Belletristik und Sachbücher

Sepp Kahn, In Ewigkeit Amen

h.schoenauer - 11.06.2013

Die Beschwörungsformel „In-Ewigkeit-Amen“ wird bei der alpinen Bevölkerung bis zur Unkenntlichkeit verschluckt und entstellt, wenn sie bei Begräbnissen, Toten-Rosenkränzen oder Allerseelengängen in die rurale Luft der Fassungslosigkeit gehaucht wird.

Im Allerweltsdorf Unterhirschen ist die Zeit so unauffällig unterwegs, dass sie kaum jemand mehr bemerkt und darin verdrossen selbstverständlich sein eigenes Leben installiert.

Zoran Feric, Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr

h.schoenauer - 09.06.2013

Der Originaltitel „Kalendar Maja“ und der verrückt gute deutsche Titel sprechen gleichermaßen die Geheimbotschaft des Romans an: Es gibt eine mysteriöse Zeitmessung, die vielleicht für das Weltall gilt, vielleicht aber nur für uns persönlich gemacht ist.

Zoran Feric schickt in diesem Erkundungsroman den Protagonisten Thomir Romar durch eine Kindheit der Tito-Ära und anhand einer beinahe belanglosen Gynäkologen-Biographie durch die jüngere Zeitgeschichte Kroatiens.

Essl-Museum (Hg.), Literatur im Museum

h.schoenauer - 06.06.2013

Museen sind üblicherweise ein Ort der Anschauung mit beigefügtem Depot. Das Essl-Museum in Klosterneuburg startet immer wieder Versuche, durch die bloße Anwesenheit des Museums diverse Kunstgattungen zum Anspringen zu bringen.

Für die Sparte Literatur haben dabei sechs sogenannte junge österreichische Autoren und Autorinnen unter der Schirmherrschaft Erwins Ullmans im Umfeld des Museums ihre eigene Literatur in Gang gesetzt.

E. W. Bichler, Die Formel

h.schoenauer - 04.06.2013

Ein Buchumschlag wie eine Formel, der Autor stark verkürzt auf die Buchstaben E. W. und Binder, der Titel als Programm, Inhalt und Aufmacher: Die Formel.

Schon vom Umschlag her reißt es einen in dieses Formel-Buch des Osttiroler Autors [Eckehard] Bichler, straff und magisch wie eine Formel legt ein Ich-Erzähler los. Der erste Eindruck ist, hier kommt Midland in Stilfs über eine Tiroler Verstörung ins Hinterzimmer von Thomas Bernhard.

Luke Williams, Das Echo der Zeit

h.schoenauer - 02.06.2013

Was wie eine Fernseh-Sendung oder eine Postille über Neo-Adelige dröhnt, ist der literarische Versuch, einen individuellen Ableger der jüngeren britischen Kolonialgeschichte zu erzählen.

Luke Williams rückt ein Menschenleben aus der „Sicht“ von Geräuschen, Tönen, Stimmen und deren Echos in den Mittelpunkt. Zu diesem Zweck ist die Heldin Evie Steppman mit einem geradezu überirdisch feinen Gehör ausgestattet und hört ein halbes Jahrhundert ab nach dem Motto: „Die Augen kann man verschließen, die Ohren nicht.“(164)

Andreas Tiefenbacher, Christbaumcrash

h.schoenauer - 30.05.2013

Meist spitzt sich eine psychische Ausnahmesituation auf einen absurden Gegenstand zu, an dem der Wahnsinn abgerieben werden muss.

In Andreas Tiefenbachers Roman verfällt der Ich-Erzähler in eine formidable Sinn-Krise, hasst die Menschen wegen ihrer Gerüche und ihres Lärms, hat Angst vor seiner Frau, der er nach knapp einem Vierteljahrhundert Ehe nicht mehr gewachsen ist, und ist auf der Suche nach dem ultimativen Befreiungsschlag.

Rainer Wieczorek, Freie Hand

h.schoenauer - 28.05.2013

Manche Berufe sind so rar und von der üblichen Arbeitswelt entlegen, dass allein ein beruflich angelegtes Journal bereits zu einem Roman ausartet. Während es Literaturhäuser wie Sand am Meer gibt, ist der sogenannte Literaturhaus-Roman etwas Seltenes geblieben.

Rainer Wieczorek erzählt mit der majestätischen Wir-Form vom Gründen, Umbauen und Etablieren eines Literaturhauses. Während einer kurzen Schifffahrt auf einem sinnlichen Binnenkanal entsteht die Idee, aus einer ehemaligen Isolierstation aus dem Jahre 1915 für Darmstadt ein Literaturhaus zu formen.

Evelyne Polt-Heinzl, Österreichische Literatur zwischen den Kriegen

h.schoenauer - 27.05.2013

Die Literatur ist oft konkreter als jede Theorie, was liegt also näher, bei der Analyse einer  Epoche neben den historischen Quellen die entsprechende fiktionale Darstellung hinzuzufügen.

Kaum eine Epoche wird in Österreich so verdrängt wie die Zwischenkriegszeit, Zyniker behaupten, weil die Parallelen zur Gegenwart zu eklatant sind. Man denke nur an Korruption, Bankencrash oder die amorphe Bevorzugung der Stände, sei es bei Dolferl (Dollfuß) oder Wolferl (Schüssel).

Giwi Margwelaschwili, Fluchtästhetische Novelle

h.schoenauer - 23.05.2013

„Wie komme ich jemals von hier weg, wenn kein Leser mich begleitet?“ (62)
Wakusch, der Held der fluchtästhetischen Novelle, hat tatsächlich seltsame Sorgen.

Er ist entführt worden oder vom Geheimdienst verhaftet, sitzt als Nachkriegsgefangener am Flughafen Berlin Schönefeld in einer Douglas mit sowjetischen Hoheitszeichen und sieht, wie die Maschine propellert, aber nichts geschieht. Als Buchstabenheld unterliegt er den Gesetzen der Buchstabenwelt: Buchpersonen sterben durch das Nicht-gelesen-Werden.

Florjan Lipus, Bostjans Flug

h.schoenauer - 21.05.2013

In der Poesie gilt der Flug als ein eigener Zustand zwischen Wirklichkeit und Traum, weshalb  gerade in der Lyrik oft der Vogelflug als Verbindung zwischen diesen Erlebnissen eingesetzt ist.

Florian Lipus nennt seinen Roman einen Flug, Bostjans Flug, in dem der Held in einem Trance-haften und traumatisierten Zustand durch die Gezeiten gejagt wird.