Belletristik und Sachbücher

Martin Amanshauser, Der Fisch in der Streichholzschachtel

h.schoenauer - 09.06.2016

Um eine Gesellschaft so halbwegs allumfassend und gerecht beschreiben zu können, bedarf es eines außenliegenden Erzählstandpunktes, der ein Minimum an Überblick verspricht.

Martin Amanshauser verwendet für seine epochale Piraten-Saga „Der Fisch in der Streichholzschachtel“ gleich zwei erzählende Ausgucke. Zum einen lässt er den Ich-Erzähler Fred aus der Sicht einer desaströsen Karibikfahrt in der Gegenwart erzählen, zum anderen schickt er den italienischen Chronisten Salvino als zweiten Ich-Erzähler an Bord eines Piratenschiffes in einen Zeitflash dreihundert Jahre zurück.

Dietmar Pieper / Johannes Saltzwedel (Hg.), Rom. Aufstieg einer antiken Weltmacht

andreas.markt-huter - 07.06.2016

„Wo liegen die Ursprünge unseres Abendlandes? Kulturell gewiss zum größten Teil im antiken Griechenland – aber politisch und sprachlich lassen sich die entscheidenden Denkformen, öffentlichen Einrichtungen und Traditionen des Kontinents auf das alte Rom zurückführen.“ (11)

„Rom. Aufstieg einer antiken Weltmacht“ bietet eine historische Reise von den Anfängen der Stadt am Tiber bis zum Aufstieg Roms zur beherrschenden Großmacht am Mittelmeer und dem Zerfall der Republik. Dabei werden die wichtigsten Stationen des Aufstiegs Rom zur antiken Weltmacht sowie das gesellschaftlichen und kulturelle Leben in jeweils eigenen Kapiteln von verschiedenen Autorinnen und Autoren chronologisch und thematisch strukturiert vorgestellt.

Thomas Schafferer, 500 Polaroids einer Reise durch Europa

h.schoenauer - 05.06.2016

Polaroids im klassischen Sinne sind Fotos, die ohne den Umweg über ein Labor oder einen Computer beinahe in Echtzeit aus dem Fotoapparat gespuckt werden, nachdem man abgedrückt hat.

Thomas Schafferer setzt seine Lyrik nach diesem Polaroid-Verfahren ein, das lyrische Ich fährt unermüdlich durch Europa, die emotionale Lage spitzt sich zu und entlädt sich in einem Polaroid. So besteht der „Stoff“ der Gedichte durchaus aus Gefühlslagen der Liebeslyrik, dem Anklang von Persönlichkeiten, dem Würdigen von Landschaften und dem Kommentieren politischer Zustände. Gerade weil alles zu einem Polaroid führen kann, sind diese dann so scharf und unbestechlich, zumal sie geradezu akribisch verortet und Datenbank-tauglich abgelegt sind.

Andreas Neeser, Wie halten Fische die Luft an

h.schoenauer - 02.06.2016

Unheimlich lautlos friert den Enten der Teich zu – in der Lyrik geschieht das Ungeheure tatsächlich lautlos, wie in einem Horrorfilm wird der Leser bei seinen Emotionen gepackt, gefesselt und vom Rand her eingefroren.

Andreas Neeser ist ein Meister der unscheinbaren Irritation. Die alte Kinderfrage, wie halten Fische die Luft an, animiert ihn zu einer Neuverknüpfung der Welt in scheinbar altbekannten Bildern. Das Programm dieser Lyrik wird vielleicht im Eingangs-Tableau klar ersichtlich. In einem von vorne herein als kunstvollen Ausschnitt der Welt definierten Tableau wird ein harmloser Blick aus dem Fenster vorgegaukelt, der aber im Leser als Blick in die Kindheit, das Aufschlagen einer alten Kinderbuch-Seite oder als gegoogeltes Wimmel-Bild abgerufen werden kann.

Piersandro Pallavicini, Erben auf Italienisch

h.schoenauer - 31.05.2016

Spätestens seit der Komödie Scheidung auf Italienisch hat das Qualitätsmerkmal „italienisch“ etwas von pfiffig, pragmatisch und alltagskonform. Erben auf Italienisch ist also ein Vorgang, bei dem die Beteiligten klug auf den eigenen Vorteil achten.

Piersandro Pallavicini kümmert sich in seinen Romanen vorwiegend um jene Altersklasse, die kurz vor dem Sterbebett noch einmal die Sau rauslässt. Nach dem grandiosen „Ausfahrt Nizza“, wo durchgegraute Protagonisten mit viel PS und Getränken alles bis zum Morgengrauen geklärt haben, kommt in „Erben auf Italienisch“ ein Industrieller ins letzte Scheinwerferlicht des Daseins. Die einen halten ihn für dement, die anderen für gefährlich.

Frank Niessen, Entmachtet die Ökonomen!

andreas.markt-huter - 29.05.2016

„Offensichtlich will es den etablierten Ökonomen seit Generationen nicht gelingen, die Ursachen unserer Dauerkrisen richtig zu erfassen, geschweige denn zielführende Lösungen zu deren Überwindung anzubieten.“ (11)

Wie ist es möglich, dass eine Wissenschaft, die vorgibt, sich an naturwissenschaftlichen Prinzipien auszurichten und komplexe mathematische Modelle für die Wirtschaftsentwicklung zu berechnen, so wenig zur Verhinderung von Wirtschaftskrisen und zu ihren Lösungen beizutragen hat. Dieser spannenden Frage der Gegenwart geht der Wirtschaftswissenschaftler und Politologe Frank Niessen nach und kommt dabei zu erstaunlichen Antworten.

Oswald Egger, Gnomen & Amben

h.schoenauer - 26.05.2016

Wenn die richtigen Typen zusammenkommen, entsteht durchaus freche Lyrik. Wenn zwergenhafte Schatzhüter (Gnomen) und Doppeltreffer im Lotto (Amben) aufeinandertreffen, kann eigentlich nur die Lyrik des Oswald Egger daraus entstehen.

Tatsächlich braucht das Lyrikwerk „Amben & Gnome“ von Oswald Egger einen beruhigenden Vorspann, ehe sich das Auge dann teilen muss, weil auf den Seiten oben immer etwas anderes gespielt wird als im Fließtext unten.

Michail Gorbatschow, Das neue Russland

andreas.markt-huter - 24.05.2016

„Das Interesse an meinem Buch [„Alles zu seiner Zeit“, Anm. A.M.-H.] hat mich tief berührt. Deshalb habe ich beschlossen, das Zwiegespräch mit den Menschen fortzusetzen und zu erzählen, was ich in den Jahren nach meinem Rücktritt vom Amt des Präsidenten erlebt habe.“ (11)

Während das Vorwort den Inhalt des Buches richtig ankündigt, nämlich als biographische Erinnerung Michail Gorbatschows an die Zeit seit seinem Rücktritt, erweckt der Langtitel den irrigen Eindruck, Insiderwissen über das System Putin zu erhalten, ein Versprechen das nicht eingelöst wird. Dennoch bieten die Erinnerungen und Einschätzungen des großen russischen Politikers, der für das Ende des kalten Krieges und der Sowjetunion verantwortlich gewesen ist, zur vergangenen und aktuellen politischen Lage durchaus interessante Aspekte.

Pascal Optional, Das Goldfisch-Komplott

h.schoenauer - 22.05.2016

Manche Helden sind so fies, dass sie in der Literatur selbst bei größtem Bemühen um einen hellen Fleck nur in voller Kot-Bräune dargestellt werden können.

Pascal Optional geht in seinen schrägen Texten jenen Rissen nach, in denen sich Ungustln, komische Verwandte oder aufgeblasene Kleindarsteller gerne verstecken. Während an der Oberfläche alles leiwand ist, ducken sich in diesen abartigen Nischen des Kleinformat-Niveaus allerhand Kleinbeamte, die absurde Tätigkeiten auszuführen haben.

Lenz Koppelstätter, Der Tote am Gletscher

h.schoenauer - 19.05.2016

Regionale Krimis summen in erster Linie einmal die Vorzüge der Geschichte wie eine Hymne ab, ehe sich darin kurz das regionale Böse zeigt, das selbstverständlich von den Guten in die Schranken verwiesen wird.

Lenz Koppelstätter zeigt mit seinem natur-intelligenten und auch durch Studien intellektuell auf die Höhe der Zeit gebrachten Commissario Grauner einen Typus Südtiroler, wie er weltaufgeschlossen und historisch abgeklärt durchaus Gang und Gäbe ist. Diesem Grauner, der seine Fälle mit der bodenständigen Hingabe eines Landwirtes abarbeitet, ist ein junger Inspektor aus Neapel beigestellt, der mit seiner Außensicht den lokalen Gebräuchen die entscheidenden Fragestellungen in den Weg wirft.