Gesellschaft | Kultur

Thomas Pynchon, Die Versteigerung von No. 49

h.schoenauer - 22.01.2016

Romane über die bibliothekarische Lebensphilosophie sind weit häufiger, als man landläufig glaubt. Wo immer Nachrichten verwaltet, ausgehoben und in einen neuen Zusammenhang gesetzt werden müssen, sind bibliothekarische Hände im Spiel.

So handelt auch Thomas Pynchons „Versteigerung von Nr. 49“ als Klassiker der postmodernen Literatur letztlich vom Treiben und Getrieben-Werden jener Menschen, die mit Nachrichten zu tun haben.

Albert Ostermaier, Lenz im Libanon

h.schoenauer - 18.01.2016

Lenz im Gebirg gilt in der Literatur als der Inbegriff eines Helden, den es aus sich selbst hinausgetrieben hat und der ohne Koordinaten im Gelände in Aufwallung und Auflösung herumirrt. Das Wahnsinns-Genie Georg Büchner hat mit der Erzählung „Lenz“ 1835 dem Schriftsteller-Kollegen Jakob Michael Reinhold Lenz ein Denkmal gesetzt.

In welches Ambiente müsste sich heute ein Schriftsteller begeben, will er in einen ähnlichen Ausnahmezustand gelangen? - Albert Ostermaier lässt seinen Lenz der Gegenwart in einen Libanon reisen, der in Flammen steht. Schon im Flugzeug packt ihn jener Schwindel, den einst den Helden im Gebirge gepackt hat. Als er in Beirut landet, stellt er lapidar fest: „Diese Stadt ist gefährlich wie ich.“ (12)

Lilian Loke, Gold in den Straßen

andreas.markt-huter - 15.01.2016

„Jeder lebt seine Befindlichkeiten, zu was anderem ist der Mensch gar nicht fähig.“ (303)

Lilian Loke gelingt das schier Unfassbare: als emotionsgeladener Leser entwickelt man plötzlich Mitleid mit einem Immobilien-Makler, dem das Leben mehr oder weniger selbst verschuldet zwischen den Fingern zerrinnt. Held dieses Romans vom „Gold in den Straßen“ ist der Herr Meyer, der nur ganz selten mit dem Vornamen Thomas angesprochen wird, weil er alle Freundinnen, Partner und Fans strategisch zu vergraulen weiß.

Andreas Edmüller, Die Legende von der christlichen Moral

andreas.markt-huter - 13.01.2016

„Worum geht es in diesem Buch? Ich möchte zeigen, dass es keinen vernünftige Grund gibt, dem Christentum Kompetenz in moralischen Fragen zuzuschreiben.“ (7)

Während heute nur mehr die wenigsten Menschen davon ausgehen, dass die Bibel brauchbare Aussagen über die physikalische Beschaffenheit unserer Welt und Natur zu bieten hat, sind viele davon überzeugt, dass die christlichen Glaubensinhalte und die christliche Moral eine zentrale Orientierung zu den Fragen von Moral und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu bieten haben. Der Philosoph Andreas Edmüller sieht das anders und zeigt mit viel Akribie, dass es so etwas wie eine „christliche Moral“ gar nicht gibt und dem Christentum in Fragen der Moral keine Kompetenz zukommt.

Dieter Lenzen, Geliebt

h.schoenauer - 11.01.2016

Die statische und wie eine Wurstware gut abgehangene Form der Liebe ist das „geliebt“, das wie „geselcht“ klingt.

Und tatsächlich haben die Figuren in Dieter Lenzens Erzählband „Geliebt“ das meiste im Liebeswesen schon hinter sich. Manche sortieren noch, andere überlegen, wie sie die Sache beenden könnten, die dritte Gruppe schaut sich selber beim Zuschauen zu.

Friedrich Hahn, Der Setzkasten oder Erwin und die halben Luftballons

h.schoenauer - 08.01.2016

Es müssen nicht immer für die Öffentlichkeit taugliche Heroen sein, die einen gewissen Lebensstil zur Schau tragen, die wahren Lebenskonzepte spielen sich meist ohne großen Tamtam auf kleinstem Raum mit wenig Personal ab.

Friedrich Hahn stellt anhand seines Protagonisten „Einer“ einen Lebensraum auf kleinstem Raum vor, der durchaus geeignet ist, als Mini-Trophäe in einem Setzkasten ausgestellt zu werden. Einer hat keinen Vornamen und keine Kindheit, er ist in allen Dingen ein unbeschriebenes Blatt und deshalb bestens als Partner für Gisela geeignet. Gisela hat eher zu viel erlebt, eine missglückte Schwangerschaft beispielsweise, ungelenken Umgang mit Männern und einen am Konsum orientierten Zugang zur Kunst.

Benjamin Stein, Ein anderes Blau

h.schoenauer - 06.01.2016

Die Absichten der Literatur sind mannigfaltig, eine Besonderheit ist freilich, dass sie sich stets selbst analysiert und überprüft, ob die angestrebten Absichten auch erreicht werden. Die Literatur funktioniert dabei wie eine sich selbst reinigende Pfanne.

Benjamin Stein liegt viel daran, nicht nur eine ungewöhnliche Prosa zu erzählen sondern auch deren Entstehungs- und Wirkungsgeschichte. Die Lektüre von „Ein anderes Blau“ sollte man daher wie alle Bücher, die eines haben, mit dem Nachwort beginnen. Der Plan nach einem Erzählen der individuellen Wahrheit geht auf die Erfahrung in der DDR zurück, wo die Wahrnehmung und Wahrheit öffentlich genormt stattfindet.

Thomas Sautner, Die Älteste

h.schoenauer - 01.01.2016

Wenn wir der Literatur selbstverständlich Kräfte zuschreiben, die weit in unser logisches, biologisches und historisches Bewusstsein hineinwirken, dann dürfen wir auch in der Medizin ab und zu Kräfte ins Spiel bringen, die über das Zell-logische Verhalten unseres Körpers hinausgehen.

Thomas Sautner stellt in seinem Roman „Die Älteste“ eine Frau mit magischen Kräften vor, die zumindest den Anhängern der medizinischen Alltagskultur den Mund offen stehen macht. Die Ich-Erzählerin Sophie hat ein erfolgreiches, Termin-dichtes Leben hinter sich, als ihr die Diagnose ausgehändigt wird: Kopftumor. Als die üblichen Therapien keinen Erfolg zeitigen, geht Sophie einem Gerücht nach. Im Waldviertel soll in einem Wohnwagen eine seltsame Alte leben, die ungewöhnliche Heilmethoden anwendet.

Christian Futscher, Frau Grete und der Hang zum Schönen

h.schoenauer - 28.12.2015

Der Hang zum Schönen ist meist eine elegante Umschreibung für Kitsch. Wenn die Volksseele auf die Ästhetik stößt, gibt es oft seltsame Bremsspuren, die dann bodenständig genannt werden.

Christian Futscher lässt in seinem Roman über die jüngere Zeitgeschichte Österreichs eine gewisse Frau Grete auftreten, die im ersten Teil erzählt, wie sie das Leben der Kriegs- und Nachkriegszeit gemeistert hat, und die im zweiten Teil als Ruheständlerin ihr Leben noch einmal erzählt, als Bestätigung, dass sie alles richtig gemacht hat.

Jerry Brotton, Weltkarten

andreas.markt-huter - 21.12.2015

„Schon seit den vor etwa 40.000 Jahren entstandenen ersten Felsgravuren erstellte der Mensch Karten, um sich in seiner räumlichen Umgebung einzuordnen. Somit geht es neben der Orientierung immer auch um die Existenz selbst.“ (7)

Wie der Mensch die Welt betrachtet ist gleichzeitig auch ein Spiegel über den Bewusstseinstand der Menschheit selbst. In seinen Weltkarten drückt sich die Sicht des Menschen auf die Welt aus, auf die Stellung des Menschen in der Welt und schließlich auf das Wesen des Menschen selbst. So zeichnet eine Karte neben dem geographischen Lebensraum in einer tieferen Schicht gleichsam die Ideen- und Kulturgeschichte der Menschheit selbst.