Friederike Schwab, Nora. Ein Tanz
In der Literatur schaffen es nur wenige Titel, dass schon bei ihrer Erwähnung sofort ein Stück Lebensprogramm aufpoppt. „Faust“, „Das Schloss“, „Verstörung“ lassen nicht nur einen Text in der Lese-Erinnerung hochschnellen, sie zeigen in einem einzigen Aufblitzen Helden, die um ihr Schicksal ringen. Aus feministischer Sicht sind solche Highlights etwa „Madame Bovary“, „Pippi Langstrumpf“ oder eben „Nora“.
Friederike Schwab erzählt mit ihrem Roman „Nora. Ein Tanz“ die Biographie einer Kostüm-Künstlerin, die Geschichte einer Tanzpremiere in einer Kleinstadt, und die Unmöglichkeit, den Kopf und den Körper ein Leben lang so geschickt zu verwenden, dass sie sich nicht in die Quere kommen.
„Es war ein grauer Tag anfangs Januar. Ein Weihnachtsbaum stand allein am Straßenrand. Er wunderte sich, dass niemand ihn anschaute. Brian wunderte sich auch. »Keine Angst, lieber Baum. Ich kümmere mich um dich – das verspreche ich dir.«“
Meisterliche Gedichte lassen nicht spüren, dass hinter ihnen eine Theorie steckt. Dabei trifft die lyrische Erfahrung von Jahrhunderten auf die Bilder aus der Gegenwart, und niemand kann sich die Gedichte anders vorstellen, als dass sie eben in dieser Gestalt formuliert sind.
„»Als du mir erzählt hast, du würdest dich als Katze in einer Welt von Mäusen sehen ... weißt du, da dachte ich, du könntest so jemand sein, Florence. So ein Mensch, den wir hier im PATHway-Institut suchen. Nach allem, was wir als Gesellschaft durchgemacht haben – den Zusammenbruch unserer Währung, unserer juristischen Einrichtungen, unserer Regierung und dann noch die Religionskriege –, glaube ich, dass wir mehr Katzen und weniger Mäuse brauchen.«“ (S. 30)
Als hätten es die Vorfahren geahnt, dass es einmal das Fernsehen gibt, haben sie schon in der Steinzeit damit begonnen, eigenwillige Gestalten und Tänze zu entwickeln. Nach fünfzig Jahren Fernsehen gibt es keinen Flecken Welt mehr, der nicht unter dem Argus-Auge von Ethnologen und Volkskundlern abgefilmt und zu einem prächtigen Bildschirmereignis gemacht worden wäre.
„Sein Fahrzeug war zerbeult und zerkratzt, als hätten hundert große Bären mit ihren Tatzen darauf eingeschlagen, aber er brachte auch außergewöhnliche Neuigkeiten – er hatte entdeckt, dass im Blut dieser eigenartigen Scheusale aus dem Hinterland, die sich selbst als Wildes Volk bezeichneten, Sternengold versteckt war.“ (S. 12)
Im Schrecken dient das Rufzeichen als kurzes Atemholen, um die Dimension des Desasters für einen Augenblick in den Griff zu bekommen. Pandemie! (mit Rufzeichen) entspricht dem Pest! im Mittelalter, oder auch dem Alarm Feuer!, der in allen Sprachen wirkt.
„An langen Winterabenden, wenn der Schnee sich um die Häuser türmte, saßen die Leute aus dem Dorf am Ofen zusammen und erzählten. Auch Nora lauschte ihren Geschichten. Manchmal erzählten sie vom Großen Bären. Dann wurde es ganz still.“
Warum sind manche Romane gegliedert und andere eine einzige Textwurst? – Beides zeigt das Ringen der Autoren um das Publikum. Manche versteigen sich dabei in Gegenden, wo es nichts mehr zu erklären, deuten oder gliedern gibt. Nicht so beim „Wal“, hier wird das Unbeschreibliche in ein überschaubares Erzählkonzept gegossen.
„Manche Hexen und Zauberer haben eine Affinität für Wettermagie oder für Verwandlungszauber oder für fantastische magische Kampfkünste wie unser guter Orion. Ich habe eine Affinität für Massenvernichtung. Das ist natürlich alles die Schuld meiner Mum, genau wie mein dämlicher Name.“ (S. 12)