Franz Dodel, Nicht bei Trost. Mikrologien
Literatur ist nicht nur das fertige Ergebnis, das vielleicht als Buch-Kunstwerk vorliegt, Literatur kann auch zu einer Lebensform werden sowohl für den Produzenten als auch für den Rezipienten.
Franz Dodel arbeitet seit über einem Jahrzehnt bereits an einer Vermessung der Welt, der eine einfache Regel zugrunde liegt: Jeden Tag schreiben, das Poetisierte in Zeilen zu fünf und sieben Silben fassen. So steht die Welt mittlerweile beim vierten Band, der den Titel Mikrologien (Kleinigkeiten) ausgefasst hat, mehr ein Ordnungsprinzip als eine Inhaltsangabe.
Einem Kunstwerk ist es natürlich egal, ob man sich davor verneigt oder nicht, zwischendurch muss man einem Kunstwerk einfach aus emotionalen Gründen sagen, dass es gelungen ist. Und das sagt man auch der Autorin.
Noch mehr als bei üblichen Buchtiteln kommt es bei Gedichtbänden darauf an, im Titel bereits jene Poesie auszuleuchten, die in den Gedichten später aufgesucht wird.
Das Überraschende an Gedichten liegt knapp unter der Außenhaut der verwendeten Begriffe. Lyrik ist ja auch dazu da, Sprache auszuprobieren, einer extremen Laborsituation auszusetzen und erste Erfahrungswerte dieser getesteten Bedeutungen für den Alltagsbetrieb zu sammeln.
In der Literatur ist das Menschenfleisch unlösbar mit dem Rübezahl verknüpft, der in eine Hütte eindringt und die unsterblichen Worte ruft: Ich rieche, rieche Menschenfleisch!
Was bleibt an Nachbildern, wenn man schnell die Augen vor der Realität verschließt? - Es bleibt die Kindheit, der Acker, auf dem sich Pflanzen und Kinder tummeln, die Stube, die die Jahreszeiten hinaus sperrt, es bleiben zwei drei Schafe, die unvermittelt auf der Schreibtischplatte auftauchen.
Literatur entsteht durchaus aus den unsichtbaren Rissen, die durch jede Gesellschaft verlaufen und an denen sich der Feinfühlige ansiedelt, um zu überleben.
In der Literatur gibt es letztlich nur zwei Themen: Liebe und Tod. Wenn das Leben ausgeistert, fällt alles ab und diese beiden bleiben übrig.
Lyrik ist nicht nur der Text, der irgendwie zu den Leserinnen durchdringt, sondern vor allem das Ambiente, die Darbietungsform, das Weiße zwischen den Zeilen, das Haptische zwischen den Fingern, der Klang, der beim Umblättern entsteht.
Poetik-Vorlesungen dienen wie alle Vorlesungen vor allem dazu, dass sich der Vortragende klar über seinen Stoff wird. Das aufgefädelte Publikum ist dann meist als Ansporn zu sehen, die Sache halbwegs verständlich vorzutragen.