Erzählung

Silvia Flür-Vonstadl, Was du nicht wissen willst

h.schoenauer - 31.08.2014

Für besonders abartige Realitätsvorfälle haben unsere Sinnesorgane Abwehrmechanismen entwickelt, damit wir möglichst unversehrt bleiben. In der Literatur gibt es freilich Arrangements von Geschichten, die an diese Grenze heran gehen, wo der gesunde Menschenverstand sagt, „das will ich nicht wissen“, und die Neugierde uns dazu treibt, die Geschichte bis zur letzten Zeile auszuschlürfen.

Silvia Flür-Vonstadl greift in ihrem Mystery-Band etwas abseits der Realität neun Konstellationen auf, wo die Sinnesorgane versagen und die Logik der Wahrnehmung einen eigenartigen Drall bekommt.

Judith W. Taschler, Apanies Perlen

h.schoenauer - 24.08.2014

Am witzigsten wird die Literatur immer dann, wenn die Realität so kompakt ins Unwahrscheinliche verdichtet wird, dass man sie nur mehr mit Schmunzeln und Gelächter aushalten kann. Der von der Germanistik so geliebte Realismus kippt ins Sagenhafte, wenn sich auf jeder Seite eine neue Ungehörigkeit auftut.

Judith W. Taschler dreht in ihren vier Erzählungen heftig am Story-Rad, in immer schnelleren Episoden rasen dabei die Geschichte einem durchgeknallten Ende zu.

Giwi Margwelaschwili, Verfasser unser

h.schoenauer - 17.07.2014

„Ein Text ist zwar ein Gefängnis, aber guck mal nach, wo es löchrig wird.“ (102) Mindestens so abenteuerlich-grotesk wie der Lebenslauf Giwi Margwelaschwilis ist natürlich auch seine Literatur.

Der Autor wird seinerzeit 1946 vom sowjetischen Geheimdienst aus Berlin nach Georgien entführt, woraus er erst vierzig Jahre später wieder ausreisen darf. Mittlerweile wieder freiwillig nach Tiflis zurückgekehrt, kennt er sich in der deutschen und georgischen Literatur aus, die oft über erst einen bürokratischen Vorgang zur vollen Entfaltung kommt.

Picus-Verlag: Erich Hackl / Evelyne Polt-Heinzl (Hg.): Im Kältefieber

h.schoenauer - 06.07.2014

Der Österreicher ist ein begeisterter Kaiser-Fan, SUV-Driver und Schifahrer, da hat er es nicht gern, wenn er an Diktatur und Bürgerkrieg erinnert wird.

Anlässlich 80 Jahre Österreichischer Bürgerkrieg haben Erich Hackl und Evelyne Polt-Heinzl ein Lesebuch zu den Februartagen 1934 herausgebracht. Nicht nur der „Termin“ des Bürgerkrieges wird geflissentlich verdrängt, auch die Texte darüber sind längst unter der Staubschicht des österreichischen Vergessens von der Gegenwart abgeschottet.

Isabella Breier, Allerseelenauftrieb

h.schoenauer - 01.07.2014

Das sind immer die aufregenden Texte, wenn das verspielte Erzählen selbst erzählt wird.

Isabella Breier trifft für ihren „Allerseelenauftrieb“ ein üppiges Arrangement. Quer über den Text werden Mikrophone aufgestellt, alle möglichen Datenträger zeichnen Gespräche oder Träume auf, in üppigen Sequenzen werden Fragebögen ausgefüllt und Analysen gestartet.

Nikos Dimou, Über das Unglück, ein Grieche zu sein

andreas.markt-huter - 10.06.2014

„Es gibt Griechen, die kritisch über sich nachdenken, und Griechen, die das nicht tun. Die folgenden Gedanken richten sich vor allem an die Zweiten. Sie sind jedoch den Ersteren gewidmet.“ (7)

Den eigenen Landsleuten einen wenig schmeichelnden Spiegel vorzuhalten, kommt meist nicht gut an. Dennoch nimmt sich der Philosoph Nikos Dimou in seiner Aphorismensammlung „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“ kein Blatt vor den Mund. Doch wer genau liest, erkennt rasch, dass zwischen den Zeilen der Kritik, Liebe und Zuneigung, das „Wir“ dominieren.

Barbara Balldini, Einmal Schlampe, immer Schlampe

h.schoenauer - 05.06.2014

Guter Sex besteht aus einem handwerklichen Teil und dem verbalen Design. Kaum ein Thema lässt sich durch Changieren zwischen diesen beiden Ebenen so heftig diskutieren wie diese Praktiken, die jeden herausfordern und wovon jeder will, dass es gut gelingt.

Barbara Balldini arbeitet als Sex-Therapeutin einerseits im diskreten Gespräch, andererseits in großer Öffentlichkeit. Bei Kabarettsitzungen lacht im Idealfall das Publikum wie ein griechischer Chor und reinigt die ganze Stadt mit seinem Gelächter.

Nicolas Mahler, Der Mann ohne Eigenschaften

h.schoenauer - 20.05.2014

Das gehört zu den brennendsten Fragen der Literaturgeschichte: Wie kann man einen dicken Roman, den man kaum lesen kann, so straff zeichnen, dass man ihn wundersam leicht anschauen kann?

Nicolas Mahler ist der Meister der Reduktion, Figuren sind ihm oft zu üppig und werden deshalb meist weggelassen, das Gesicht des Protagonisten ist nur lästig, weshalb es zu einer Nasen-Wurst reduziert ist. Da kommt ihm das erste Kapitel aus Musils Monsterwerk der Mann ohne Eigenschaften gerade recht, dieses ist nämlich mit der wundersamen Fügung überschrieben: „Woraus bemerkenswerterweise nichts hervorgeht.“

Christoph Dolgan, Ballastexistenz

h.schoenauer - 18.05.2014

Ballast gilt in der Verdauung und im Ballonwesen als etwas Wertvolles, in der Psychologie und Soziographie allerdings als etwas Suboptimales.

Christoph Dolgan schickt in der „Ballastexistenz“ einen Ich-Erzähler vor allem auf den Balkon, von wo aus er das Leben geduckt verfolgt. Dieser Held ist Ballast auf allen Linien und empfindet sich selbst auch als überflüssig. „Ich mache keinen Mucks, fresse alles in mich hinein.“ (23)

Reinhard Wegerth, Früher und hier

andreas.markt-huter - 11.05.2014

Im Stimmenroman versammeln sich Sprüche, Ausfälle oder Anleitungen längst verschollener Situationen im Kopf zu einem stets abrufbaren Album aus vergangenen Zeiten.

Reinhard Wegerth setzt diese Erinnerungsmethode nach dem Roman „Damals und dort“ (2010) jetzt mit dem fast logischen Nachfolge-Roman „Früher und hier“ (2013) fort.