Rainer Juriatti, Strandschatten
Schatten und Strand sind bei kluger Anwendung schöne Metaphern für das Bewegliche, Un-Fixe, Veränderbare. Beim Strandschatten tauchen in der Vorstellung vielleicht dunkle Flecken auf, die sich im Sonnenlicht um einen Erzählstandpunkt herum bewegen.
Rainer Juriatti nimmt den Strandschatten zum Ausgangspunkt für eine doppelte Geschichte, einmal fällt der Strandschatten auf den historischen Strand an der Normandie, an dem am D-Day die amerikanischen Truppen landen und dem Nazi-Spuk ein Ende bereiten. Auf der heroischen Ebene des Helden hingegen ist der Strandschatten eine Auffrischung und Neuinszenierung verblichener und verstorbener Gesten im innigsten Familienbereich.
„Ein Olchi hat Hörhörner. Er hört Ameisen husten und Regenwürmer rülpsen. Die Knubbelnase riecht gern Verschimmeltes und faulig Stinkendes. Olchi-Haare sind so hart, dass man sie nicht mit einer Schere schneiden kann, sondern eine Feile braucht.“ (4)
Die verrücktesten Dinge kann man nur zähmen, indem man ihnen einen Namen gibt. Die Griechen haben für skurrile Vorgänge jeweils einen Gott installiert. Gott Erebus ist seither für die Finsternis zuständig und dadurch ein idealer Namensspender für einen Verlag in der Provinz.
„Jetzt sah auch Lucius, dass von der goldenen Pupille im Auge Umbaks ein eigenartiges Funkeln ausging. »Irgendetwas stimmt nicht«, rief er. »Theo hat einen Zauber ausgelöst.« »Einen Zauber?«, erwiderte Harold. »Du spinnst wohl. Es gibt keine Magie.«“ (78)
Gegenden, die von Menschen mit gedämpftem Selbstbewusstsein bewohnt werden, tragen gerne verrückte Sportarten aus. So wird der grenzwertige Macho-Dolomiten-Mann naturgemäß in Osttirol ermittelt, während der Kärntner Ironman am Wörthersee sich durch deftiges Kraulen und Strampeln hervortut.
„Er hieß Clemens. So rief ihn die Frau, auf deren Hof er mit einem Huhn, einer Kuh, einem Ferkel, einer Ziege, einem Schaf und einem Kaninchen zusammenlebte – Clemens, der schwarze Kater.“
Gedichte wie einen Papierflieger bauen und über eine weiße Fläche jagen, Luft so lange beschreiben, bis sie Knetmasse wird, Sätze so lange abschleifen, bis nur noch die zwei wichtigsten Wörter übrig bleiben.
„Rom im Jahre 9 nach Christi Geburt. Ein Bote eilt durch den Kaiserpalast und überbringt Augustus die erschütternde Nachricht, dass Germanen drei Legionen vernichtet haben. Später wird dem Imperator ein makabres Geschenk überreicht: der Kopf des toten Varus, des Statthalters in Germanien.“ (8)
Damit ein Staat einen Namen hat und weltweit anerkannt ist, muss er in Werbung, Mythen und Skurrilitäten investieren. Die Schweiz ist wahrscheinlich das ironischste und kreativste Mythengebilde unter dem globalen Staatenhaufen.
„»Gehen wir WEG? Ziel: Gizeh – Altes Ägypten. Zeit: 2585 v. Chr. Herrscher: Pharao Snofru. Am Samstag, 15. September. 9 Uhr ägyptische Zeit.« Musa drückte auf »Senden« und wartete ungeduldig auf die Antworten der anderen.“ (8)