Mechthild Gläser, Die Buchspringer
„»Diese Steine bilden die Porta Litterae«, erklärte Glenn. »Sie sind der Eingang in die Welt der Geschichten.« »Aber …« Es wollte noch immer nicht in meinen Kopf, dass Will sich anscheinend von einer Sekunde zur nächsten in Luft aufgelöst hatte. »Er ist jetzt in seinem Buch«, sagte Betsy überheblich. (45)
Die Mitglieder der schottischen Familien Lennox und Macalister besitzen in ihrer Jugend die außergewöhnliche Gabe, in Bücher zu springen und Geschichten hautnah mitzuerleben. Als vor hunderten von Jahren ein Streit zwischen den beiden Familienclans zur Zerstörung eines unersetzbaren und einmaligen Dokumentes mit Märchen geführt hat, haben die beiden Familien geschworen, ihren Streit zu begraben und sich ganz in den Dienst der Bücher zu stellen.
Jede gesellschaftliche Etage bringt zu gewissen Zeiten modische, kulinarische oder spielerische Gesten hervor, die eine Zeit recht gut beschreiben und hintennach als historisches Aha-Erlebnis gehandelt werden. Die Milzschnitten sind so eine Spezialität, die in diversen Haushalten des Wirtschaftswunders mit Genuss und Ekel verzehrt worden ist, ehe ihr hygienische EU-Vorschriften zumindest als Massenartikel den Garaus gemacht haben.
„An einem hellen Sommertag kam Pauli zu Mama Kaninchen und jammerte: »Mir ist sooo schlecht!« »Oje«, sagte Mama besorgt. »Hast du etwas Verdorbenes gegessen?« Pauli dachte nach. Nein, bestimmt nicht! Er hatte bloß alle Brombeeren weggenascht, bevor jemand anderes die Hecke entdeckte.“ (36)
Raffinierte Titel sind immer mehrdeutig wie die Lyrik überhaupt. Landaufnahmen können sich auf die Rezeption besinnen, wonach jemand Aufnahmen von einem Land macht und es als Kunstrichtung zwischen Selfie und Landschaftsmalerei ablegt. Die Landaufnahmen können sich aber auch auf die Gastfreundschaft eines Landes beziehen, wenn das Land jemanden willkommen heißt und aufnimmt.
„Sherlock hatte meinen Vater daran gehindert, mich zu töten. Das tat ihm ganz offensichtlich kein bisschen leid. Doch er hatte die Polizei gerufen, obwohl er gar nicht gewusst hatte, ob ich wirklich Hilfe brauchte. Das hatte er getan, weil er kein Vertrauen zu mir hatte.“ (14)
Eine Geschichte verändert sich naturgemäß, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt wird. Oft erschließt sich der tiefere Sinn erst, wenn man den Text zweisprachig plastisch vor sich sieht wie eine Stereoaufnahme von einem Gelände.
„Johanna und Jakob können es kaum erwarten, Burg Rechenstein zu besuchen. Schnell rennen sie den steilen Weg hoch, doch Papa ruft sie zurück. Das Gespenst Erasmus von Rechenstein wacht schon seit Hunderten von Jahren über die Burg. Leider hat es über die Zeit hinweg das Rechnen verlernt.“ (S. 6f)
Gebildete und emanzipierte Märchenprinzessinnen schlafen natürlich nicht mehr auf der Erbse, sondern auf exotischem Reis. Arborio gilt für Risotto-Liebhaber als Inbegriff geschmackhaften Reises.
„Niemand wäre mehr darauf gekommen, dass der Wunschelberg jahrelang im Winterschlaf gelegen war. Bunte Buden standen rings um die Zauberwiese. In den Bäumen hingen gemusterte Lampions und überall grünte und blühte es.“ (116)
„Den Männern und den Frauen / verbot sie allen auf den Tod, / dass sie je von den Rittern sprechen. / »Denn wüsste meines Herzens Schatz, / was dieses Ritterleben sei, / dann würd‘ mir das zum großen Unheil. / Nun haltet euch an die Vernunft / und sagt nichts von der Ritterwelt.«“ (118)