Gesellschaft | Kultur

Günther Pfeifer, Hawelka & Schierhuber laufen heiß

andreas.markt-huter - 07.03.2016

Gibt es in entlegenen Landstrichen genauso typische Mordtodesarten wie es eben typische Speisen und Getränke gibt? Ein guter Provinzkrimi muss solche Überlegungen schlüssig beantworten.

Günther Pfeifer stellt die gängigste Hinrichtungsform der Gegend in seinem Waldviertler-Mordbuben-Krimi gleich zu Beginn vor: Der Delinquent wird kopfüber in das Blatt einer Kreissäge gerückt und anschließend wird die Bude abgefackelt.

Horst Moser, Etwas bleibt immer

andreas.markt-huter - 04.03.2016

Hat das Leben einen Plan, wenn es aus fröhlichen Kindern ernst abgerackerte Erwachsene macht, oder ist auch das Leben ein Spiel wie das der Kinder im Innenhof?

Horst Moser führt in seinem Roman „Etwas bleibt immer“ ein paar Figuren zusammen, die einst einmal glücklich und ungeniert ihre Kinderzeit im Innenhof einer Wohnanlage verbracht und sich später aus dem Auge verloren haben. Damit die arme Leser-Seele eine Ruhe gibt, setzt er eine Art lose Krimi-Handlung über seinen wirklichen Fall, in welchem es darum geht, wie wir uns alle immer weiter auseinander entwickeln und dabei schrullig und ausgebeult werden.

Gustav Ernst, Zur unmöglichen Aussicht

h.schoenauer - 02.03.2016

Die österreichische Kaffeehaus-Seele sucht vor allem eines: das Unglück. Und wenn es einem im gewöhnlichen Leben draußen nicht begegnet, muss man so lange ins Café, bis es sich tatsächlich zu einem an den Tisch hockt.

Gustav Ernst stellt mit seinem grotesken Depressionsroman seine Leser vor eine „unmögliche Aussicht“: man wird Zeuge einer geradezu weltbewegenden Untergangsstimmung.

Andreas Maier, Der Ort

h.schoenauer - 29.02.2016

Jede Epoche hat ihren Schlüsselbegriff, wenn es gelingt, ihn unaufgeregt zu finden, kann   man die jeweilige Gegenwart knacken.

In Andreas Maiers Roman „Der Ort“ wird plötzlich für das erzählende Ich die Ortsumgehung zu diesem Schlüsselbegriff. Während rund herum in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts  alles platt gemacht und vernetzt wird, erklärt die Methode Ortsumgehung die neue Weltordnung. Jetzt, Jahrzehnte später, sitzt der Erzähler im Zimmer seines verstorbenen Onkels und arbeitet an der persönlichen Ortsumgehung.

Michael Forcher, Tirol und der Erste Weltkrieg

h.schoenauer - 26.02.2016

Was der Bestsellerautor Christopher Clark mit seinen „Schlafwandlern“ über den Ersten Weltkrieg ist, ist „Der Forcher“ für Tirol mit seiner bewegenden Darstellung des Weltkrieges aus Tiroler Sicht.

Michael Forscher ist leidenschaftlicher Historiker genug, damit er weiß, dass sich nicht erzählbare Dinge nur darstellen lassen, wenn man sie quasi wie dokumentierte Rollen sich selbst erzählen lässt. Der Autor bereitet dabei die Quellen aus und ist gerecht, indem er alle zu Wort kommen lässt. Und so kommt heraus, dass alle bis hinauf zum Feldherren Conrad fassungslos den Geschehnissen gegenüber stehen. Bloß kann der Oberste diesen Sprung im Kopf überwinden, indem er einfach selbst noch seine Biographie nach dem Krieg zurecht biegt.

Roswitha Ladner, Hörgeräte - kein Indiz für „dumm“

h.schoenauer - 24.02.2016

Vorurteile sind nicht nur schmerzhaft ungerecht, sie sind meist auch ausgesprochen falsch. So gilt etwa in manchen Landstrichen die Brille als Zeichen für hohe Intelligenz der Trägerin, während ein sichtbares Hörgerät immer wieder die Aura von „dumm“ suggeriert.

Roswitha Ladner, seit einer unbehandelten Mittelohrentzündung in der Kindheit selbst mit Hörgeräten konfrontiert, erzählt von den Erfahrungen einer Anwenderin, die sich an die Richtlinien des Hörgerätegebrauchs hält.

Hilde Schmölzer, A schöne Leich

h.schoenauer - 22.02.2016

Seltsam verstreut tauchen am Globus die Hotspots des Totenkultes auf. Der skurrile Berufsfriedhof an der ukrainisch-rumänischen Grenze, die Toten-Gassen in Samarkand, die Blasmusikumzüge in New Orleans: der Wiener Zentralfriedhof ist eine ideale Bereicherung auf der Route der Jenseits-Versteher.

Hilde Schmölzer startet ihren Trip durch die Welt der schönen Leich am Eingang des Zentralfriedhofs, wo es an manchen Tagen ein Treiben wie auf einem Flughafen gibt. Touristen stellen sich die interessantesten Routen durch die Totenstadt zusammen, Kellnerinnen servieren um ihr Leben, ab und zu versammeln sich dunkle Kleidergruppen offensichtlich für eine Live-Bestattung.

Georg Haderer, Engel und Dämonen

h.schoenauer - 17.02.2016

Wenn es in der Gesellschaft wirklich verbrecherisch rund geht, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Engeln und Dämonen, weil die Ermittler zu Tätern werden und die Täter ermitteln. Die Guten und die Bösen haben sich im großen Verbrechen gegenseitig Schachmatt gestellt.

Georg Haderer lässt in seinem quer über die Alpen verschütteten Kriminalfall den Chefermittler Major Schäfer im eigenen Delirium verschwinden. Von der ersten Seite an geistert er durch unbekannte Wälder Richtung Schweiz, er weiß selbst, dass er das Gedächtnis verloren hat, und klammert sich an die Hoffnung, dass man ihn findet, aber ihn dann nicht seines Dämons beraubt. Schäfer ist restlos überfordert, neben einer therapeutischen Grund-Behandlung haben es ihm vor allem esoterische Seminare angetan.

Jörg Rüpke, Römische Geschichtsschreibung

andreas.markt-huter - 15.02.2016

„Insgesamt soll es – wie durch das bereits geschriebene angedeutet – vor allem um das historische Bewusstsein in der Antike und seine Entwicklung besonders in römischer Zeit gehen.“ (40)

In Jörg Rüpkes Monographie zur römischen Geschichtsschreibung geht der Autor der Frage nach, wie sich Geschichtsschreibung in Rom und über Rom entwickelt hat und unter welch unterschiedlichen Interessen und Formen Geschichtsschreibung von den zahlreichen römischen und griechischen Historikern der Antike umgesetzt worden ist.

Charlotte Erlih, Bacha Posh

h.schoenauer - 12.02.2016

Von Afghanistan weiß unsereins letztlich nur, dass das Land in Aufruhr und gleichzeitig zerbrochen ist. Dass es sich um ein Land mit hoch entwickelter Kultur und eigenständigen Gesellschaftsformen handelt, ist schon längst in den Kriegsmeldungen untergegangen.

Charlotte Erlih greift in ihrem Roman mit „Bacha Posh“ eine kulturelle Praxis auf, wonach in Familien ohne Söhne das älteste Mädchen Ansätze eines Sohnes-Lebens führen darf, damit sie in Fragmenten eine Schulbildung absolvieren kann.