Emi Guner, Nina - Kopfüber ins neue Schuljahr
„Bei Nina zu Hause gibt es einen Türrahmen, der ganz mit Strichen und Zahlen vollgekritzelt ist. Daran kann man ablesen, wie groß Nina, ihre ältere Schwester Julia und Mama und Papa gerade sind. Mama und Papa haben jeweils nur einen Strich, weil sie nicht mehr wachsen, aber Nina und Julia haben massenhaft Striche! Und als Nina heute nachmisst, wie groß sie geworden ist, ist ihr neuer Strich weiter oben als der alte, an dem Julia steht.“ (S. 7)
Nina besucht die 2. Klasse der Grundschule und müht sich mit den alltäglichen Sorgen ab, die Familie, Freunde und Schule so mit sich bringen. Was sie ganz besonders nervt ist, dass sie als kleine Schwester immer die alte Kleidung ihrer älteren Schwester Julia tragen muss. Aber auch mit ihren Freundinnen läuft nicht alles immer reibungslos. Und dann erfährt sie auch noch von ihren Eltern, dass große Veränderungen ins Haus stehen.
„An dem Tag, als Ruthie verschwand, waren die Kriebelmücken irgendwie besonders hungrig. Die Weißen in dem Laden, wo wir unsere Vorräte kauften, sagten oft, dass Indianer so gute Beerenpflücker sind, weil irgendwas Saures in unserem Blut die Kriebelmücken fernhält. Aber schon damals, als sechsjähriger Junge, war mir klar, dass das nicht stimmt. Kriebelmücken unterscheiden nicht.“ (S. 9)
„Das Nichts ist traurig. «Ich bin ein Nichts und bleibe ein Nichts. Und ich sehe nach nichts aus. Wie ein Nichts eben. Aber das ist ja nichts Neues. Da kann ich nichts machen.» Am liebsten würde es sich in nichts auflösen. Und dann? Ständen alle da ohne das Nichts.“
„Aus einem Tunnel wabernder Dunkelheit treten eine Assassine und ein Dokkaebi auf die nächtliche Straße. Schatten tanzen um das Paar auf dem unebenen Kopfsteinpflaster, während sie auf das heruntergekommene Königreich zu ihren Füßen schauen. Die sommerliche Luft ist drückend heiß und riecht nach Schweiß, Schmutz und den elenden, verdorbenen Dingen, die die Amsalja nur zu gut kennt.“ (S. 9)
„Das bin ich also, Bridie Sweeney. Ich verkaufe Schwefelhölzer, genau wie das Mädchen in dem weltberühmten Märchen, obwohl meine Version ein viel besseres Ende hat. Aber ich will gar nicht vorgreifen, sondern den ersten Teil meiner Geschichte erzählen.“ (S. 11)
„Einst lebte mit etlichen Tanten so froh / das Pinguinkind Ponti Pento im Zoo. / Die Tanten erwähnten ein Land sehr weit draußen: / »Und dort, wo die Sonne stets scheint, ohne Pausen, / da watscheln gigantische Pinguinscharen / am Südpol im Schnee schon seit ewigen Jahren.«“
„Die Straße wurde Wandelgasse genannt, weil man niemals genau wusste, wo sie sich befand. Manche Menschen behaupteten, sie wären von einer seltsamen leisen Melodie zu ihrem Eingang geführt worden. Andere meinten, um sie aufzuspüren, müsse man sich lediglich an die Ecke zwischen Glockenstraße und Backhausgasse stellen und darauf warten, dass der Wind dreht. Aber Ista Flit war vollkommen klar, dass keiner dieser Menschen, die Gasse je betreten hatte.“ (S. 7)
„Meine Mutter ist gestorben, und alle sagen, dass ich nicht gut damit umgehe. Ich finde, müsste sich Sorgen machen, wenn es anders wäre. Also wenn ich feiern gehen oder Freunde einladen oder mich einfach ganz normal benehmen würde, denn niemand sollte sich normal benehmen, wenn einfach nichts normal ist.“ (S. 7)
„Aus einer Tür im Hügel drin, / im Herbst bei Wind und Wetter, / trat einmal ein kleiner Kerl, / es tanzten bunt die Blätter. // Du wirst ihn wohl auch sehen, / da oben, schau genau: / zwei Ohren, Wackelnäschen / und da blitzt etwas Blau …“
„Wenn Alice ganz still dastand, spürte sie abermals einen stetigen Herzschlag, diesmal durch ihre Fußsohlen. Sie kniete sich hin und legte beide Handflächen auf den ebenen Boden. Eine Spinne ließ sich an einem dünnen Seidenfaden herab und baumelte vor ihrem Gesicht, schien sie zu beobachten. Alice hielt erneut die Luft an, fühlte, wie es unter ihren Händen pulsierte und war sich nun ganz sicher: Dieser Herzschlag gehörte nicht zu ihr.“ (S. 40)