In der überaus lesenswerten Dissertation „Lernpotenziale prosodischer Leseförderung“ stellt die Autorin Inga Rottinghaus-Höfer den überaus interessanten Aspekt der Bedeutung prosodischer Kompetenzen, die alle Kinder für die Rezeption und Produktion aus der mündlichen Sprache bereits mitbringen, für die Leseförderung in den Mittelpunkt. Diese Fähigkeiten gezielt zu nutzen und zu fördern, um das Leseverstehen bei Schülern zu verbessern, war Ziel der Arbeit. Mithilfe passender Übungen zum Lesen in „Sprechgruppen“ wurde dazu anhand einer Interventionsstudie mit zwei Testgruppen untersucht, inwieweit die Übungen das Leseverstehen beeinflussen bzw. verbessern können.
Zu den prosodischen Kompetenzen gehören Lautstärke, Betonung, Pausen, Sprechtempo, Sprechrhythmus und Sprechgruppen. Diese rhythmischen, melodischen und akzentuierenden Aspekte der Sprache beeinflussen sowohl das Sprachverständnis als auch die soziale Interaktion. Für den Lese-Unterricht bleiben die bereits vorhandenen Fähigkeiten der Kinder aus der gesprochenen Sprache didaktisch meist ungenutzt. Rottinghaus-Höfer verwendet nun das Konzept der „Sprechgruppe“ als Grundlage für eine konkrete prosodische Förderung, mit dem Ziel das Leseverstehen zu verbessern.
Der Begriff Prosodie setzte sich aus dem griechischen Begriff „ode“ für Gesang oder Lied und dem Begriff „prós“, das hinzukommenden und bedeutet wörtlich übersetzt somit:
„das dem Gesang Hinzukommende“. Damit wird das monotone unbetonte Sprechen vom betonten ausdruckstarken Sprechen unterschieden, das den Aussagen zusätzliche Bedeutung und Verständnis verschafft. (Vgl. R-H, S. 15)
Auch für das Verständnis sowohl laut als auch still gelesener Texte ist es somit wichtig, dass diese als sprechbare Äußerung wahrgenommen werden. Grundlagen für die Leseflüssigkeit und ihre Didaktik sind das mühelose Dekodieren von Lauten und Wörter sowie ein sprechnahes Betonen. (Vgl. R-H, S. 13)
Prosodie und Wahrnehmung: Forschungen für die Altersgruppe von 0-6 Jahren
Untersucht wird, wie bereits Kleinkinder Tonhöhenverlauf, Sprachrhythmus, Betonung und Sprechpausen differenziert wahrnehmen.
Babys bevorzugen Erzählen mit natürlichen gegenüber willkürlich gesetzten Pausen. Bereits Baby mit acht Monaten können zwei Satzteile auseinanderhalten, wenn sie mit bestimmten Hinweisen markiert sind wie z.B. geänderte Tonhöhe und finale Dehnung. Dabei zeigen Untersuchungen, dass für dreijährige Kinder Pausen die einflussreichsten Hinweise zum Erkennen sprachlicher Grenzen bieten. Ab sechs Jahren erkennen Kinder auch ohne Pausen prosodische Grenzen. Mit zunehmendem Alter ziehen die anderen prosodischen Grenzmarker gleich. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Sprachen.
Babys schließen bereits im Alter von vier bis sechs Monaten von der Prosodie auf syntaktische Strukturen. Mit Beginn des siebten Monats segmentieren Babys Sprache bereits in lexikalische Einheiten. Dieser Fähigkeit zur Wahrnehmung prosodischer Hinweise wird eine eindeutige Bedeutung für das spätere Lesen von Texten gegeben. Kinder lernen somit einzelne akustische Hinweise herauszuheben und zur Segmentierung des Sprachflusses in Sinneinheiten zu nutzen. (Vgl. R-H, S. 18)

Bereits Babys und Kleinkinder lernen Sprache in lexikalischen
Einheiten wahrzunehmen.
Die Studie versucht den Zusammenhang zwischen dem Einfluss prosodischer Grenzmarker und dem Schrift-Spracherwerb zu untersuchen, um gezielte Leserförderprogramme zu erarbeiten.
Prosodie und (Lese-) Verstehen (5-19 Jahre)
Für das anfängliche Leselernen spielt die Prosodie zunächst eine wesentliche Rolle, um überhaupt lesen zu lernen. Später tritt sie allgemein in den Hintergrund, weil das leise Lesen als Ziel im Vordergrund steht. (Vgl. R-H, S. 19-27)
Grundschule (1.-3. Klasse, 5-9 Jahre)
Untersuchungen haben ergeben, dass für die ersten zwei Klassen die Akkuratheit für die Dekodierfähigkeit sowie die Automatisierung für die Lesegeschwindigkeit von besonderer Bedeutung für das Lesenlernen sind. Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese beiden Fähigkeiten im Unterricht dieser Altersstufen auch ganz speziell gefördert werden. (Vgl. R-H, S. 19 f)
Grundschule zu Sekundarstufe I (4.-7. Klasse, 9-13 Jahre)
Mit zunehmender Sicherheit in den Bereichen Dekodierfähigkeit und Lesegeschwindigkeit gewinnt die Prosodie für das Leseverstehen an Bedeutung.
Leseverstehen wird als Konstrukt aus Geschwindigkeit, Akkuratheit und Prosodie verstanden. Möglicherweise erleichtert die Prosodie Vereinigungsprozesse des Lesens auf phonologischer, syntaktischer und semantischer Ebene. (Vgl. S. 24) Bisher wurden in der deutschen Leseforschung die prosodischen Kompetenzen beim Sprechen und Lesen vernachlässigt. (Vgl. R-H, S. 21-24)

Die richtige Betonung beim Vorlesen hilft beim Textverständnis.
Mittel- und Oberstufe (8.-13. Klasse, 14-19 Jahre)
Der Prosodie kommt eine Rolle als Vermittlerin zwischen Automatisierung und Verstehen zu.
- Tandemhypothese: Die drei Komponenten Automatisierung, Akkuratheit und Prosodie leisten nicht immer denselben Beitrag beim Leseverstehen.
Während Akkuratheit und Prosodie erfordern meist die ganze Aufmerksamkeit beim Lesen, während die Automatisierung sich je nach Anspruch des Textes mehr oder weniger zum Tragen kommt. (Vgl. R-H, S. 25-27)
Parameter für Lesekompetenz: (Vgl. R-H, S. 30)
- Dekodiergenauigkeit (Akkuratheit)
- Automatisierung
- Lesegeschwindigkeit
- prosodische Sequenzierung
Eine Lese-/Sprachstudie hat gezeigt, dass sich schlechte Verstehensleistungen von guten durch kürzere Pausen innerhalb und zwischen den Sätzen sowie durch größere Veränderungen in der Tonhöhe beim Lesen unterschieden haben. (Vgl. R-H, S. 26)
„Zwar wird von einer Korrelation zwischen Prosodie und Leseverstehen ausgegangen, aber es bleibt die Frage nach der Kausalität: Verstehen Kinder Texte besser dank der Prosodie oder ist es das Textverständnis, das zu einem prosodischen Lesen führt?“ (R-H, S. 27)

Die Lesekompetenz lässt sich auch daran erkennen, wie
sprechnah ein Kind vorliest.
Prosodie und Leseflüssigkeit
Die Bedeutung der Leseflüssigkeit für das Leseverstehen
Es darf nicht davon ausgegangen werden, dass alle Schüler nach der Volksschule eine gute Leseflüssigkeit entwickeln konnten. Meist werden für die verschiedenen Fächer Kompetenzen angeführt, die einen Leseflüssigkeit bereits voraussetzen. Damit wird praktisch davon ausgegangen, dass die Lesekompetenz bereits in der Volksschule entwickelt werden konnte.
Die Konzentration im Erstleseunterricht auf die korrekte Wort-Buchstaben-Zuordnung und anschließend auf die Geschwindigkeit und Automatisierung. Letztere erhöhen zwar die Lesegeschwindigkeit, aber nicht zwangsläufig zu einem besseren Leseverstehen führen. (Vgl. R-H, S. 28)
Akkurate Dekodierung von Buchstaben und Wörtern scheint nur eine Mindestanforderung für Textverstehen aber nicht ausreichend für verstehendes Lesen zu sein. So kann trotz guter Dekodierfähigkeiten die Leseverstehleistung schwach bleiben.
Leseflüssigkeit als Produkt von Automatisierung und Prosodie
Leseflüssigkeit ist mehr als automatisiertes Lesen
Cornelia Rosebrock versteht die Leseflüssigkeit als Zusammenspiel zwischen Dekodiergenauigkeit (Akkuratheit), Lesegeschwindigkeit, Automatisierung und prosodische Sequenzierung. Welcher Einfluss den jeweiligen Parametern zukommt, steht hingegen offen und unterscheidet sich in anderen wissenschaftlichen Definitionen.

Diagramm: Rottinghaus-Höfer, S. 32
Es zeigt sich hingegen, wie im Modell von Kuhn, dass Automatisierung als Produkt aus Genauigkeit und Geschwindigkeit betrachtet und gemessen wird, und damit gegenüber der Prosodie eine verdoppelte und somit übergeordnete Rolle einnimmt, wenn sie einmal einzeln und dann in Verbindung betrachtet werden.
Die Prosodie ist keine Fertigkeit, die anschließend an die erfolgreiche Dekodierung hinzugefügt wird und der Analyse syntaktischer Strukturen dient. Vielmehr ist die Prosodie bei Kindern bereits vor dem Erwerb von lesespezifischen Techniken als Teil der mündlichen Sprache vorhanden.
Eine unzureichende Lesekompetenz lässt sich damit auch am Unterschied zwischen der prosodischen Segmentierung in der mündlichen Sprache und beim Schriftlesen erkennen, also wie sprechnah ein Kind vorliest. (Vgl. R-H, S. 30-36)
Verfahren zur Förderung der Leseflüssigkeit
Leseflüssigkeit braucht sowohl Dekodierfähigkeiten als auch Prosodie, weshalb einseitiges Üben der Dekodierfähigkeit noch kein Sinnerfassendes Lesen bewirkt. Die Dekodierfähigkeit wird meist bevorzugt, weil sich automatisierte Leseübungen an den Merkmalen Lesegeschwindigkeit sowie korrekte und mühelose Worterkennung einfach messen lassen.
„Um erfolgreich sinnerfassend zu lesen, muss neben dem korrekten, schnellen und mühelosen Dekodieren auch mit gutem Ausdruck und Betonung artikuliert werden.“ (R-H, S. 43)
Derzeit gibt es fast keine Lernformate, die prosodische Kompetenzen mit dem Ziel fördern, das Leseverstehen zu verbessern. Rottinghaus-Höfer geht der Förderung des Leseverstehens durch das Bilden von Sprechgruppen als eine Form des Lautleseverfahrens nach. (Vgl. R-H, S. 43)
Prosodische Leseförderung
Prosodische Gliederung von Sätzen
Prosodie: Lautliche Unterteilung des Satzes in kleinere Einheiten (Vgl. R-H, S. 59)
- Akzent
- Intonation
- Quantität
- (Sprech-)Pause
- Sprechtempo
- Sprechrhythmus
Wie und wann wir bestimmte Wörter in einem Satz hervorheben, hängt am Ende von der Sprechsituation ab. (Vgl. R-H, S. 70)

Leseflüssigkeit braucht für das sinnerfassende Lesen sowohl
Dekodierfähigkeiten als auch Prosodie.
Sinnschritt:
- Teilung eines Satzes nach Sinneinheiten, die dem Sprechen als Einheit erscheinen
- Dabei stellen Satzzeichen kein Kriterium für das Bilden eines Sinnschrittes dar
- Ein Sinnschritt erlaubt eine Pause, die es erlaubt, den nächsten Sinnschritt zu erfassen
- Kinder reihen Sinnschritte oft mit „und dann“ „und dann“ aneinander
- Gliedernder Teil eines Gedankens während des Sprechens
- Sind von Zäsuren und Pausen umgrenzt (Vgl. R-H, S. 71)
Gliederndes Vorlesen betont das Leseverstehen und lädt den Vorleser zum Nachvollziehen der Textaussage ein. Wichtig ist dabei, dass die Untergliederung dem Vorleser einerseits dabei hilft, den Text selber besser zu erfassen und andererseits besser weiterzugeben. (Vgl. R-H, S. 77)
Rhythmische Gruppen
- Akzentgruppen sind Wortgruppen, bei denen einige Wörter betont werden und andere unbetont bleiben
Lesedidaktische Perspektive
Durch das Experimentieren mit Lesepausen und Leseportionen können die Schüler unterschiedliche Sprechvarianten erproben, vergleichen und reflektieren. Damit erfahren sie, dass Sprechpausen das Interesse der Zuhörenden erhöht, weil der Text spannender klingt. Anfangs können Leseportionen farblich im Text markiert werden, um ein Gefühl für angemessene Leseportionen zu entwickeln.
Leseportionen, können Einzelwörter oder Wortgruppen sein, nach denen sich gut eine Pause machen lässt. Sie werden durch das Sprachgefühl des Lesers bestimmt. Jede Pause hilft dabei, die nachfolgende Leseportion zu erfassen, zu atmen aber auch das Gelesene zu verarbeiten und innere Bilder entstehen zu lassen. (Vgl. R-H, S. 79)
Sprechgruppen: prosodische Einheit
- die gesprochen Sprache gliedert sich in Sprechgruppen
- jede Sprechgruppe hat einen Gruppenakzent
- der Gruppenakzent fungiert als Default-Akzent (Standardaussprache), Kontrast-Akzent (bewusste Betonung eines ansonsten unbetonten Wortes) oder Salienz-Akzent (hervorstechende Aussprache) (Vgl. R-H, S. 79 f)

Prosodische Merkmale sind konstitutiv für eine Sprechgruppe. Sie kann aber auch syntaktisch, metrisch, grammatisch, temporal, respiratorisch oder ausschließlich semantisch motiviert werden. Sprechgruppen ergeben sich aus dem Akt des Sprechens selbst und der damit einhergehenden Pausensetzung. (Vgl. R-H, S. S. 82)
Eine Sprechgruppe ist Teil der semantisch-prosodischen Gestaltung eines Satzes, die sich besonders beim langsamen Sprechen durch gut hörbare Pausen von der folgenden Sprechgruppe abgegrenzt. Neben der Pausensetzung wird die Sprechgruppe auch prosodische durch unterschiedliche Betonung, Lautstärke u.a. markiert. Beim Schreiben werden Sprechgruppen, im Gegensatz zu Wörtern und Sätzen, nicht eigens betont. Sie müssen also beim leisen und lauten Lesen spontan sinnvoll gebildet werden.
„Die Sprechgruppe kommt aus der gesprochenen Sprache und muss deshalb beim Lesen von geschriebenen Texten als Einheit der Sinngliederung rekonstruiert werden.“ (R-H, S. 82)
>> Prosodische Leseförderung: Teil 2 – Studie zum Lesen und Leseverstehen mit Sprechgruppen
Weiterführende Links:
- Rezension: Inga Rottinghaus-Höfer, Lernpotenziale prosodischer Leseförderung.
- Die Dissertation bietet der WBV auch als Gratis-E-Book (pdf.) im Open Access an.
- Psychometrica: Elfe II - Ein Leseverständnistest für Erst- bis Siebtklässler
- Lernverlaufsdiagnostik Levumi
Andreas Markt-Huter, 05-03-2026