Lesen von Kinder- und Jugendliteratur im Unterricht

lesendes kindLesen kann heute nicht mehr als selbstverständlicher Teil der privaten Freizeitgestaltung betrachtet werden. Das Internet, PC-Spiele, Fernsehen u.a. sind zu einer übermächtigen Konkurrenz für das Lesen geworden. Hier lassen sich Erfolgs- und Glücksmomenten spielerisch und mit weit weniger Mühe als beim Lesen erleben.

Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Kinder aus lesefernen Elternhäusern kommen, in denen oft keine Lesesozialisation mehr stattfindet, bleibt das private Lesen oft auf ein Minimum beschränkt.

Lese-Studien zeigen, dass der Literaturunterricht in der Schule für viele Kinder die einzige Gelegenheit ist, ein Buch zu lesen. Der Schulunterricht erhält damit eine ganz besondere Bedeutung: nämlich Kinder und Jugendliche überhaupt für Bücher und für das Lesen zu interessieren.

Umgekehrt bedeutet dieser Umstand aber auch, dass Lehrer, wenn es um das Lesen in der Schule geht, immer weniger auf Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen mit Büchern zurückgreifen können. Die Erfahrungen der einzelnen Schülerinnen und Schüler ist mitunter so inhomogen, dass das Lesen einer gemeinsamen Lektüre im Unterricht nicht mehr funktioniert. Zu unterschiedlich sind die Leseerfahrungen und Leservoraussetzungen einzelner Kinder und Jugendlicher.

Unterschiedliches Leseverhalten

In der Lesepraxis von Kindern und Jugendlichen gibt es bestimmte Faktoren, die sich deutlich erkennen lassen:

Unterschiede beim Leseverhalten von Buben und Mädchen:
Buben und Mädchen zeigen eine deutlich unterschiedliche Motivation beim Lesen, dabei verweigern sich Buben dem Lesen deutlich häufiger als Mädchen.

Das Alter:
Zwischen der letzten Volksschulklasse und dem Ende der Pflichtschulzeit geht das Lesen von Büchern sowohl bei Buben als auch bei Mädchen deutlich zurück. 15-Jährige lesen durchschnittlich 2 Stunden weniger als 12-Jährige und es macht ihnen auch deutlich weniger Spaß.

Die soziale Schicht:
Der Stellenwert, den Kinder dem Lesen geben, zeigt deutlich erkennbare Unterschiede nach ihrer sozialen Herkunft. So verbinden Eltern aus bildungsfernen Schichten mit dem Lesen sehr oft nur die Schullektüre. Ihnen fehlen eigene Erfahrungen mit lustvollem Lesen, die sie an ihre Kinder weitergeben können.

Die Muttersprache:
Auch fremdsprachige Kinder und Jugendliche lesen durchschnittlich weniger und mit geringerer Motivation als deutschsprachige Kinder und Jugendliche.

Bildung:
Mit dem Bildungsstand steigt auch die Lust zu lesen. Bei Gymnasiasten liest ca. die Hälfte mehrmals pro Woche auch in ihrer Freizeit in einem Buch, während es bei den anderen Schülern ist nur ca. ein Viertel ist. Unter diesen Voraussetzungen steht im Literaturunterricht nicht mehr das ästhetisch interpretierende Analysieren von Texten im Mittelpunkt. Vielmehr geht es darum, bei vielen Schülern stabile Lesegewohnheiten und ein gefestigtes Leseverhalten aufzubauen. Zur Lesemotivation wird heute vermehrt Kinder- und Jugendliteratur in den Unterricht einbezogenen.

Klassenlektüre

Die Klassenlektüre mit einem gemeinsamen ausgewählten oder vorgeschlagenen Buch bietet zahlreiche kommunikative Möglichkeiten und verschiedene Methoden helfen den Inhalt zu erarbeiten, zu erfassen und zu sichern.

Dabei muss aber berücksichtigt werden, wie homogen oder heterogen sich die Lesekompetenz der einzelnen Schüler zusammensetzt. Ist es möglich, auch lese- und literaturferne Schülerinnen und Schüler in das gemeinsame Lesen des Literaturunterrichts zu integrieren?

klassenlektüre
Das Lesen von Kinder- und Jugendliteratur im Unterricht eröffnet zahlreiche
Mögllichkeiten der Leseförderung und der Auseinandersetzung mit Literatur.

Foto: Markt-Huter

 

Bei großen Unterschieden bei der Lesekompetenz bietet sich heute auch die Möglichkeit, Bücher in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen zu verwenden. So gibt es z.B. Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ oder Louis Sachars Jugendbuch „Löcher“ sowohl als Originalausgabe als auch überarbeitet in der Reihe „Einfach lesen!“. Damit können Kinder und Jugendlich mit unterschiedlichem Leseniveau trotzdem den gleichen Inhalt lesen und die gleichen Aufgaben bearbeiten.

Manche Lesepädagogen sprechen sich hingegen dafür aus, bei großen Unterschieden bei der Lesekompetenz und der Lesesozialisation, die Form der gemeinsamen Klassenlektüre ganz aufzugeben. Sie plädieren auf eine individualisierte Lektüre zurückzugreifen und damit gezielter eine literarische Sozialisation zu fördern.

Individualisiertes Lesen

Vor allem für den lesefördernden Unterricht bzw. Literaturunterricht in der nichtgymnasialen Sekundarstufe I scheint sich eine Individualisierung des Lesens besonders anzubieten, bei der gute und schlechte Leserinnen und Leser gleichermaßen profitieren. Hier orientiert sich das Lesen nicht am Durchschnittsniveau der Schüler, sondern am individuellen Niveau und Interesse der einzelnen Schüler.

Kombiniert lässt sich das individualisierte Lesen mit einem Konzept der stillen Lesezeiten, schwache Leserinnen und Leser beim eigenständigen Lesen unterstützt werden können. Dazu müssen die Kinder und Jugendlichen aber lernen, Verantwortung für den eigenen Leseprozess zu übernehmen. Dazu gehört es realistische Ziele in Bezug auf Umfang und Anspruchsniveau der Lektüre setzen und selbst zu überprüfen, ob das Gelesene auch verstanden worden ist.

Festgelegte, regelmäßige Lesezeiten in der Woche, in denen alle Schüler für sich selbst ein Buch lesen, fördern die Entwicklung einer selbständigen Routine. Beim Lesen selbst können die Jugendlichen durch verschiedenen Maßnahmen unterstützt werden. Während alle lesen, führt die Lehrperson mit einzelnen Jugendlichen ein Lehrer-Schüler-Gespräch. Zudem stellt jede Woche ein Schüler den anderen sein aktuelles Buch vor und berichtet über seine Leseerlebnisse.

Zur Textauswahl:

Welche Lektüre soll nun gelesen werden? Soll es Einschränkungen bei den Texten geben? Dazu müssen zunächst die unterschiedlichen Zielperspektiven miteinander abgewogen werden. Für Schüler mit geringen Sprachkenntnissen, Lesedefiziten und geringer Lesemotivation muss die Schwelle für den Einstieg ins Lesen so niedrig wie möglich liegen. Eine völlige Beliebigkeit des Lesestoffs erscheint aber auch nicht sinnvoll, weil die Schülerinnen und Schüler langfristig Erfahrungen mit den verschiedensten literarischen Stoffen sammeln und lernen sollen, kompetent damit umzugehen. Dabei sollen spezifische thematische Interessen wie z.B. Sachbücher für Jungen trotzdem berücksichtigt werden.

Bei der Auswahl von Büchern für den Leseunterricht kann es hilfreich, Bücherkisten zusammen zu stellen, die nach unterschiedlichen Genres und Schwierigkeitsniveaus eingeteilt sind. Diese Kategorien sollten von den Schülern im Lauf der Zeit gewechselt werden, um Erfahrungen mit unterschiedlichen Textsorten zu machen.

Bsp. für Genres:

  • Wahre Geschichten
  • Fantasy & Märchen
  • Abenteuer & Unheimliches
  • Sachliteratur & Zeitschriften
  • Serienliteratur
  • Comics, Bücher zum Fernsehen

Schwierigkeitsgrad:

Geeignete Texte für schwache Leser zu finden ist nicht leicht. Heute bieten eigene Verlage, Bücher speziell für schwache Leser an

  • K.L.A.R. – Taschenbuch, Verlag an der Ruhr
  • short & easy, Ravensburger Taschenbuchverlag
  • einfach lesen! Leseprojekte, Cornelsen
  • Spass am Lesen Verlag

Diese Bücher bieten zahlreiche Vorteile:

  • Sie sind leicht lesbar, knüpfen aber an ein altersgemäßes Leseinteresse an.
  • Sie sind in einer leicht lesbaren Schrift verfasst.
  • Die Texte sind in kurze Abschnitte untergliedert.
  • Das Textverständnis wird im Allgemeinen durch Illustrationen erleichtert.
  • Ansprechende Cover versuchen das Leseinteresse anzuregen.
  • Im Rahmen einer gezielten Leseanimation können einige der ausgewählten Titel beispielsweise für die Zusammenstellung einer „Leicht-Lese-Kiste“ genutzt werden.

Für schwächere Leser können aber auch Bücher für niedrigere Schulstufen verwendet werden, wofür sich vor allem im Sachbuchbereich zahlreiche auch für ältere Schüler geeignete Titel finden lassen.

Leseumgebung und Leseatmosphäre

Ein wichtiger Faktor für das Lesen im Unterricht ist die Leseumgebung und Leseatmosphäre. Dazu gehört zunächst einmal von Seiten der Lehrer die Überzeugung, dass es zum Bildungsauftrag der Schule gehört, nicht nur die Steigerung der Lesekompetenz und die Entwicklung von Textverständnis zu fördern. Eine ebenso vordringliche Aufgabe muss es sein, eine dauerhafte Lesemotivation aufzubauen und die Fähigkeit zum Bücherlesen und zur Auseinandersetzung mit dem Gelesenen zu erweitern.

leseumgebung
Die richtige Leseumgebung und Leseatmosphäre spielt eine wichtige Rolle,
um ungestörtes und motiviertes Lesen im Unterricht zu ermöglichen.

Foto: Markt-Huter

 

Nicht weniger wichtig für das Lesen im Unterricht ist es, im Rahmen der schulischen Möglichkeiten, eine angenehme Leseumgebung und Leseatmosphäre zu schaffen. Es werden Leseräume benötigt, wo die Kinder weitgehend ungestört lesen können. Damit lassen sich auch soziale Lernziele vermitteln, wie Rücksichtnahme auf die Mitschüler.

Lesen – Schreiben – Sprechen

Leseportfolio

In der Fachdidaktik wird allgemein auf die wichtige Verbindung zwischen Lesen und Schreiben hingewiesen. Fast alle literaturdidaktischen Konzepte sind auf die Verbindung von Lesen und Schreiben ausgerichtet. Dabei soll im Anschluss an das Lesen ein Text, ein Lesetagebuch geschrieben, in dem die eigene Konstruktions- und Verstehensleistung artikuliert wird.

Regelmäßige Schüler-Lehrer-Gespräche bieten Schülern eine individuelle Aufmerksamkeit und Anteilnahme am Lesen und Lehrern eine Kontrollfunktion. Das Vorstellen des gelesenen Buches vor der Klasse fördert die Kommunikation mit anderen.

Das Schüler-Lehrergespräch sollte mindestens einmal im Monat mit jedem Kind durchgeführt werden, während die anderen Kinder lesen.

Dabei lässt sich die Leseflüssigkeit überprüfen. Dazu lesen die Schüler laut vor und der Lehrer protokolliert die Lesefehler, die er mit dem Kind bespricht. In einem Gespräch mit dem Schüler über den Inhalt, lässt sich erkennen, ob das Gelesene auch verstanden worden ist. Die Lehrer können den Kindern gezielt Anregungen und Hilfen für die Präsentation ihrer Lektüre und ihrer Leseerfahrungen bieten. Die Präsentation selbst soll bereits Wochen im Voraus festgelegt werden, damit sich das Kind langfristig darauf einstellen kann. Außerdem können die Kinder im Gespräche über Probleme bei der Lektüre reden und neue Ziele vereinbaren.

Anschlusskommunikation

Hier kann eine L ieblingstextstelle aus einem Buch vorgelesen oder aus der Erinnerung über das Buch erzählt werden. Dazu sollen die wichtigsten Charaktere des Buches beschrieben und die eigene Meinung des Schülers über die Figuren artikuliert werden.


Literaturtipps:
Ingrid Hintz, Das Lesetagebuch
Gina Weinkauff / Gabriele von Glasenapp, Kinder- und Jugendliteratur
Kaspar H. Spinner / Jan Standke (Hg.), Erzählende Kinder- und Jugendliteratur im Deutschunterricht
Dieter Wrobel, Individualisiertes Lesen
Christian Weißenburger, Helden lesen!
Carola Rieckmann, Eigenständiges Lesen

 

Andreas Markt-Huter, 26-09-2019
Titelbild: Tibs-Bilderdatenbank: Lisa Kaufmann/Sandra Florian

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