Engelbert Obernosterer, Der Kampf mit dem Engel
Die späten Jahre verbringt ein denkender Mensch vielleicht am besten damit, dass er sein Leben immer wieder aufs Neue erzählt. So wird der sogenannte Lebenslauf jedes Jahr anders, wie auch ein Feld je nach Fruchtfolge ständig etwas anderes aus sich wachsen lässt.
Engelbert Obernosterer beginnt seinen „Kampf mit dem Engel“ mit dem aufregend routinierten Anwerfen eines Tages. Gerade in einer entlegenen Gegend wie dem Gailtal ist scheinbar jeden Tag nichts los, aber noch ehe der Kaffee durch den Filter geronnen ist, springt einen schon das Leben mit mannigfaltigen Eindrücken an. Wo nichts Digitales an Empfindungen vorgeschaltet ist, ist das Leben nämlich sinnlich, haptisch und voller Gerüche.
Erzählungen, die in einem Projektunterricht entstehen, haben oft den Charme großer Unverfrorenheit. Die jungen Autorinnen und Autoren können sich alles vom Leib schreiben, was sie gelesen und gehört haben, und müssen auf keinen Markt Rücksicht nehmen.
Gewisse Kunsttechniken sind so knapp an die Seele herangeschneidert, dass sie in mehreren Kunstgattungen auftreten können und dabei jeweils die Psyche der Protagonisten oder die Melodie der Seele zum Klingen bringen.
„Gibt es im Weltall einen anderen Ort, an dem wir leben könnten? Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun – gemeinsam mit der Erde umkreisen diese Planeten die Sonne. Könnten wir nicht einfach auf einen von ihnen umziehen?“
Für Soziologen und Geografen ist das Tal etwas vom schönsten, was einem als Wissenschaftler passieren kann. Ein Tal ist ordentlich im Gelände eingegraben, es gibt ein Oben und Unten, die Entfernungen sind überschaubar, die Soziotope innig.
„Irgendetwas stimmte nicht. Alles war auf einmal so still. Das Rauschen der Blätter an den Bäumen draußen im Hof war verstummt. Ebenso das Stimmengemurmel hinter der Tür der Buchhandlung. Selbst die Uhr an der Wand tickte nicht mehr.“ (7)
Wenn ein Meister erzählt, unterscheiden sich diese Kunstwerke äußerlich, thematisch oder strukturell kaum von anderen Erzählungen, die als gewöhnlich gelten. Aber untrügliches Zeichen der Meisterschaft ist immer jenes kaum hörbare Ticken, das sich oft erst nach Tagen im Corpus der Leserschaft entfaltet.
„Am Anfang, sagte der Apfel, am Anfang war ein Kern. Ein winzig kleiner Kern. Der schwebte irgendwo im weiten Weltenraum und platzte eines Tages. Ein zartes Grün spross. Das reckte sich und streckte sich.“
Wenn die Sinnesorgane auf Verbrechen eingestellt sind, entdecken sie überall und in den idyllischsten Lagen jenen Rauch, der bei Verbrechen gerne aufsteigt.
„»Dinge-Geschichten« handelt vom Austausch rätselhafter Dinge zwischen Deutschland und China. Neun Gegenstände aus dem chinesischen Alltagsleben wurden neun Menschen aus Deutschland vorgelegt. Umgekehrt übernahmen neun Chinesen die Patenschaft für je einen deutschen Gegenstand. Jeder entdeckte seinen Gegenstand auf eigene Weise …“ (6)