Früher soll es unter gebildeten Schichten lästige Kinder gegeben haben, die dem Hauslehrer oder der Gouvernante ein Loch in den Bauch gefragt haben sollen. Seit KI lösen die Kids unabhängig von ihrem sozialen Stand die Fragen mit einer App.
Rudyard Kipling hat sein Dschungelbuch wohl aus kolonialistisch-pädagogischen Gründen geschrieben, die Fauna des indischen Dschungels wurde straff anglisiert und mit Spielregeln der britischen Upperclass unterlegt. Geblieben ist ein Stoff, der sich scheinbar unverfänglich einsetzen lässt wie etwa Cäsars Gallischer Krieg, der aber den Nachteil hat, dass man die politische Komponente nie mehr aus dem Lesegedächtnis bekommt, wenn man einmal aufklärerisch damit abgeduscht worden ist.
Vier Erzählungen aus der Sammlung „Just So Stories for Little Children“ sind 1973 erschienen und anschließend vom legendären Lyriker Jürgen Becker übersetzt worden. Die surrealen Tier-Comics stammen von Étienne Delessert. In der aktuellen Auflage bei Sisyphus sind die vier Erzählungen als vier Erklärungen auf vier Fragen angeordnet.
- Wie der Leopard an seine Flecken kam (9)
- Wie das Elefantenkind zu seinem Rüssel kam (25)
- Wie der Wal an seinen Schlund kam (46)
- Wie das Gürteltier entstanden ist (56)
Bemerkenswert ist ein schnurrender Erzählton, bei dem man an eine Fernsehserie über Zoos denkt oder auch an die aufreizend weise Variante des gegenwärtigen US-Präsidenten. Dieser kommt einem leicht in den Sinn, weil der Inhalt der Botschaften gleichermaßen Fakt und Fake ist. Und diese präsidiale Mischung aus Flunkern und Einlullen liegt auch den vier Erzählungen zugrunde, wobei das angesprochene Kind neutral gegendert und pädagogisch sauber als Schätzchen angesprochen wird.
Den Erzählungen ist zudem eine Urfrage hinterlegt: Was ist authentisch und wie finde ich zu meiner eigenen Identität?
In einer Zeit, wo die Kids wöchentlich den App-Anbieter oder das Geschlecht ändern, ist es von Vorteil, wenn man sich zwischendurch Selbstbewusstsein einflößt, wie es eben die Tiere vor Urzeiten getan haben. In ihrem evolutionären Werdegang ist offensichtlich ein Gen eingebaut, wonach sie zu ihren Nasen, Halskrausen und Flecken stehen, egal wie das gängige Schönheitsideal gerade tickt.
In einer Zeit- und Ortslosen Dschungelszenerie, gespickt mit lyrischen Angaben wie „damals brauchte alles eine lange Zeit“ (10), kommen die Tiere zu ihren markanten Insignien, die sie als Vertreter einer bestimmten Gattung ausweisen.
Der Leopard erarbeitet sich seine Flecken im Disput mit Pavianen, die mit ihrem roten Hintern Furore machen, indem sie ständig paarungsbereit auf Krawall sind. Mit den Flecken gedenkt der Leopard ein etwas ruhigeres Leben zu führen, gut getarnt im Fleckengras und dennoch aufregend wie ein gescheckter Fußball.
Das Elefantenkind ist ursprünglich ohne Rüssel unterwegs, aber aus Neugierde steckt es seine Nase überall hinein. Aus so einer Wissenslücke muss es dann umständlich befreit werden, Kommilitonen ziehen so lange, bis die Nase ein Rüssel ist. Und siehe da, der Rüssel ist das ideale Schweizermesser für alle notwendigen Handgriffe im Dschungel.
Der Wal schwimmt das Areal auf der Seeseite ab und verzehrt dabei so alles, was ihm in den Schlund kommt. Ein verspeister Matrose hat Angst, dass kleine Kinder verschluckt werden könnten, und er baut deshalb ein Sicherheitsgitter in die Speiseröhre des Wals, ehe er sich wieder ausspeien lässt. Seither frisst der Wal nur gefilterte Sachen und verschont dadurch auch kleine Kinder.
Das Gürteltier schließlich geht eine Formkomposition zwischen Igel und Schildkröte ein, um die Vorteile beider Gattungen auf sich zu vereinen. Das Vermischen diverser Genpools lohnt sich also, um eine zumindest für Zoos taugliche Erscheinungsform zu finden.
Die Geschichten im Flunkerton zeigen vollstes Verständnis für das Kopfschütteln des angesprochenen Kindes. Aber die einzelnen Handlungsstränge werden umso glaubwürdiger, je verrückter sie erscheinen. Und wenn am Ende der Erzähler selbst nicht daran glaubt, ist das Entertainment vollkommen. Womit wieder eine Assoziation zum amerikanischen Präsidenten hergestellt ist, der sich als Entertainer und Märchenonkel geriert. Eine frühe Form der politischen Unterhaltung hat offensichtlich Rudyard Kipling gewählt.
Neuauflagen von Klassiker lassen sich nie unschuldig lesen, sie werden den Kontext ihrer Entstehung nicht los, wie auch die Leser längst ihre Unschuld verloren haben und dem Zeitgeist der Rezeption unterliegen.
Rudyard Kipling, Wie der Leopard zu seinen Flecken kam und andere Tiergeschichten. Ill. v. Étienne Delessert, übers. v. Jürgen Becker,
Klagenfurt: Sisyphus Verlag 2026, 80 Seiten, 7,00 €, ISBN 978-3-903622-05-0
Weiterführende Links:
Sisyphus Verlag: Rudyard Kipling, Wie der Leopard zu seinen Flecken kam und andere Tiergeschichten
Wikipedia: Rudyard Kipling
Wikipedia: Jürgen Becker
Wikipedia: Étienne Delessert
Helmuth Schönauer, 28-07-2026