Josef Wallinger, Kindheit in Pradl
Die affirmative Geschichtsschreibung versammelt die Menschen in ihrem biographischen Herbst und lässt sie schöne Geschichten aus der Kindheit erzählen. Dadurch wird die Vergangenheit erst einmal in eigene Worte gefasst und später zu einem Narrativ, das dem gesamten Leben einen Sinn gibt.
Josef Wallinger starte die Serie der Erinnerungen an Innsbruck mit seiner „Kindheit in Pradl“. Pradl ist dabei der Stadtteil östlich der Sill, der beinahe überall noch von Feldern umgeben ist. Der Autor empfindet seine Kindheits-Wohnung als Mittelpunkt der damaligen Welt, darum herum ist der Stadtteil Pradl aufgebaut. Das Volksschulkind schwebt ein paar hundert Meter die Hauptstraße der Pradler Straße entlang zur Volksschule, später erkundet das Kind die Umgebung, ehe es als Jugendlicher den Stadtteil auswendig gelernt und erobert hat.
„Einmal, vor vielen Jahren, war da ein Baby in seinem Kinderwagen. Seine Schwestern waren dabei, mit belegten Broten und Saft und Spielsachen und ihre Freunde und ein Drachen und ein Hund oder zwei … am Strand.“
Besonders schöne Kurven gelingen in der Mathematik immer, wenn man sie als Ableitungen ausführt. Zuerst wird die Wirklichkeit auf der ersten Ebene vermessen, daraus lassen sich dann diverse Ableitungen ziehen, die die besondere Wirklichkeit aus einer Wirklichkeit herausdestillieren.
„Wäre ich im Park nicht stehen geblieben, um den verrosteten Kartoffelschäler aufzuheben, hätte mich das Fass ganz sicher erschlagen, und die Geschichte wäre hier schon zu Ende. Zum Glück blieb ich stehen, weil ich immer stehen bleibe, wenn vor mir etwas am Boden liegt, das man vielleicht noch gebrauchen kann.“ (S. 5)
„Aufgabe der historisch-politischen Bildung ist es, Kontraste und Veränderungen zu verdeutlichen, auf Unausgewogenheit in der Wahrnehmung von Gewalt aufmerksam zu machen und vor einseitig konstruierten Geschichtsbildern zu warnen.“ (S. 5 f)
„Wer seid ihr? Wie seht ihr aus? Habt ihr einen Kopf oder zwei? Oder noch mehr? Habt ihr hellbraune Haut wie ich oder glatte graue Haut wie ein Delfin oder eine grüne Haut mit Stacheln wie ein Kaktus? Wohnt ihr in Häusern? Ich wohne in einem Haus. Mein Name ist Alex Petroski und unser Haus steht in Rockview, Colorado, Vereinigte Staaten von Amerika, Planet Erde.“
Eine der größten Errungenschaften der Erzählkultur ist die sogenannte romantische Ironie. Dabei tritt eine Figur aus ihrer Rolle heraus wie aus einem Kostüm und reflektiert über Fug und Unfug des eben Gesagten. Paradebeispiel dafür ist der gestiefelte Kater, der ein Stück gleichen Namens während der Aufführung kommentiert.
„Die alte Spinne legt den Kopf schief: »Jede Kreuzspinne kann spinnen.« »Schau, es ist einfach.« Die alte Spinne seilt sich ab und baut zwischen zwei Rosenästen flink ein Netz. Die dünnen Fäden glitzern im Sonnenlicht.“
Jeder, der hinter der Lärmschutzmauer durch Tirol rast und einen Blick über die Sichtkante riskiert, fragt sich beklommen, wie hat dieses Land nur so entgleisen können?
„Der Bär hatte lange geschlafen. Sein Magen knurrte. »Mal sehen, was die anderen treiben«, dachte er. Er streifte durch die Wälder. »Komisch«, überlegte er, »dem Fuchs bin ich aber schon lange nicht mehr begegnet. Und die Biberburg sieht auch so ungepflegt aus.« (S. 7 ff)