Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten

h.schoenauer - 22.01.2026

Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu tötenWiderstand, Eigenart und Selbstbewusstsein der Südtiroler resultieren aus dem täglichen Überlebenskampf des Individuums inmitten der Massen. Josef Oberhollenzer zeigt in seinen Romanen immer wieder, dass es sich lohnt, ein Individuum zu sein. Denn es sind immer die Massen, die einsam sind, ‒ die Einzelgänger sind nämlich umkost von Kunst und Literatur.

Im Roman Sellemond stoßen zwei große gesellschaftliche Trends aufeinander, man könnte fast von unkontrollierbaren Trieben sprechen. Einmal ist es der Übertourismus, der ganze Landstriche heimsucht, und zum anderen der Kult um Krimis (Krimitis), der die Regale in Buchhandlungen und Büchereien ausfüllt. Lässt man beide Kräfte aufeinander los, so entstehen im Windschatten dieser Trends kleine Überlebenszonen, worin sich ein verdichtetes Leben ausgestalten lässt.

„Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten“ verlangt nach einer einzigartigen Erzählmethode, die geradezu kommod genannt werden kann. Auf den rechten Buchseiten strömt ein durchkomponierter Text dahin, der diverse Abenteuer erzählt, auf den linken Seiten sind als Seitenhiebe Anmerkungen, Quergeschichten und Materialien angeführt, wie sie zu Tausenden in Zeitungen, Archiven oder an der Gerüchtebörse kolportiert werden.

In einem fiktionalen Aufmacher ist im knalligen Layout von einer unheimlichen Serie im Ahrntal die Rede: „Schon wieder ein Gipfelmord!“ Bei genauerem Hineinlesen erweist sich der Artikel als Chronik von Unfällen im Gebirge, die aber zur Vorsicht als Kriminalfälle aufgetischt werden. Es könnte ja sein, dass ein heimtückischer Eigenbrötler die Gipfelstürmer heruntergeschossen hat, wie üblicherweise Wild, das auch manchmal vor Schreck in die Tiefe stürzt, ohne von einer Kugel durchbohrt zu sein.

In diesem aufgewühlten Erzähl-Ambiente schlängeln sich nun die beiden Figuren Sellemond und F. ins Geschehen. Sie werden in einer Akteur-Liste vorgestellt, wonach Werner Sellemond in Schrambach wohnt, und F. (Franz Richard) ein Farbengeschäft führt und in Gufidaun residiert. Beide sind umgeben von den üblichen Lebensgestalten aus den Bereichen Verwandtschaft, Arbeitswelt, Bildung und Politik.

Während dreier Tage von Donnerstag bis Sonntag halten sie sich auf einer Alm auf und lassen „die Sau heraus“, was Erinnerung, Philosophie, Südtirol, Kunst und Tourismus betrifft. In einer unendlichen Assoziationskette schwadroniert Sellemond durchs Gebirge, während F. wohl Stichwörter gibt, aber in der Hauptsache damit beschäftigt ist, sich das alles in indirekter Rede vorzustellen, wie man vor Gerichten oft eine gebremste Zeugenaussage macht.

Mit der vagen Beschreibung, dass er „irgendwann oben gewesen“ sei (65), legt der Held seine Alm-Beichte ab, das heißt, er transferiert Geschichten aus dem Leben im Tal drunten in lichte Höhen der Gipfelzone. Dabei treten eigene Gesetze zutage. So kann man ungestraft über Dinge reden, die im irdischen Leben sofort zu einem Gerichtsverfahren führen müssten.

„Wie stehts mit dem Töten bei dir?“ fragt der eine, während der andere antwortet, dass er bei diversen Tieren und Pflanzen kein Problem habe und mithelfe, jeden Tag eine Tier- oder Pflanzenart auszurotten. (85)

Das führt schließlich zum „Touristischen Paradoxon“, das beiden ein Leben lang zu schaffen macht. Wenn man nämlich Touristen tötet, weil es zu viele sind, so bewirkt man das Gegenteil. Es kommen dann immer mehr, weil endlich etwas los ist.

Physikalisch lässt sich der Übertourismus nicht lösen, weshalb man ihn am besten in eine andere Realität verschiebt. Wo üblicherweise Träume vorherrschen, siedelt sich jetzt die neue Realität an und umgekehrt.

In einem Probelauf ist so ein Traum in gerader Schrift verfasst (103), während üblicherweise Träume in Büchern in Kursivschrift ausgeführt sind.

Eine Verschiebung der Realität bedarf auch einer neuen Nomenklatur, weshalb zwischendurch Gebrauchslisten eingebaut sind. Eine besonders sprachpolitische Liste besteht aus den sogenannten N-Wörtern, also Nicht-Wörtern. (151) Es stehen erstaunlich viele Wörter unter Beobachtung der political correctness. Abartig / behindert / Eskimo / Fräulein / Hottentotte / Mohr / Neger / Schwarzfahrer oder Zigeuner sagt man nur noch in der befreiten Luft der Alm, am Talboden gilt die übliche Verordnung.

Innerhalb der drei Tage in Höhenlage entsteht ein völlig anderes Südtirol, zusammengesetzt aus wohlbekannten Elementen, aber durch Über- und Untertreibung stets neu ausgeleuchtet.

Als einmal die Tourismus-Tauglichkeit einer neuen Gipfelroute erörtert werden soll, kommen den Planern gleich fünfzig Kletterer als Rudel entgegen und zertifizieren den Plan in Echtzeit. (265)

Die „linken Seiten“ ergeben eine eigene Geschichte und liefern Pointen der Skurrilität am laufenden Band. Ein Zitat aus dem Sagenschatz kann sich genauso als brauchbar erweisen wie eine Zeugenaussage eines klandestinen Prozesses. Rezensionen und Lektüre-Notizen nehmen es ständig mit den sogenannten Originalen auf, sodass sich bald der Eindruck einstellt, ganz Südtirol sei ein Volk von Künstlern, wenn nicht gar von Genies.

Josef Oberhollenzer setzt mit dem eigenwilligen Sellemond seinen Zeitgenossen ein schräges Denkmal. Und er scheint den Verantwortlichen zuzurufen: Ihr müsst die Dinge von hinten her denken, eine einheimische Fluchtrealität schaffen mit Kunstwerken nur für euch, dann kriegt ihr die Touristen auch wieder weg, ehe sie euch erstickt haben!

Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten
Wien, Bozen: folio Verlag 2025, 286 Seiten, 26,00 €, ISBN 978-3-85256-921-5

 

Weiterführende Links:
folio Verlag: Josef Oberhollenzer, Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten
Wikipedia: Josef Oberhollenzer

 

Helmuth Schönauer, 19-10-2025

Bibliographie
Autor/Autorin:
Josef Oberhollenzer
Buchtitel:
Sellemond oder Von der Schwierigkeit, Touristen zu töten
Erscheinungsort:
Bozen Wien
Erscheinungsjahr:
2025
Verlag:
folio Verlag
Seitenzahl:
286
Preis in EUR:
26,00
ISBN:
978-3-85256-921-5
Kurzbiographie Autor/Autorin:
Josef Oberhollenzer, geb. 1955 im Ahrntal, lebt in Bruneck.