Stephen King, Hänsel und Gretel
„Es war einmal, lange, lange bevor die Großmutter deiner Großmutter geboren wurde, ein alter Besenbinder, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern, Hänsel und Gretel, am Rande eines großen düsteren Waldes lebte. Der Besenbinder war ein unbeschwerter Mann, seine Frau dagegen, die Stiefmutter der Kinder, ein Drachen.“
Stephen King kleidet das bekannte Kindermärchen der Gebrüder Grimm in ein neues, ganz eigenes Gewand, mit dem die düsteren Seiten der Geschichte noch einmal in einem ganz besonderen Licht erscheinen, was durch Maurice Sendaks ausdruckskräftige Illustrationen in all ihren Facetten unterstrichen wird.
„Nick stand in der voll besetzten U-Bahn, als ihm zum ersten Mal dämmerte, dass etwas nicht stimmte. Sein Handy hatte mehrmals vibriert, als würde jemand anrufen. Die Nummer auf dem Display sah allerdings merkwürdig aus: 22032. Das konnte keine Telefonnummer sein. Er überlegte kurz ranzugehen, aus reiner Neugier. Doch noch bevor er eine Entscheidung treffen konnte, brach der Anruf ab. (S.
„Wie jeden Morgen erwachte ich mit dem Gefühl, als hätte mich ein Fuhrwerk überrollt. Stöhnend reckte ich mich auf der verbeulten Strohmatratze, dann schwang ich die Füße aus dem Bett. Auf Zehenspitzen huschte ich zum Fenster der Dachkammer und blickte hinaus. Trotz meiner schmerzenden Glieder liebte ich die Morgendämmerung. Rustgate wirkte im ersten Sonnenlicht beinahe friedlich.“ (S. 7)
„In der Nacht, in der die Uhren zurückgestellt wurden, stieg Isaac Turner zu Big Ben hinauf, um seinem Vater dabei zuzuschauen, wie er die Zeit anhielt. Es gab dreihundertvierunddreißig Stufen im Inneren des Elizabeth Tower und als Isaac über das Geländer schaute, schien sich die Wendeltreppe unter ihm wie ein Teleskop in die Tiefe zu ziehen. Sofort wurde ihm schwindlig.“ (S. 9)
„Ich war ein Taschendieb und ich war ein zweites Mal gefangen worden. Das erste Mal, wenn die Stadtpolizei einen Dieb fängt, wird er im Hof der Polizeiwache ausgepeitscht und wieder laufen gelassen. Das war mir im Jahr zuvor passiert. Da war ich vierzehn. Die zwölf langen Narben auf meinem Rücken juckten jedes Mal, wenn ich nur daran dachte. Das Erste, was die Polizei macht, wenn sie einen Dieb fängt, ist, sein Hemd auszuziehen oder es einfach aufzureißen. Dabei ist die Polizei nicht zimperlich. An den Narben auf dem Rücken sieht man sofort, ob es das erste oder zweite Mal ist.“
„Natürlich warf Tom sich später vor, dass er nicht sofort begriffen hatte, dass mit diesem Baum etwas ganz und gar nicht stimmte. Aber später war man immer klüger und es war schließlich nicht leicht, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen, wenn Weihnachtsmusik durch alle Räume dröhnte – Frank Sinatra wie jedes Jahr, obwohl Lola diesmal Taylor Swift dazwischenmischte.“ (S. 15)
„Alle schlafen. Nicht alle stehen gerne auf. Alle machen Pipi. Nicht alle setzen sich aufs Klo.“
„Das Leben ist schön. Der Bauernhof in Liebewil ist ruhig, Frau Bill ist nett, aber das Wichtigste ist: Ich bin eine Katze, ein Kater. Der Kater Kopernikus. Das Katzenleben ist großartig. Ich bin sicher: Jede Maus, jede Laus, jedes Schwein möchte eine Katze sein. Menschen sind auch ganz gut. Sie sind wichtig. Denn sie können die Dose mit dem Katzenfutter öffnen.“ (S. 7)
„Aristide griff nach dem Buch mit den goldenen Lettern auf dem Rücken. Es stand unauffällig in einer Reihe von ähnlich aussehenden Wälzern, die alle von russischen Schriftstellern geschrieben worden waren. So ganz nach seinem Geschmack waren die oft traurigen Geschichten nicht, aber Aristide konnte damit seine Kenntnisse der russischen Sprache verbessern. Bevor er das Buch ein kleines Stück weit herauszog, um damit die geheime Tür in der Bibliothek zu entriegeln, horchte er in die Dunkelheit.“ (S. 9)
Von hier oben ist die Welt viel übersichtlicher. Alles wirkt geordneter, weniger chaotisch. Erst jetzt, mit dreizehn, kapiere ich, was Papa damals gemeint hat, als er zum ersten Mal vom Gleitschirmfliegen schwärmte. Dass man die Dinge aus der Vogelperspektive klarer sieht. Durch den Abstand. Ich sitze auf dem Hochhaus und wundere mich, dass dieses schreckliche Ziehen in meinen Beinen nicht beginnt. Komisch. Auch kein Herzrasen. Als würde ich träumen und dabei wissen, dass es nur ein Traum ist und die Schwerkraft mir nichts anhaben kann. (S. 5)