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Gerda Sengstbratl, Ein Ich wächst in mir wie Gras …

h.schoenauer - 11.05.2026

Gerda Sengstbratl, Ein Ich wächst in mir wie Gras …Eine Autobiographie wird in jenem Augenblick zur Literatur, in dem sie für eine größere Gruppe passt, die sich damit identifizieren kann. Im Idealfall passt das vorgestellte Schicksal gar auf eine ganze Generation.

Gerda Sengstbratl nimmt für ihren Roman einen Cartoon-ähnlichen Titel: „Ein Ich wächst in mir wie Gras, wie Veilchen, wie Baum, wie Wald.“ Nach dieser Melodie sind oft Bilderbücher gestrickt, wenn sie in griffigen Tafelbildern das anwachsende Ich zu einem einzigartigen Erlebnis-Konglomerat erweitern.

Jack London, Das Erdbeben in San Francisco

h.schoenauer - 06.05.2026

Jack London, Das Erdbeben in San Francisco„Nach dem Erdbeben bat man Mr. Jack London, der vierzig Meilen nördlich von San Francisco lebte, zum Unglücksort zu reisen und einen Bericht über das, was er sah, zu verfassen.“

Das desaströse Erdbeben in San Francisco 1906 ist auch nach 120 Jahren quasi im Bewusstsein vieler Menschen, weil es durch die Berichte des Autors Jack London unmittelbar nach seinem Auftreten aus der Erdkruste in Literatur verwandelt worden ist.

Stefan Schmitzer, space waste

h.schoenauer - 04.05.2026

Stefan Schmitzer, space wasteJede Epoche stellt vor allem die Glanzlichter als Errungenschaften ins Licht der Geschichte, Aufgabe der zeitgenössischen Kunst ist es dann immer, die Schattenseiten und Hinterhöfe dieser Glanzlichter zu dokumentieren.

Stefan Schmitzer widmet sich in seinem Langgedicht „space waste“ dem Gegenteil des Urknalls, nämlich jenem Geräusch, das ein Mistsack macht, wenn er von der Baggerschaufel fällt. In jedem lyrischen Gehör beginnt sich bei der Beschreibung der Szene ein Geräusch aufzubauen, in dem sich vielleicht die Erfahrungen des Weltalls äußern, wenn sie auf einen jähen Augenblick treffen.

Luise Schorn-Schütte, Die Teilung der Macht

Andreas Markt-Huter - 27.04.2026

Luise Schorn-Schütte, Die Teilung der Macht„Europa war ein Kontinent der Regionen, und es war zugleich Teil einer globalen Ordnung. Diese Charakterisierung benennt eine Grundspannung, die die europäische Geschichte auch über das 18. Jahrhundert hinaus begleitete. Regionale Vielfalt ist als Sprachenvielfalt, als Vielfalt religiöser Überzeugungen, als Vielfalt politischer und wirtschaftlicher Ordnungen und als kulturelle Vielfalt stets existent geblieben.“ (S. 9)

Mit der Veränderung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse verändert sich auch der Blickwinkel auf die Vergangenheit sowie zeitgebundene die Einordnung und Interpretation historischer Ereignisse und Verläufe. Luise Schorn-Schütte versucht dem „Modernisierungspanorama“, dem Bild vom modernen Westen und rückständigen Osten das Historiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts über die Frühe Neuzeit Europas gezeichnet hatten, ein differenzierteres Bild entgegenzusetzen.

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht

h.schoenauer - 24.04.2026

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht„Meine Mandantin wird beschuldigt, den Ex-Freund ihrer Schwester getötet zu haben. Tatsächlich wird sie nicht nur beschuldigt, sie war es.“ (46)

Gianrico Carofiglio lässt seine Romane meist aus der Sicht eines grüblerischen Anwalts erzählen, wodurch die Ich-Position fiktional seiner Autobiographie sehr nahekommt, immerhin fußt auch sein literarischer Ruf auf der Tätigkeit eines erfolgreichen Antimafia-Anwalts in der apulischen Hauptstadt Bari.

Catherine Nixey, Ketzer

Andreas Markt-Huter - 20.04.2026

Catherine Nixey, Ketzer„Dieses Buch trägt den Titel Ketzer, dabei galten nicht alle Glaubensvorstellungen, die hierin dargelegt werden, als ketzerisch – ganz im Gegenteil. Einige waren schismatisch, andere wurden lediglich missbilligt – und viele der überraschenden Geschichten, von denen hier berichtet wird, waren (auch wenn die Kirche das mitunter nicht allzu gern sah) jahrhundertelang ein akzeptierter Teil des christlichen Kultes.“ (S. 25)

Catherine Nixey geht in ihrem Sachbuch den zahlreichen Überlieferungen und Vorstellungen über das Leben Jesu in den Anfängen des Christentums nach, die mit der Kanonisierung der Glaubensvorstellungen durch die Kirche im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten oder Verloren gegangen sind. Die Auswahl reicht dabei von extremen Darstellungen, in denen sich die Figur Jesu kaum wiedererkennen lässt bis hin zu Vorstellungen, über die in heftigen Auseinandersetzungen und Konzilien gestritten worden ist.

Paul Sailer-Wlasits, Demagogie

Andreas Markt-Huter - 16.04.2026

Paul Sailer-Wlasits, DemagogieSprache als Waffe: Wie Demagogen den Diskurs vergiften. Es gibt Sachbücher, die vielfach polemisch verwendete Schlagwörter in einen präzisen Begriff überführen. Demagogie von Paul Sailer-Wlasits gehört in diese Kategorie. 

Die gegenwärtige politische Tonlage ist nicht nur rauer geworden – sie hat sich grundsätzlich verwandelt: ein ständiges Wechselspiel zwischen Angriff und Gegenangriff. Worte, die früher Empörung ausgelöst hätten, gleiten heute nahezu beiläufig durch Debattenräume, als wären sie längst Teil des politischen Inventars. Doch die sprachliche Eskalation wirkt wie ein Verstärker und verschiebt die Grenzen des Sagbaren. Am Ende verändert sie nicht nur, wie Politik wahrgenommen wird, sondern auch, wie Menschen miteinander sprechen – im Parlament, im Netz, in unterschiedlichsten Gemeinschaften.

Viktor Baumgartner / Alexander Peer, Die Kunst des Überzeugens

h.schoenauer - 15.04.2026

Viktor Baumgartner / Alexander Peer, Die Kunst des ÜberzeugensSeit es Aufzeichnungen gibt, spielt die Rhetorik im Umgang der Menschen untereinander eine Rolle. Von den Tontafeln aufwärts bis hinein in die Welt der Apps gibt es jede Menge Tipps und Ratschläge, wie man mit guter Rhetorik überleben oder gar reüssieren kann. Das mündliche Handwerk ist seit Jahrtausenden mit einem verschriftlichten Regelwerk hinterlegt.

Während seiner Durchschnittsbiographie erlebt der User von Rhetorik alle paar Jahre ein Update, worin sich Klientel, Sprache und Rituale dem aktuellen Zeitgeist anpassen. Dabei entsteht der Zeitgeist aus Rhetorik und umgekehrt.

Norbert Gstrein, Im ersten Licht

h.schoenauer - 13.04.2026

Norbert Gstrein, Im ersten LichtLiebe, Unglück, Krieg und Frieden geschehen fürs erste einmal so vor sich hin und werden erst später benannt und eingeordnet. In der Literatur verwendet man dafür den Ausdruck „im ersten Licht“, worin etwas Frisches liegt wie die Bergkette bei Morgenlicht oder die Veranda im Strahl des Frühstückskusses.

Norbert Gstrein erzählt „Im ersten Licht“ vom vergangenen Jahrhundert, als erzählenden Lichtstrahl verwendet er einen gewissen Adrian, der pünktlich 1901 für das damals noch frische Jahrhundert geboren ist, und dem bald einmal der Erste Weltkrieg in die Biographie pfuscht. Um nicht einrücken zu müssen, schlägt ihm sein Vater, ein Sozialdemokrat und Briefträger, mit der Axt einen Hinkefuß mit der Bemerkung, „die da oben sollen sich im Krieg gefälligst selbst ausrotten“.

Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne

h.schoenauer - 08.04.2026

Dinçer Güçyeter, Fake Gucci-Jogginghose auf der LesebühneWenn ein Buchtitel mehrfach barock-verdreht aufs Cover springt, handelt es sich meist um eine sogenannte Literaturvorlesung. Dieses seltsame Genre ermöglicht es fiktional Arbeitenden, an der Uni akademisch aufzutreten, ohne sich wissenschaftlichen Kriterien aussetzen zu müssen. Eine gute Poesie-Vorlesung ist also eine gute Unterhaltung des akademischen Personals, das einmal freie Sätze denken darf wie sonst nicht einmal in Fußnoten.

Dinçer Güçyeter stülpt seine Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens unter den Titel „Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne“. Damit spielt er auf das Phänomen an, dass im Literatur- und Musikbetrieb, vor allem aber in der Pop-Kultur, der passende Code der Kleidung unerlässlich ist. Musterland für diesen Kult ist Deutschland, wo alles in Schubladen ordentlich abgelegt wird.