Heinz Janisch, Das Buch der Anfänge
„Ein geheimnisvolles Raumschiff, das über die Wiese schwebt, ein Baum, der plötzlich davonläuft, ein Haus, das zu sprechen beginnt, eine Katze, die sich verwandelt … In diesem Buch warten 33 Anfänge darauf, weitergedacht zu werden. Jedes Bild, jede Zeile ist eine Einladung, ins Schreiben und Erzählen, ins Fabulieren und Fantasieren zu kommen.“
Heinz Janisch fordert in seinem Kinderbuch die jungen Leserinnen und Leser mit außergewöhnlichen Anfangssätzen zum Erzählen und Erfinden von Geschichten auf. Auch Michael Roher antwortet mit seinen erzählenden Illustrationen und lädt ebenfalls zum Geschichtenerzählen ein.
„Mein Drachen war etwas Besonderes. Wendiger als ein Falke, stärker als ein Adler und schillernder als ein Eisvogel. Er beherrschte den Himmel. Er war mehr als nur ein Drachen: Er war ein Himmelskrieger. Ein Patang. Die Sonne war gerade erst aufgegangen, und über der Wüste flirrte die Hitze. Ich saß so bequem wie irgend möglich im Schatten der raschelnden Blätter unseres großen alten Feigenbaums neben dem aus Steinen aufgetürmten Schrein meiner Eltern.“ (S. 13)
„Alles beginnt mit einer unverhofften Idee. Ein Knistern. Einer Laune der Gedanken. Fabelwesen! Jeder hat schon mal von ihnen gehört, sei es in Geschichten, Büchern oder einem der zahlreichen Filme, in denen sie mitspielen. Doch was wäre, so frage ich mich, wenn sie mehr als das Resultat menschlicher Vorstellungskraft sind? Mehr als Feuer speiende Ungetüme oder schattenhaften Traumgestalten aus Mythen und Legenden? Wäre diese Möglichkeit es dann nicht wert, ihr nachzugehen?“ (S. 9)
„Mein Blick fällt auf einen schmalen Jungen in Hosenträgern, der unten am Geländer lehnt. Die Hände tief in die Taschen seiner Kniebundhose geschoben, schaut er mich direkt an. Als sich unsere Blicke treffen, legt er den Kopf kaum merklich schief. Eine blonde Strähne rutscht unter seiner Schiebermütze hervor und fällt in sein Gesicht. Und dann lächelt er.“ (S. 12)
„In Nordeland war Harald ein Retter. Ein Befreier und Kämpfer für die Schwachen. Ich hatte seine guten Taten mit eigenen Augen gesehen. Ich verdankte ihm mein Leben, wie so viele andere, die ihm dienten. Doch er war weder Held noch Schurke. Nur ein Mensch, und die Entscheidungen eines Menschen sind nie völlig selbstlos, schon gar nicht die eines Menschen, der mit einem kleinen Jarlstum angefangen und sich den Weg zur Spitze als König erkämpft hatte.“ (S. 17)
„Meine Eltern treiben Geschäfte mit dem Tod. Genauer gesagt besitzen sie ein bescheidenes Bestattungsunternehmen in Alderley, dort, wo wir wohnen. Mit der Kutsche liegt es eine halbe Tagesreise von Bristol entfernt. Pa ist Möbeltischler von Beruf und hat begonnen schlichte Särge zu fertigen. Mama kümmert sich um die Aufbahrung der Leichen. »Die Toten können keinem mehr schaden«, bemerkt sie gern.“ (S. 11)
„»Mädels, mein Name ist Marsyas Blackgate. Ich würde euch beide gern anheuern, damit ihr euch als meine Enkelinnen ausgebt, und zwar bei einer Abendgesellschaft auf Hegemony Manor ... Kennt ihr das? Es liegt gleich außerhalb von Wood Rose.« Wren fallen fast die Augen aus dem Kopf. »Das Hegemony Manor? Natürlich kennen wir das! Gotische Perfektion auf einem Hügel, mit Türmchen, Erkern und der ganzen morbiden Wednesday Addams-Stimmung. Unsere Mutter war ganz verrückt danach.«“ (S. 11)
„Durch die Eisblume am Fenster fiel schwach das Mondlicht auf Eliot, der warm eingemummelt unter seinem Federbett lag und tief schlief. Hilarius Winterbird strich ihm vorsichtig eine widerspenstige Haarsträhne aus dem schmalen Gesicht. Noch deutete nichts darauf hin, dass dieser Tag ihr Leben für immer verändern würde – seines und das von Eliot Holtby.“ (S. 11)
„Warum hast du mich in diese Welt zurückgerufen?, fragte er, als er wieder aus dem Dunkel ins Wachsein gezogen wurde. Obwohl er keinen Körper aus Fleisch und Blut hatte, peinigte ihn immer noch Schmerz, den er mit dem Leben selbst hinter sich gelassen zu haben glaubte, und quälten ihn Gedanken, die nicht von ihm weichen wollten. Warum hast du mich aus dem seligen Vergessen gezerrt? Und wie übst du solche Macht, aus, die Bande des Todes selbst zu zerreißen? Stell keine Fragen, Hakatri vom Haus der Tanzenden Jahre, beschied ihn die Stimme von Dreien. Du bist gerufen worden, weil nur du tun kannst, was getan werden muss.“ (S. 37)
„Von einer Sekunde auf die andere war es dunkel. Die sechs Probanden hörten, wie sich der Schlüssel im Schloss hinter ihnen drehte. Dann war es totenstill. Marc versuchte die Tür wieder aufzudrücken. »Die hat uns echt eingesperrt. Kackdreist.« Wieder Stille. Sarah hörte Emma neben sich schwer atmen. Josh sagte: »Stunde Null. Das bezeichnet die Stunde nach dem Zweiten Weltkrieg. Sechzig Millionen Menschen waren gestorben, danach mussten sich die Deutschen die Zivilisation erst wieder aus der Dunkelheit zurückholen.«“ (S. 13)