Heike Eva Schmidt, Die Lama-Gang: Auf Wolle 7
„»Möööööeeeep!« Einstein schlug die Augen auf. Ein milchiger Sonnenstrahl fiel durch das Fenster des Lama-Stalls von Gut Erlenbach. Im Licht tanzten ein paar Staubkörnchen in der Luft. Ansonsten herrschte vollkommene Stille in der Box, in der die drei Lamas ihren Mittagsschlaf gehalten hatten – bis jetzt.“ (S. 5)
Ein Dromedar aus einem Tierschutzhof hat sich verlaufen und kommt auf den Gutshof der Familie Sonnenschein, wo sie die Lama-Gang mit den schlauen Lamas Einstein und Vokuhila und die Alpaka-Dame Petersilie um Hilfe bittet und sich mit ihnen anfreundet.
Es geht nichts über die Ironie, die sich über akademische Scheindiskussionen, pandemische Langzeitfolgen, Reproduktionsgelüste von Lebensmüden und Sollbruchstellen von ehemaligen Traumberufen legt.
„Der kleine Lindwurm Darius Dreizack lag friedlich schlummernd unter seiner kuscheligen Bettdecke und träumte von seiner Lieblingswiese mit den vielen bunten Blumen und Schmetterlingen. Es war ein knallschöner Traum, in dem Darius liebend gern noch eine Ewigkeit bleiben wollte … Doch da rissen ihn plötzlich ein durchdringender Schrei und lautes Gepolter aus dem Schlaf.“ (S. 11)
Das Wohnzimmer der Literatur ist die Kiste, da fühlt sie sich wohl und beschützt und wartet mit dem Kistenbesitzer tapfer auf das Ende der Welt. Peter Giacomuzzi ist von Kindheit an von dieser Literatur in der Kiste inspiriert. Bei ihm hat diese Verzauberung die Ausmaße einer Schuhschachtel und steht im Regal seiner Tante, die ihn durchs Studium füttert. In der Schachtel sind Briefe eines gewissen Toni, der als Bild neben dem Fernseher steht.
„»Herbert Lemon.« Die Stimme aus der Kapuze lässt mich zusammenzucken. Von dem unnatürlichen Tonfall kriege ich Gänsehaut. »Ganz richtig, Sir«, antworte ich. »Ich bin Herbie Lemon, Sachenfinder des Grand Nautilus Hotels, zu ihren Diensten. Haben Sie etwas verloren?« Plötzlich ist ein KER-KER-BUMM! zu hören, als draußen ein Donnerschlag durch die Stad fegt.“ (S. 8)
„Aufgrund des hochgradig organisierten Strebens nach technologische Innovation und der dadurch begünstigten Kultur findet der Wandel heute schneller statt, ist umfassender und willkommener als je zuvor – was bedeutet, dass Institutionen, Wertungen und Erwartungen gemeinsam mit der Technologie nurmehr eine begrenzte Haltbarkeit zukommt. Wir erleben den Triumph der reinen Gegenwart und ihres Komplizen: des Vergessens bzw. der kollektiven Amnesie.“ (S. 57)
„Nach der Eroberung durch die Griechen konnte der Held und Halbgott Äneas sich aus seiner brennenden Heimatstadt Troja retten. Mit ihm flohen sein Vater Anchises, den er auf den Schultern trug, und sein kleiner Sohn Askanios, den er an der Hand mit sich zog. Seine Mutter Aphrodite beschützte ihn und die Seinen.“ (S. 9)
Lesen hat im gesellschaftlichen Diskurs einen ähnlich positiv besetzten Stellenwert wie Spazierengehen. Dennoch muss dies ständig beworben werden, weil es offensichtlich nicht selbstverständlich ist.
„»Hurra! Bald ist Schlüpftag! Mein Schlüpftag!«, jubelt Meta und freut sich wie noch nie. Bald wird sie ein wunderschöner Schmetterling sein: bunt wie ein Regenbogen und frei wie ein Vogel. Meta kann das Schlüpfen kaum erwarten. Gestern ist sogar schon ein Stückchen von ihrem Kokondeckel abgeplatzt.“ (S. 11)
Eine Revolution ohne Optimismus ist schon gescheitert, ehe sie begonnen hat. So gesehen schreit die gegenwärtige Gesellschaft, wenn nicht nach Revolution, so immerhin nach Optimismus.