William T. Vollmann, Europe Central
Die postmoderne Erzählmethode wird umso genauer, je verrückter, entlegener und diffuser das erzählte Objekt ist. Die Methode besteht letztlich darin, ein diffuses Konvolut von Ereignissen und Ideen so zu drapieren, dass der Leser die einzelnen Teile zu seiner persönlichen Angelegenheit und das Ganze zu einem subjektiven Ereignis machen muss.
William T. Vollmann bereitet mit „Europa Central“ den Mythos eines Kontinents auf, aus dem viele Vorfahren der US-Amerikaner ausgewandert sind und den man im Jahrhundert zweimal aus US-Sicht befrieden muss. Wie tickt dieses Europa, dass davon ständig Weltkriege ausgehen und wie kann man es begreifen?
Erzählungen verhalten sich oft wie ein feines Netzwerk, die einzelnen Stationen sind lose und mit hauchdünnen Kontakten unter einander verbunden. Und auch die diversen Figuren hängen zwar angeschlagen in den Seilen ihres eigenen Schicksals, halten aber ab und zu noch Ausschau, wie es den Partnern so geht.
„Die Menschen lieben Listen. In der Buchwelt bilden sie ein eigenes Genre: Die besten Bücher des Jahrhunderts; 100 Bücher, die man gelesen haben muss, bevor man stirbt; und so weiter. Auch dieses Buch gehört dazu, es ist eine Liste von wunderbaren Werken, die dem Leser Vergleiche mit und Verbindungen zu anderen Kulturen und Zeiten aufzeigt.“ (8)
Die wirklich guten Krimis sind literarisch gesehen einfach Romane und umgekehrt werden gute Romane offensichtlich aus Markt-Gründen oft als Krimis ausgegeben.
Was wie ein Urologen-Befund klingt, ist in der Literatur eine Äußerung der mehrsprachigen Autorin Yoko Tawada. „Es kann für mehrsprachige Dichterinnen und Dichter ein Vorteil sein, wenn die Wände in ihrem Gehirn 'nicht ganz dicht' sind. Durch die undichte Wand sickert der Klang einer Sprache in eine andere hinein.“ (27)
„Sie haben bestimmt schon mal gehört, wie ein Politiker sagte: »Wir müssen jetzt alle den Gürtel enger schnallen!« - Und natürlich verstanden sie sofort, dass »Sparmaßnahmen« anstehen. Doch irgendein Verdacht sagte Ihnen, dass wahrscheinlich diese Maßnahmen nicht den Politiker betreffen würde, sondern uns, die Bürger.“ (9)
Romane über die bibliothekarische Lebensphilosophie sind weit häufiger, als man landläufig glaubt. Wo immer Nachrichten verwaltet, ausgehoben und in einen neuen Zusammenhang gesetzt werden müssen, sind bibliothekarische Hände im Spiel.
Manche Themen entwickeln geradezu eine eigene Literatur-Gattung. Das Fallen etwa ist seinerzeit während der Belagerung Leningrads von Daniil Charms literarisch zu einer solchen Spitzfindigkeit entwickelt worden, dass man ihn selbst in der Belagerung noch extra im Gefängnis festgesetzt hat, weil sein dichterisches Treiben noch im Untergang als gefährlich gegolten hat.
Lenz im Gebirg gilt in der Literatur als der Inbegriff eines Helden, den es aus sich selbst hinausgetrieben hat und der ohne Koordinaten im Gelände in Aufwallung und Auflösung herumirrt. Das Wahnsinns-Genie Georg Büchner hat mit der Erzählung „Lenz“ 1835 dem Schriftsteller-Kollegen Jakob Michael Reinhold Lenz ein Denkmal gesetzt.
„Jeder lebt seine Befindlichkeiten, zu was anderem ist der Mensch gar nicht fähig.“ (303)