Literatur

Markus Linder, Voradelberg

andreas.markt-huter - 14.02.2014

Wenn man eine sogenannte Heimat halb zu sich heranzoomt, breitet sich triefende Ergriffenheit aus, wenn man sie ganz zu sich heranlässt, führt sie in ihrer Skurrilität zu befreiendem Gelächter.

Markus Linder, Beute-Tiroler, Musiker, Schriftsteller und Entertainer, zoomt sich als mittlerweile Außenstehender mit Herz-Saft in seine Ur-Heimat zurück. „Voradelberg“ nennt sich seine Exkursion, denn die Vorarlberger adeln sich selbst, indem sie ihr Land schludrig aussprechen und zu Voradelberg machen.

Norbert Gstrein, Eine Ahnung vom Anfang

h.schoenauer - 10.02.2014

Bei den wirklich aufregenden Themen geht es meist um richtiges Argumentieren zu einer falschen Zeit.

Norbert Gstrein malt für seine Romane oft ein eigenes Ziffernblatt des Erzählens, worin er die Figuren Gedanken der Unzeit platzieren lässt. „Eine Ahnung vom Anfang“ deutet gleich zweifach in etwas Ungewisses, es handelt sich zum einen um eine Ahnung und keine Gewissheit, zum anderen beginnt zwar etwas, aber es ist noch lange nicht klar, was es genau sein wird.

Alban Nikolai Herbst, Schöne Literatur muss grausam sein

h.schoenauer - 07.02.2014

Manchmal ist das Vorleben eines Schriftstellers entscheidend für dessen Schreib-Wucht in Theorie und Praxis.

Alban Nikolai Herbst hat fünf Jahre lang an der Frankfurter Börse als heftiger Broker gearbeitet und sich damit wohl einen Zugang zur fiktionalen Welt des Geldes und seiner Phantasie-Derivate verschafft. Aus dieser schier unfassbaren Welt dürfte auch das Konzept für „Thetis“, der sogenannten Anderswelt, stammen.

Hellmuth Karasek, Auf Reisen

h.schoenauer - 05.02.2014

Vermutlich ist erlesen die schönste Form von erarbeiten. Wenn man sich dabei einen ganzen Landstrich und ein halbes Jahrhundert erarbeitet, fällt die Bilanz wie von selbst „erlesen“ aus.

Hellmuth Karasek bereist seit erdenklichen Zeiten Deutschland, zuerst aus journalistischen und dramaturgischen Gründen, später dann vor allem, um in diversen Talkshows und Jurys aufzutreten. Immer aber ist er unterwegs mit seinen Büchern, in denen es um den Film-Giganten Billy Wilder geht, um die Kunst des Witzes oder auch um das reife Seitenspringen älterer Dam- und Herrschaften.

Robert Sedlaczek, Die Tante Jolesch und ihre Zeit

h.schoenauer - 24.01.2014

Die Sprache ist schlauer als die Menschen, die sie benützen. Manchmal verzichtet sie gar auf die Menschen und erzählt selbst eine Geschichte.

Der Sprachforscher und „Aufs-Maul-Schauer“ Robert Sedlaczek befasst sich seit Jahrzehnten mit Sprichwörtern, Mundarten, verschollenen Fügungen und entlegenen Vokabeln. Seine Wörterbücher des Alltags und Wortgeschichten gehören zur Fixausstattung jedes hintersinnigen Sprachanwenders.

Lilly Sauter, Mondfinsternis

h.schoenauer - 22.01.2014

Der hundertste Geburtstag von Dichterinnen und Dichter ist für zeitlose Leser immer ein willkommener Anlass, deren Werk in der aktuellen Verankerung zu überprüfen durch Nachlesen.

Lilly Sauters literarisches Werk ist geprägt von der Verschmelzung mit Malerei, Graphik und Skulptur, als Journalistin, Übersetzerin und Ausstellungsmanagerin hat sie permanent über die Kunst der 1950er und 1960er Jahre in Tirol berichtet.

Susanne Preglau, Ani

h.schoenauer - 20.01.2014

Bei besonderen Schicksalsschlägen gleicht sich auch die Sprache der Struktur eines solchen Lebens an und wird dadurch über die Zeiten hinweg unverwechselbar.

Susanne Preglau hat im Sinne einer qualitativen Sozialforschung anhand der Biographie der aus Bosnien emigrierten Ani versucht, den üblichen Zahlen und Massenbewegungen ein Gesicht zu geben. Ani fährt 1971 mit sechzehn Jahren allein von einem entlegenen bosnischen Dorf nach Innsbruck und „Solbad Hall“, das Geld für den Aufbruch in ein neues Leben hat sie sich geliehen, Ani kann kein Wort Deutsch und kennt von weitschichtigen Verwandten nur die Wörter Fröschl und Swarovsky, dort soll es Arbeit geben.

Ingrid Mascher, Flugblätter

h.schoenauer - 15.01.2014

Der Typenschein der „Flugblätter“ sagt es sehr genau: Lyrik kommt an gelungenen Tagen im Flug daher, Gedichte strömen durch die Zeit schwerelos wie die berüchtigten Blätter im Herbst, und eine politische Komponente darf im Zeitalter der Apps ebenfalls angenommen werden, Lyrik bringt zwischendurch auch Botschaften, die früher einmal im Zeitalter einer haptischen Öffentlichkeit über Flugblätter verbreitet worden ist.

Ingrid Mascher „berührt“ mit ihren Gedichten alle diese Komponenten, das lyrische Ich streift als Welt-Flüchtling in alle Windrichtungen davon, und wenn es einmal kurz zur Ruhe kommt, verliert es seine Haut und wird mehr als nackt von der Schutzlosigkeit überfallen.

Günther Loewit, Wie viel Medizin überlebt der Mensch

h.schoenauer - 13.01.2014

Die gewöhnlichste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt. Dieser lapidare Satz von Nietzsche lässt sich auch auf Systeme und Einrichtungen auslegen, Politik, Medizin und Bildung haben durchaus auch den Sack der Selbstlüge weit aufgemacht.

Der Haus-Arzt und Schriftsteller Günther Loewit betrachtet in seinem Essay den Moloch Medizin und erzählt daran ein Stück Gegenwart. Denn kaum in einem Bereich lassen sich Träume, Praktiken und Geldströme der Gesellschaft so deutlich beschreiben wie in dieser Medizin, die uns mit Wörtern wie Gesundheit, Glück, Sinn und Tod niemals aus den Krallen lässt.

Andrea Heistinger, Arche Noah. Das große Biogarten-Buch

h.schoenauer - 10.01.2014

Sogenannte Große-Bücher haben den Vorteil, dass sie ein ungeahnt weites Themen-Gebiet abdecken können und gleichzeitig die beschränkten Ressourcen der jeweiligen Anwenderinnen im Auge behalten.

Das große Biogarten-Buch deckt mindestens drei Tage der Schöpfungsgeschichte ab, und dennoch ist man als einzelner Mensch eingeladen, mit beiden Händen zu säen, zu mulchen und zu ernten, und wer gerade keinen Garten zur Hand hat, kann sich immerhin noch mit dem Zusammenhang von dem, was er isst, und dem politischen Hintergrund dieser Obst- und Gemüsearten beschäftigen.