Beziehung

Lucas Cejpek, Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar

h.schoenauer - 13.10.2025

Lucas Cejpek, Du siehst Gespenster und nichts in der MinibarJeder aufregende Essay ist letztlich eingezwängt zwischen den Extrempositionen der Schwarzmalerei und der Abgeschnittenheit vom erhellenden Stoff.

Lucas Cejpek verpackt diese Beklemmung in einen wunderbaren Titel. Einerseits wird die Schwarzmalerei relativiert mit der landläufigen Fügung „Du siehst Gespenster“, andererseits wird die desaströse Stimmung angesprochen, wenn im Hotelzimmer zwar der Kühlschrank brummt, aber nichts in der Minibar ist. Wie soll das Individuum etwas Vernünftiges denken, wenn es vom Stoff abgeschnitten ist?

Ilse Kilic, Alter Ego. Mutprobe mit Zugaben

h.schoenauer - 10.10.2025

Ilse Kilic, Alter Ego. Mutprobe mit ZugabenUm sensible Daten aus dem Inneren einer Figur herauszukriegen, bieten sich zwei bewährte Methoden an: der Innere Monolog und das Alter Ego.

Ilse Kilic verwendet den Kunstgriff mit dem Alter Ego ironisch und setzt den Begriff wie in einem Lehrbuch gleich in den Titel. Das Lehrbuch ist das Lieblingsgenre der Autorin, da lässt sich der Sachverhalt schön in logischen Portionen darstellen und mit spritzigen Zeichnungen unterlegen. Das Thema ist dieses Mal das Altwerden.

Reinhard Wegerth, Der große grüne Atemstreik

h.schoenauer - 19.09.2025

Reinhard Wegerth, Der große grüne AtemstreikDamit Wissenschaft glaubhaft erzählt werden kann, bedienen sich ihre Vermittler oft der Romanform. In einem Roman nämlich unterliegen die Thesen des Labors einem Elchtest, indem die Leser ungeniert selbst überlegen dürfen, ob das Erzählte über die Fiktion hinaus glaubhaft ist.

Reinhard Wegerth hat vor Jahrzehnten so etwas wie den grotesken Essay als Genre entwickelt, Dabei werden wissenschaftliche Thesen in eine Geschichte verpackt, die dem populären Sciencefiction nicht unähnlich ist. Das besondere dieser Erzählweise ist die Distanz zum jeweiligen Zeitgeist, auch wenn dieser die Themen vorgibt. ‒ Die Grundfragen der Menschheit, nämlich ihr Sinn und die Notwendigkeit der Reproduktion ist zumindest seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten gleich aktuell.

Christoph Szalay, HURT

h.schoenauer - 17.09.2025

Christoph Szalay, HURTIn goldenen Lettern prangt ein magischer Begriff vom Buchdeckel: HURT. In einer ersten Übersetzung stellt man sich etwas mit Verletzung und Schmerz vor. Und später wird klar, dass es sich um einen Zustand der Trance und der Körperverletzung handelt, wie er beispielsweise während eines Berglaufs auftreten kann.

Christoph Szalay stellt mit Hurt eine Geschichte des Heran-Tastens an ultimative Grenzen vor. Dabei beginnt das Protokoll recht verheißungsvoll: „der erste Blick des Tages in den Himmel, um zu sehen, ob er trägt“. (10)

Angelika Stumvoll, Die Silbentreppe

h.schoenauer - 10.09.2025

Angelika Stumvoll, Die SilbentreppeDie Silbentreppe spricht quasi als einzelnes Wort alle Sinne an. Auf dem poetischen Bildschirm der Lektüre sehen wir eine silberne Glitzershow, auf der die Gefühlskristalle zu flirren beginnen, während sie zu uns herabsteigen. Als Graphik nimmt die Silbentreppe einen graphitenen Glanz an und schwärmt über den Seiten aus. Und als Gedicht schließlich beginnen die Silben zu klirren wie ein Windspiel im Morgenlicht.

Angelika Stumvoll arrangiert Gedichte und Bilder in Blöcken, wobei sich die Struktur sowohl der Bilder als auch der Gedichte zunehmend verdichtet. Öfters sind Texte zuerst als Schriftbild eines Gedichtes zu sehen, in einem nächsten Block taucht dieses Gedicht dann als „graphische Skulptur“ auf, wie etwa das Titel gebende Silbentreppe. Aus dieser Gedicht-Graphik-Komposition lässt sich das Grundkonzept für die Anordnung von Silben und Silben-Pixeln herauslesen.

Franzobel, Oberösterrrrreich

h.schoenauer - 01.09.2025

Franzobel, OberösterrrrreichDas föderalistische System Österreichs bringt es mit sich, dass in der Literatur die Bundesländer schon seit Jahren in einem heimlichen Wettbewerb stehen, wer den groteskesten „Bundesländerroman“ zustande bringt. Dabei ist der Bundesländerroman zu einem eigenen Genre geworden, in dem sich ähnlich wie im Landkrimi eine Weltdramaturgie mit regionalen Absonderlichkeiten schmückt.

Was für die Steiermark Reinhard P. Grubers „Hödelmoser“, für Tirol „Der Schluiferer“, für Kärnten Werner Koflers „Guggile“ ist für Oberösterreich das gleichnamige Heimatbuch von Franzobel, freilich scharf mit fünffachem R geschrieben.

Stefan Schmitzer, loop garou

h.schoenauer - 27.08.2025

Stefan Schmitzer, loop garouLoop ist beim ersten Hinhören ein Begriff, bei dem es drunter und drüber geht wie in der sprichwörtlichen Achterbahn. Tatsächlich gibt es eine Achterbahn in Belgien mit dem Namen Loop Garou. Im Allgemeinen bedeutet der Begriff freilich Werwolf, was genauso magisch mehrdeutig ist wie Loop.

Stefan Schmitzer greift für seine Textsammlung auf zwei antike Verfahrensweisen zurück, die Sicht auf die Welt zu erweitern. Es sind dies die Genres Invokation, was man mit Anrufung übersetzen könnte, und Katabasis, was wörtlich Hinabsteigung bedeutet.

Bettina Maria König, Alma oder Wie ich lernte, die Liebe zu verstehen

h.schoenauer - 30.07.2025

bettina maria könig, almaEine ironische Anspielung auf den Kubrick-Film „Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964) liegt in der Luft, womit die Liebe etwas gefährlich Abschreckendes wäre wie die Atombombe im Kalten Krieg.

Bettina Maria König entschärft diese Vorstellung mit einer Hinwendung „an alle, die noch an die große Liebe glauben“. Und die Ich-Erzählerin Alma erzählt vor allem romantisch-skurrile Begebenheiten mit Männern, die ein wenig an dem magischen Monster Liebe zu kratzen wagen, es aber dann doch nicht schaffen, mit der Erzählerin eine zufriedenstellende Beziehung auf die Beine zu stellen.

Ein Roman über die Liebe ist dazu da, die Lesenden glücklich zu machen, nicht die Heldin. Und dieses Lese-Glück tritt ein
  a) als Liebesgeschichte,
  b) als ironische Selbstreflexion,
  c) als angewandte Weltliteratur vom Schlage einer Jane Austen (1775-1817).

Simon Konttas, Wege der Schickung

h.schoenauer - 21.07.2025

Simon Konttas, Wege der SchickungWelches Werkzeug passt zu welchem Kunstwerk? – Wenn Literatur als Kunstwerk die Gegenwart erhellen soll, braucht es auch einen Blick auf das Genre, das als Medium diese Gegenwart betreut.

Simon Konttas blickt mit seinen 21 Sonetten einerseits auf ein unerschöpfliches Thema wie die „Schickung“, andererseits gilt sein Augenmerk dem Genre Sonett, ob es auch noch verlässlich ist, um uns Entscheidendes zu erzählen.

Waltraud Mittich, Hierorts.Bleiben

h.schoenauer - 16.07.2025

Waltraud Mittich, Hierorts.BleibenSelbst der rastlose Überflug durch Zeit und Raum hat im Augenblick seiner Gegenwart fixe Koordinaten, die eine „Heimat“ beschreiben. Geprägt ist dieser Augenblick durch dieses magisch zusammengeschmolzene Schlüsselwort „Hierorts.Bleiben.“

Waltraud Mittich benützt „Hierorts.Bleiben“ als Daumenabdruck auf einer Landkarte der Erinnerung. Als Erzählerin fungiert ein im Jetzt schreibendes Kind, das vielleicht in den 1950er Jahren in einer Wiese bei Toblach liegt und die Familiengeschichte als bunte Schmetterlinge über den Handrücken flattern lässt.