böses Kind!

Fabian Oppolzer erzählt von dem auffälligen aber nicht bösen Kind Paul, das offensichtlich schwer beeinträchtigt ist und seine Eltern phasenweise zur Gutmüdigkeit herausfordert.

Julia Kissina, Frühling auf dem Mond

h.schoenauer - 06.12.2013

In der Literatur ist der Mond oft für jene Verhältnisse zuständig, die auf der Erde nicht möglich sind.

Julia Kissina erzählt vom „Zustand des Lunitarismus“, den ein etwa zwölfjähriges Mädchen erlebt, ehe es dann rasch erwachsen wird. Die Ich-Erzählerin ist gerade dabei, sich als Individuum zu fassen und gewisse Lebensprogramme zu starten. Sie lebt im Umbruch mit sich selbst, und auch die Stadt Kiew, worin sie ihre Lebenserfahrungen macht, ist gerade im Umbruch.

Luise Maria Schöpf, Brechen-brach-gebrochen

h.schoenauer - 22.11.2013

Manche Titel brechen einem schon beim puren Vor-sich-hin-Murmeln das Herz, weil sie es in einer brutalen Silbenfolge so richtig sagen. „Brechen-brach-gebrochen“ erinnert an ungute Situationen, wo jemand vielleicht die Sprache lernen muss, während sie ihm ein anderer einprügelt und dadurch das Rückgrat bricht.

Luise Maria Schöpf bricht ihre Gedichte und Aphorismen oft wörtlich übers Knie, und wenn dann die semantischen Splitter durch die Gegend fliegen, ist vielleicht der Gedanke frei, der in einem Wortknäuel verwürgt gewesen ist.

Bastian Kresser, Ohnedich

h.schoenauer - 08.11.2013

So wie in der Physik ein dreibeiniger Sessel etwas vom Stabilsten ist, was gegen das Wackeln hilft, ist in der Gefühls-Physik eine Dreierbeziehung etwas vom Instabilsten.

In Bastin Kressers Roman „Ohnedich“ führen drei Jugendliche eine Dreiecksfreundschaft mit erotischen Partnerschafts-Anteilen, die über den Tod hinausgeht. Das Mädchen ist verstorben, der Freund hat sich zurückgezogen, der Ich-Erzähler versucht alles aufzuarbeiten.